Aufzeichnungen
aus dem
Friedrichshainer
Gehäuse.

Zu Besuch bei Falk Nordmann.

Falk Nordmann: behau_ptung_sung. schwarze kreide & asche auf papier, 147×112 cm, 2010
Falk Nordmann: behau_ptung_sung. schwarze kreide & asche auf papier, 147×112 cm, 2010

In der Zirkulation der Bilder und Zeichen, im Strom der Texte und Symbole ist kein Anfang in Sicht. In immer neuer Gestalt weisen sie hin und her und zeigen ihre Schatten, aus deren derben Flecken der Umriss kommender Zeichnung wuchert. In der Nähe dieser Zeichnung liegen Höhle und Häutung, liegen Gärungsbuchten. Ein wieder und wieder gewendetes Spiel aus Impulsen, Umwegen und Sendungen. In den Hirnrinden und auf dem Papier.

Im Friedrichshainer Atelier schweben Staubpartikel im seidenen Licht der Frühsommersonne. Wir sitzen bequem, die Sessel sind tief. Draussen die schon passierten Wege, die schrägen Schatten. Ich blicke auf den kleinen tuschschwarzen Tisch, an dem die Zeichungen entstehen. Hier ist das Innere des Kokon. Die Behausung des Zeichners. Kokon nennt sich ein umfangreiches Konvolut von Zeichnungen auf Bütten, angefertigt über Jahre, mittlerweile angewachsen auf weit über Tausend, die sich derzeit in 11 Schachteln zu 111 Zeichungen aufstauen. In ihnen kreist ein heterogener Kosmos aus Bildelementen, ein bewegliches Heer von Bildern und Zeichen, deren dubiose Sinnbezirke nicht immer klar zu kartographieren sind, aus deren Schattennestern und Lichtlachen aber sich Geflechte präzis gefasster Wirklichkeitsabkömmlinge, metaphorische und katastrophische Landschaften, unmögliche, ineinandergekantete Architekturen ausformen.

Falk Nordmann: Kokon 0224 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0224 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0169 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0169 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0525 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0525 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0511 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0511 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0009 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0009 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0010 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0010 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0019 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0019 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0042 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0042 © Falk Nordmann

Narrative Bildsequenzen, auch eigenwillige, fragwürdige, unhandliche Objekte werden zuweilen von Wortblöcken und Textschnipseln begleitet. Auf anderen Blättern liegen abstrakte Gebilde. Teils eingefasst von großzügig geschwärzten Flächen wie Makroaufnahmen graphischer Grundstrukturen.

In den Nordmannschen Bildangeboten ist ein elementares Suchen am Werk, eine Hand im Finden, unter deren Herumbilden sich die Dinge wie von selbst verknüpfen. Als ikonische Modelle verbinden sich in ihnen Fragen visueller Logik mit Fragmenten von Erzählung. Das Prinzip der Folge zeigt seine Regeln. Der Betrachter staunt, was er in den leeren Händen hält. Ein Flechtwerk von Motiven, manchmal in Clustern. Bedeutungsfäden, dem Schauenden anvertraut.

Zug um Zug, Blatt um Blatt, setzt der Zeichner seinen Strich im Wissen um die Unmöglichkeit, den Punkt zu treffen. In den Exkreten fliehender Linien verspannen sich Resonanzräume aus verschiedensten Bildkulturen. Die Bildgeschichten des Comic scheinen in diesen Blättern auf, ebenso wie narrationsferne visuelle Systeme, deren spezifische retinale Strategien der Op-Art entstammen. Erinnerungen aus dem überwinterten Bildgedächtnis der Moderne begegnen der ausgetretenen Leere von Blaupausen aus dem allgegenwärtigen massenmedialen Bildarchiven. In manchen graphischen Strichlagen finden sich Einflüsterungen eines Gustave Doré oder Rembrandt.

Auch wenn der Zeichner gerne vom positiven Wert der Beliebigkeit spricht: die postmodern vertrauten, diversen Konzepte kultureller Praxis – Collage und Montage, das Samplen und Mixen, mash-up und cross-over – scheinen für diese Arbeiten zwar so etwas wie ein kulturtechnisches Apriori zu sein, sie reichen aber nicht bis in die Unterströmungen dieser Zeichnung hinab.

Zu viel Magensäure ist in dieser souverän beherrschten Schutzhülle des Kokon im Spiel. Alles Vorgefundene, Vorbildliche und Vorbewirkte wird im Akt der Zeichnung, im Geist der Erfahrung umgebildet. Orte und Räume, Innen und Aussen vernetzen sich. Wiedergekäutes speist sich in den Sog einer eigenen Bildwelt ein.

Die Spinndrüsen des Seidenspinners. Nach Strich und Faden. Der Vorgang des Zeichnens spürt ins Unsichtbare seiner Möglichkeiten. Dort wo sich Sehbahn und Bildpunkt treffen, an den Vielfältigkeitsstellen, sammeln sich Bündel aus Fluchten und Zweigen.

Falk Nordmann: Kokon 0427 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0427 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0419 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0419 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0015 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0015 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0016 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0016 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0182 © Falk Nordmann
Falk Nordmann: Kokon 0182 © Falk Nordmann

Das Kokon ist eine Hülle. Zart und labil. Ein biomorphes Gehäuse, eine selbstgesponnene Schattenhöhle, ein Existenzmodus und Weltinnenraum. Fadenscheinig und durchscheinend wie das Medium der Zeichnung. Das Kokon ist ein Spielfeld. Es ist eine Art autokommunikatives Verpuppungsstadium.

Seziert man den Kokon, so finden sich neben der Metaphorik des Rückzugs unüberhörbar auch jene Bedeutungsebenen der Gestaltenwandlung, überhaupt diejenigen von Transformationsprozessen, in deren Rahmen sich produktionsästhetische Reflexionen über Kunst seit alters bewegen. Im Bild des Kokon kreuzen sich Überlegungen zum Entstehungszusammenhang symbolischer Geflechte mit sozialräumlichen Sinnfiguren, in denen der Künstler seine individuelle Balance aus notwendiger Abschottung und Sammlung mit dem kunstgenuinen Anspruch auf Sendung und Strahlung abzuwägen hat.

Das Kokon in seiner Gestalt als Bild und Konvolut ist Teil einer gleichsam autopoetischen Akkumulation, ein Gebilde, in dem sich Geistiges und Stoffliches übergangsweise in einer bestimmten Form bündelt. Ein Abschnitt einer fortlaufenden lebenszyklischen Umwandlungskette…

…und wer beim Kokon nur an die Seide denkt, dem ist nicht zu helfen.

Wir sitzen und sitzen, damit der Text wächst und vielleicht auch der Faden. Wir plaudern uns kreuz und quer durch die Bildgeschichte, durch die Transferebenen des Geistes, reden über die Möglichkeiten wahrnehmungstheoretischer Modelle und über unzureichende Bildbegriffe.

Im Nebenraum stapeln sich verteilt auf zwei großen Blöcken die neuesten Arbeiten. Auch in diesen erneuern sich dem Kokon verwandte Bedeutungszusammenhänge. Mit be.hau.ptung/sung ist dieser mehrteiligen Werkgruppe aus großformatigen Arbeiten auf Papier ein Titel gegeben, in dem die sprachlich-assertorischen, kommunikativen wie überlebensnotwendigen Geltungsansprüche der Behauptung sich buchstäblich in einen Ort geschützten Lebensraums – nämlich den der Behausung – schieben.

Es klingt in diesem doppelköpfigen Begriff nichts mehr vom zarten Sinnbild des Kokon mit seinen textuellen Assoziationsfeldern des Spinnens und Webens und seiner seidigen Poesis nach. Klanglich entsteht eine andere Zone, neutraler, direkter, benennender, aber doch durchstrickt mit ähnlichen, im Kurzschluss der Worte aufzuckenden Elementarfragen. Es sind Fragen des menschlichen Selbstverständnisses nach seiner räumlichen, körperlichen und zeichenabhängigen Existenz, Fragen nach der Sesshaftigkeit eines Schweigens und den Behauptungskämpfen des Nomadischen im Angesicht seiner metaphysischen Obdachlosigkeit. Das Feld des Fragens, das Nordmann mit diesem Titel öffnet, führt in die Wirren des Grundsätzlichen.

Sind es der Bart des Künstlers, sein Zeichentisch, das seitlich einfallende Licht, das Motiv des Gehäuses, der Totenschädel, die mir Dürer in den Bildsinn spülen?

Dürers berühmter Meisterstich, Hieronymus im Gehäus. Das Interieur mit seinem gelehrtenikonographischen Inventar, der ausgeprägte Schattenwurf der Dinge, das Gehäuse als Ort geistiger Versenkung, in Klausur mit den Zeichen, ein Guckkasten mit Totenschädel, bequemen Sitzkissen und baumelndem Kürbis. All die Übersetzungsfragen und Übertragungskomplikationen.

Wie strickt sich der Mensch seine Nähe, in der Höhle, im Kokon, im Gehäuse, im Netz der Urbanität?

In Nordmanns Gehäuse liegt eine grüngriffige Axt neben den neuen großformatigen Bildern, daneben eingerollt das abgewetzte Leder eines ehemaligen Turngerätes aus fernen westdeutschen Tagen, Gummihandschuhe daneben. Schräg gegenüber, in jenem unnachahmbar kindheitsvertrauten Orange der Siebziger eine Schreibtischlampe provisorisch festgeschnürrt an einem selbstgebastelten Konstrukt, eine Art Lichtmast, an dem andere möglicherweise noch einsatzfähige Leuchtmodule baumeln.

Wie abgezogene Häute schichten sich die Bilder in der Werkstatt des Zeichners auf. Die Produktionsstätte dieser Kommunikate eine Abdeckerei? Auf den Bildträgern lagern sich lederne Landschaften ab. Sie sind das Ergebnis eines Arbeitsprozesses, in dem in Leinöl fermentierte Asche auf das Papier gebracht wurde. In dessen körniger Struktur erscheint die Zeit und das Licht aufgehoben. Ein schimmriger Akkumulator von höchster stofflicher Präsenz. Leicht verliert sich das Auge in diesen zuweilen flammenden siena- und umbratönigen Untermalungen mit ihren Lichtungen und Ascheverdichtungen, den transparenten und opaken Arealen. Bildmittig behaupten sich darin selbstbewußt die dunklen Signets in ihrer klar gesetzen Kontur wie frisch tätöwierte, eingebrannte, eingeätzte oder eingeritzte Zeichen. In dichtschraffierten Graphitlagen wurden sie in die Bildhäute eingetrieben.

Eine zeichensetzende Macht ist hier am Werk. Auf einer schwer benennbaren Grenze zwischen Malerei und Zeichnung, die nur graduelle Unterscheidungen kennt. Eine Macht, die konzentriert und doch beiläufig ihre Spuren und Schatten auf dem Blatt hinterlässt.

Falk Nordmann: b_hau-{ptung}-{sung}. schwarze kreide & asche auf papier, 147×112 cm, 2010
Falk Nordmann: b_hau-{ptung}-{sung}. schwarze kreide & asche auf papier, 147×112 cm, 2010

Anders als in den Kokonzeichnungen sind bei den Arbeiten aus der Serie be.hau.ptung/sung die Bildinhalte auf ein bescheidenes Ensemble von Motiven ausgedünnt. Nordmann operiert dabei zunächst mit den eng begrenzten motivischen Grundbausteinen Haus / Pfeil und der menschlichen Figur. Diese allerdings verbinden sich zu immer wieder neuen enigmatischen Figurationen. Jeder Bildhaut ist so ihr eigenes Signet eingebrannt. Obwohl deren Bildgestalten in ihrer Umrisshaftigkeit prägnant auf eine visuelle Information zugeschnitten sind, und diese Zeichenkörper in ihrer piktogrammartig verkürzten Bildsprache versprechen, etwas zu verstehen zu geben, entziehen sie aber sogleich ihrer Andeutung – als orientierungsgebendes Bildzeichen ein Bedeutungsüberträger und Regulator menschlicher Handlungs- und Kommunikationsfelder zu sein – die Sicherheit einer verabredeten Bedeutung. Im Bedeutungszugriff erodiert die Festigkeit der Verweisbeziehung in eine Bedeutungsoffenheit.

Zum Verständnis dieser Signets steht keine Anleitung bereit. Sie erklären sich nicht, bleiben uneindeutig und werden nicht unter Kontrolle gebracht werden können. Sie unterlaufen schlicht das zeichenökonomische Paradigma hinweisender Schilder auf bestimmbare Assoziation. Und dennoch sind sie Zaunpfähle des Zeigens. Hinweise auf den Gang von Gedanken, der noch und nur selbst zu gehen ist.

Die Bedeutungsoffenheit seiner Signets verbindet Nordmann mit einer sparsamen Ökonomie ihrer Mittel. So beschränkt er die zeichnerischen Mittel auf die Erarbeitung eines signifikanten Umrisses, in dem sich das Wesentliche der Wahrnehmungsgestalt in wenigen pointierten Details aus den Abstraktionen der Flächenformen entwickelt.

Dabei ist das häufigste Bildmodul Haus/Pfeil in seinem einfachen geometrischen Zusammenschluss von Dreieck und Rechteck ein Doppelmotiv, in dem sich beide Bedeutungen in einer genau ausbalancierten Figur überlagern, deren Ausdeutungen je nach Zusammenhang zugunsten der einen oder anderen Sinnrichtung kippen können.

Es sind diese geschickt ausbalancierten Spielräume aus Figur und Grund, in denen sich die wiederkehrenden Bildzeichen Haus, Pfeil, Mensch, die Kontur einer hockenden Figur und der Totenschädel in immer neuen Konstellationen, in schleichenden Übergängen und abrupten Kehrtwenden bewegen.

So folgt das Auge auf einem Blatt einem sicher geglaubten Umriss an der Aussenseite einer Hauswand, bewegt sich entlang der Kontur auf der Grenze eines sich sanft dehnenden Schattens, bis es unbemerkt einem neuen Weg folgt, einer Bewegung nach Innen, die es in eine jener so häufig auftauchenden, hockenden Figuren hineinführt. Einschneidend in den Schattenraum springt das Auge um, stülpt sich der eben noch vordergündig tiefdunkle Innenraum in einen umfangenden Hintergrund um. Aus dem lichten Grund der freiliegenden Untermalung wölbt sich eine Ausbuchtung nach innen, in die das Licht hineinfließt und in eine hockende Doppelfigur sich weitet. Zwischen ihren Knien bildet sich eine tropfenförmige Insel.

In seiner undurchsichtigen Behausung sitzt dieses Zwillingspaar sich still gegenüber. Kauernd, fast karg ihre Körper, nur durch die kleine Schatteninsel in ihrer Mitte voneinander geschieden. Was liegt zwischen ihnen, das sie verbindet? Was umschließt ihre Zuwendung? Im manieristischen Spiel ihrer gegenseitigen Entspiegelung verschwindet jedenfalls der ursprüngliche Körper als Bezugsquelle des Gespiegelten. Es verbleibt nur die inverse Form eines Tintenklecksfaltbildes zu ihrer Deutung, und das Verschwinden des Spiegels in der Tiefe der Falte.

Rorschach und Prinzhorn. Neben dem Spiegel der Totenkopf. Vanitas. Ein anderes Papier, ein anderes Signet. Aus dem Profil eines Gesichts schwingt nach unten aushöhlend der Schatten des Totenschädels in eine hockende Gestalt hinein. Wieder eine hockende Gestalt, diesmal aber eingezwängt in den Schatten einer viel zu kleinen Behausung, wie in einer Kapsel. Ist dieses Motiv noch ein Haus, oder nur noch ein Pfeil? Meditiert die Figur den Tod, dessen eingewendeter Schädel motivisch dieses Signet beherrscht? Wohin geht die Reise? In welche Tranzendenz weist dieser Pfeil?

Falk Nordmann: behau_ptung_sung. schwarze kreide & asche auf papier, 147×112 cm, 2010
Falk Nordmann: behau_ptung_sung. schwarze kreide & asche auf papier, 147×112 cm, 2010

Nordmanns Schattensignets rufen, – sie rufen nach Sinn, von dem Nietzsche einmal sagte, man müsse ihn schon hineinstecken. So rufen sie, bis hinter den Bildern und hinter den Wänden in ihrer silhouettenhaften Stilisierung des Schattenbildes Erinnerungen an Platons Höhlengleichnis, aber auch an die von Plinius überlieferte antike Legende vom Ursprung der Zeichnung aus dem Schatten des Geliebten erwachen. Auf manchen dieser Blätter erinnern büstenähnliche Profile geradezu handfest motivisch an diesen legendären Schattenriss.

Dunkel dominiert auf einem Blatt eine solche Silhouette, die den Kopf zum Ruf reckt. Sein von Schraffuren freigelassener Rachenraum ist in ein Haus/Pfeil-Bildmodul umgeformt, in das wiederum eine dunkelfigurige, hockende Gestalt eingetragen wurde. Die Behausung dieser kleinfigurigen Gestalt wird gekippt zum Pfeil, zum richtungsweisenden Signal der Umwandlung des Atems in Stimme, so als ob dieses Bildzeichen selbst zur Transformation ins Phonetische dränge. In diesem zeigt sich ein Drängen der Stimme, das auch andere Bilder unter ihrer Haut bestimmt. Das Zeichen, das zur Sprache kommt, das Unbestimmte, das im Symbolischen bewältigt wird.

In den Sedimenten dieser Zeichenkörper sind skiagraphische Nachbilder aus den antiken bild-und zeichentheoretischen Untergünden aufbewahrt. Aufgehoben wie die Verfestigungen des lebendigen atmenden Körpers in der Nachzeichnung seines Schattens, erwachsen aus dem anzeigenden Umfeld der Schatten und Höhlen, aus denen sich die Abbilder auslösen. Sind die Schatten mehr als ein Double der Dinge? Behaupten sie mehr als die körperlose Hülle, das täuschende Abziehbild eines abwesenden Körpers zu sein? Sind sie nur bildlicher Rest einer abgelösten Anwesenheit? Sind die Schatten das Echo der Nacht?

Falk Nordmann: be/hau-ptung/sung. schwarze kreide & asche auf papier, 147×112 cm, 2010
Falk Nordmann: be/hau-ptung/sung. schwarze kreide & asche auf papier, 147×112 cm, 2010

Ein bei Platon wenig bedachtes Moment des Schattenbildes ist seine amorphe, züngelnde Ungenauigkeit, seine Tendenz zur Wanderung und Verwandlung der Gestalt, kurz seine Begabung zum Phantasma.

Nordmann hat sich zeichnerisch immer wieder mit der Höhle als Rückzugsort und Zeichengefängnis seiner Bewohner befasst, diverse Höhlenrekonstrukte aus den Skizzenbüchern belegen das. Aus ihrer Bildgenese hat sich möglicherweise als Abkömmling auch die wiederkehrende Gestalt der hockenden Silhouette entwickelt. Auch die Produktion der Signets selbst spielt in gewissem Sinn mit den im Höhlengleichnis schon angelegten bildgebenden Übertragungs- und Projektionsvorgängen. Auf die klassische Entwurfsarbeit im Skizzenbuch folgt eine Überarbeitung der Skizzen am Rechner, bei der ihr Schattenriss als Vektorgraphik idealisiert wird. Die fertigen Signets, jederzeit auch in anderen Zusammenhängen einsetzbar, werden dann auf die Höhlenwand – sprich die Papiere – projiziert, die während der Bearbeitung auf große Spanholzplatten gespannt sind.

Ebenso gilt Nordmanns Begeisterung den verwandten Bildakten archaischer Höhlenmalerei, ein ürigens so naheliegender wie selten beachteter kulturgeschichtlicher Querstollen zum platonischen Höhlengleichnis. Als Behausungsort der frühen Menschheit zeugt die Höhle mit ihren Malereien von den bildmagischen Anfängen der Zeichnung als virtuelle Praxis und Symbol. Diese archetypisch-sinnbildhaften Qualitäten sind den Schattensignets beigemischt.

Neben diesen vom Künstler selbst genannten Bezugssystemen ‘Höhle’ und ‘Schatten’, unterhalten diese Signets eine stille Verwandschaft zu ihren emblematischen Vorfahren, und wohl auch deshalb kann man sich einige von Ihnen durchaus als Bildmotiv für  Tatöwierungen vorstellen, deren Bildquellen nicht selten auch emblematischer Natur sind.

Eines seiner Schattensignets zeigt ein eigenartiges, proteusgleiches, zeichenhaftes Gebilde aus Mensch und Schlange. Dabei wächst aus dem schwungvoll geformten Umriss einer menschlichen Silhouette der Hals sich schlangenförmig zurückwendend zu einem weiten Ring aus, wobei das Motiv des Hauspfeils an seinem Ende zur Andeutung eines Schlangenkopfs mutiert, der den eigenen Halsansatz mit seiner Pfeilkopfspitze bedroht.

Nordmanns Schlangenritual unterhält eine unterirdische Verwandtschaft zu emblematischen Darstellungen wie Aldos delphinumwickeltem Anker, in dessen augusteiischem Motto semper festina lente sich das Widersprüchliche und Gegensätzliche – die immerwährende glückliche Verbindung von Delphin und Anker, von Verankerung und Beweglichkeit, Schnelligkeit und Geduld – im Zeichen des Rings zur philosophischen Lebensmaxime vereinigt. Ein solches Sinnbild entstammt einem gänzlich anderen geistigen Hintergrund; auch zeigen Nordmanns emblematische Aufzeichnungen immer nur das Icon ohne Lemma, ohne Epigramm, was sie der kunsthistorischen Kategorisierung unverdächtig macht. Tiefgreifender noch unterscheiden sie sich aber darin, ihren Bildsinn nicht gezielt im Rahmen einer grundsätzlichen Übersetzbarkeit zu verrätseln.

In ihrer Bedeutung sind diese Signets offen für die Irritationen des Irrationalen. So präzise sie in der Stichhaltigkeit ihrer Form, so geschlossen sie in ihrem diskreten Kosmos von Bildemelementen auch sind, so irreduzibel sind ihre Behauptungen auf eine Bedeutung. Ihre Bedeutungs-und Gestaltübergänge reichen bis ins Unverstandene hinein. Unaufdringlich führen diese in ihrer Deutungsbedürftigkeit vertrauten Gestalten uns an einen Ort, an dem der Sinn plötzlich stockt und in verschiedene Richtungen weist. Es ist ein Ort ursprünglichen Staunens.

Aus einer kleinen Kerbe, einer Einbuchtung in der Aussenhülle eines Hauspfeils entwickelt sich in einem einzigen großen Schwung eine fallende Gestalt mit ausgebreitetem Arm. Die Brust im ansetzenden Fall nach vorne gedrückt. Ein Artist, ein Kunstturmspringer auf der Kante, vor dem Absprung ins Nichts.

Eine nostalgische Silhouette mit einem Haus als Bauchinnenraum und vor ihrem Mund steht ein mondbleicher Atem.

Was bleibt von dieser aufrecht stehenden Figur, die anbetend aus der Bildschräge heraus Hauspfeile empfängt. Wie von Sendesignalen wird der Kopf durchdrungen. Bei ihrer Duchquerung amalgamieren die Schatten. Ein neues Signal entsteht: ein Haus/Pfeil/Kopf.

Mit welchen Riten der Gegenwart sind diese archetypischen Zeugen verbunden?

Welche drängenden Schatten und Zeichen sind es, die uns hinaus führen in die Offenheit des Unbehausten?

was also ist hinter den bildern und hinter den wänden?

wie verpuppt sich die idee, wie strichelt sie sich aus dem innern ans licht…

eine anständige Chimäre braucht keinen Drachenschwanz um vom Tod zu singen… bemerkt der Künstler und geht seinen Weg.

⎯⎯

Falk Nordmann | qjubes

Neue Kokons ab No. 1111

Homepage | Falk Nordmann

Sven Grünwitzky | qjubes