Ich habe dich zum Fressen gern.

Zur Ausstellung "Alles Kannibalen?".
me Collectors Room Berlin.

Cindy Sherman: Untitled 225, 1990, Farbfotografie, 1219 x 838 cm © Olbricht Collection Berlin
Cindy Sherman: Untitled 225, 1990, Farbfotografie, 1219 x 838 cm © Olbricht Collection Berlin
Installationsansicht, Alles Kannibalen, 2011, © me Collectors Room Berlin, Foto: Jana Ebert 1
Installationsansicht, Alles Kannibalen, 2011, © me Collectors Room Berlin, Foto: Jana Ebert 1

Alles Kannibalen? Eine Ausstellung im Me Collectors Room Berlin versucht gegenwärtig dem vielschichtigen Thema der Anthropophagie auf die Spur zu kommen. Die in Zusammenarbeit mit dem Pariser Ausstellungshaus „la maison rouge“  entwickelte Ausstellung war dort zunächst bis zum 15. Mai am Boulevard de la Bastille zu sehen. Nun sind die Kannibalen in Berlin. Und bespielen dort das private Kunst- und Sammlerhaus Olbricht, dessen fest installierte Kunst- und Wunderkammer mit Werken der Renaissance- und Barockzeit eine gute Begleiterin gibt. Schließlich formt sich aus den Kuriositäten an den Nahtstellen von Kunst und Natur ein bedeutungsvoller eigener Kosmos aus Leben, Eros, Tod und Vergänglichkeit.Im Zusammenspiel mit zahlreichen ethnographischen und kulturgeschichtlichen Dokumenten und Kultobjekten zur Anthropophagie nähert sich die Ausstellung unter der kuratorischen Leitung von Jeannette Zwingenberger der überraschenden Virulenz an, die das Thema in der gegenwärtigen Kunstproduktion erfährt.

Titelgebend war dabei die von Claude Lévi-Strauss in einem Artikel in La Repubblica geäußerte These, dass wir alle Kannibalen seien, da das einfachste Mittel, sich mit dem Anderen zu indentifizieren, sei, ihn zu essen. Von diesem Kerntatbestand des Kannibalismus ausgehend fächert die Ausstellung nun unterschiedliche thematische, motivische und metaphorische Bedeutungsebenen der Menschenfresserei auf, die das verschlungene Verhältnis zum Anderen in ihren imaginären, immunologischen und politischen Bezugsfeldern verortet.

Gleich zu Beginn des kannibalistischen Parcours im Foyer kontrastieren die kleinen Mangazeichnungen des japanischen Künstlers Suehiro Maruo mit einer großformatigen, aufwendigen Zeichnung von Jérôme Zonder.  Bei Maruo wird der reale Fall des japanischen Kannibalen Issei Sagawa, der in den 80er Jahren eine Holländerin ermordete und Teile ihrer Leiche überwiegend roh verspeiste, zum Gegenstand der Bilderzählung. Der Schock im Wissen um die Tat lässt Fiktion und Realität ununterscheidbar werden. Der grausame, tatsächliche Hintergrund des erotisch motivierten Verbrechens unterfüttert die blutrünstige, an Yakuza-Tätowierungen geschulte Zeichnung mit den Schaudern des Realen.

Jérôme Zonder: Jeu denfants n°1, 2010, mine de plomb sur papier, 160 x 160 cm © Jérôme Zonder et Galerie Eva Hober Paris
Jérôme Zonder: Jeu denfants n°1, 2010, mine de plomb sur papier, 160 x 160 cm © Jérôme Zonder et Galerie Eva Hober Paris

Jérôme Zonders Zeichnung Kinderspiele Nr.1 dagegen spielt szenisch mit den Effekten von Anziehung und Abstoßung. Der Blick in das Kinderzimmer offenbart erst auf den zweiten Blick das grausige Spiel. Zwei Mädchen, wohl kaum schon schulpflichtig, haben einen kleinen Jungen an einen Stuhl gefesselt und ihm einen Sack über den Kopf gezogen. Das eine Mädchen legt ihre beiden Hände auf die Wangen ihres wiegenden Kopfes, so als könne sie ihr Glück kaum fassen. Unterdessen hat das andere, deren grimassierndes Lachen von einer Augenmaske überdeckt wird, unter höchster Anspannung ihrer versteiften Arme das Messer in ihrer Faust schon zur Ausführung des Kinderspiels in Stellung gebracht. Was die süßen Kinder so alles treiben, wird so zur schonungslosen Aufführung dessen, was sich in unseren Veranlagungen und sozialen Prägungen an Grausamkeit verbirgt.

Die spielerische Welt der Kinder mit ihren Ohnmachtserfahrungen und der Angst vor dem Verschlungenwerden ist fester Bestandteil der Märchenwelt, so auch bei Hänsel und Gretel, in dem die beiden armen hungernden Kinder im Wald bekanntlich der kannibalistischen Hexentat mit odysseusgleichem Geschick gerade noch entgehen. In Hänsel und B-Rätsel, das Unbestimmte und Rätselhafte verarbeitet Frédérique Loutz das Monströse dieser Erzählung in ein Zeichendickicht aus Bild- und Textspuren.

Auch auf den kleinen hintergründigen Blättern des belgischen Künstlers Michaël Borremans The Present und Boxing Heads begegnet der Betrachter eigenartigen Vorgängen. Die wie Filmstills oder Storyboards gesetzen Doppelbilder unterweisen in die Handhabung einer Konservenbüchse, in die ein abgetrenntes Menschenhaupt eingelegt ist. Auf dem Blatt Boxing Heads ist unter der gezeichneten do-it-yourself- Anleitung zur kannibalistischen Küchenarbeit Closing und sealing zu lesen.

Michael Borremans: The-Present, 2001, Kreide, Aquarell und weiße Tinte auf Papier, 207 x 273 cm © Zeno X Gallery Antwerpen
Michael Borremans: The-Present, 2001, Kreide, Aquarell und weiße Tinte auf Papier, 207 x 273 cm © Zeno X Gallery Antwerpen

Bedauerlicherweise führt die unglückliche Hängung in dem architektonischen Verbindungtrakt von Foyer, Ausstellungsfläche und Loungebereich dazu, daß dieser Teil der Ausstellung zu einer nebensächlichen, dekorativen Begleiterscheinung degradiert wirkt.

Am Ausgang der Wunderkammer im Obergeschoss wartet dafür der motivisch wohl dichteste und bestechendste Raum, der gleichwohl seine Verbindung zum Thema nicht sofort preis gibt. In einer erstaunlichen Kontinuität des Bildlichen werden hier vornehmlich Varianten von weiblichen Brustbildern gezeigt. Neben der im späten 15. Jahrhundert entstandenen aus dem Umkreis von Joos van Cleve und einer ebenfalls kleinen – Jacopo Bassano zugeschriebenen – Tafel, die eine Caritas Romana zeigt, finden sich hier u.a. photographische Arbeiten von Cindy Sherman und Bettina Rheims, aber auch die eindringlichen, in Wachs getauchten Zeichnungen von Sandra Vasquez de la Horra.

Vermutlich wäre niemand vor Freud je auf die Idee gekommen, eine maria lactans im Zusammhang einer Kannibalismusausstellung zu präsentieren. In unmittelbarer Nachbarschaft aber mit der Arbeit von Cindy Sherman und den Photographien von Bettina Rheims wird der frühkindliche, oral-kannibalistische Aspekt der lustvollen Nahrungsaufnahme im kurzen postnatalen Zusammenschluss von Mutter und Kind während des Stillens augenfällig. Aus der Rollenambivalenz von Frau und Mutter entwickelt sich aber auch ein spielerischer Übergang ins Erotische, etwa in Rheims über die engeren Grenzen des Kunstbetriebs hinaus bekanntem Photo aus der Serie chambre close mit ihrer provokant verführerischen Darbietung einer entblößten Brust.

Anonym, Umkreis Joos van Cleve, 1485-1540, Jungfrau mit Kind, 15.-16. Jh, Öl auf Platte © Olbricht Collection Berlin/ Foto: Achim Kukulies
Anonym, Umkreis Joos van Cleve, 1485-1540, Jungfrau mit Kind, 15.-16. Jh, Öl auf Platte © Olbricht Collection Berlin/ Foto: Achim Kukulies

Die Brust der Mutter zeigt sich als Ort mythischer Identifikation, als Ort des Überflusses und Ursprung nährender Triebbefriedung, aber auch als blutendes Wundmal und ambivalentes erotisches Motiv. In der Zeichnung von de la Horra, welche die sadistischen Qualen der heiligen Agatha aufnimmt, die diese im Laufe ihres Martyriums erlitt, spitzt sich die schmerzhafte Brutalität in der zeremoniellen Präsentation der abgeschnittenen Brüste zu. Die Strichlagen suggerieren offen liegendes, enthäutetes Muskelfleisch. Bildmotivisch erinnert deren Darreichung an den Teller der Salome mit dem abgeschlagen Kopf des Johannes. Aus den Brüsten steigt wie aus einem Doppelvulkan Rauch auf, der seitlich abziehend in den Kopf der heiligen Agatha zurückdringt. Ein irritierend autoreferentieller Kreislauf aus Schmerz, Eruption, Verstümmelung und Lust.

Die Beschäftigung mit den sakralen Aspekten des Kannibalismus gewinnt in dem kleinen unteren Raum an historischer Substanz, wenn sich neben dem anthropophagen Wurzelwerk der christlichen Liturgie, wie es in dem Video Messe für einen Körper von Michel Journiac wiederkehrt, auf einem anonymen Blatt aus dem 18. Jahrhundert die Darstellung eines Hexensababats findet, auf dem die schwarze Gegenkultur – zumindest in der Vorstellung ihrer Inquisitoren – ihre kannibalistischen Exzesse feiert. Die ausgestellte Kâlí-Maske moderiert schon den Übergang zur großen Halle.

Dort vermitteln ein Schädelpfahl aus Papua-Neuguinea, eine Kannibalengabel aus Polynesien und – in der Mitte des Hauptraums – ein beeindruckendes skulpturales Kultobjekt, dessen Geister mit Blutopfern beschworen wurden, einen Eindruck über den rituellen Rang und die soziale Funktion des Kannibalismus in bestimmten Ethnotopen.

Seit alters imaginierte man die Menschenfresserei an die Ränder der Welt; eine Vorstellung, die auf den Expeditionen in die neue Welt mitsegelte. Was nach Innen der Hexensabbat, war nach Aussen der rituelle Kannibalismus der Wilden. An dieser Stelle bezeugen die Kupferstiche von Theodore de Bry, die Reiseberichte des 16. Jahrhunderts illustrieren, die enge Verflechtung des Themas mit der Geschichte des Kolonialismus. Und demostrieren aber auch, dass in der Eroberungsphase Dokumentation und phantasmatische Projektion noch nicht klar voneinander abgetrennt waren. Die bildliche Nähe zu den infernalischen Mythen der Christenheit lässt die verbindlichen Urängste erahnen, wovon in den ethnographischen Photographien und Postkarten der späteren kolonialen Machthaber nur noch ein Schreckensrest von lustvoll konsumierbarem Exotischem bleibt. Die letzten Züge des Zivilisierungsprozesses am Ungekochten vollzogen sich in Akten photographischer Klassifikation – auf Postkartenniveau. Das Aufeinandertreffen des kolonialen Blicks mit den rituellen Relikten des Kannibalismus ist in der Ausstellungskonzeption allerdings nur die historische Ausgangslage, vor dessen Hintergrund sich die globalisierten Diskurse der Gegenwart öffnen.

Anonymer Fotograf: Porträt Der Kannibale Tom, ca.-1880, tirage albuminé noir et blanc © Sammlung Cayetana Anthony JP Meyer Paris
Anonymer Fotograf: Porträt Der Kannibale Tom, ca.-1880, tirage albuminé noir et blanc © Sammlung Cayetana Anthony JP Meyer Paris
E. Nash: We rely on your good taste 1905 © E. Nash, me Collectors Room Berlin
E. Nash: We rely on your good taste 1905 © E. Nash, me Collectors Room Berlin
Pieter Hugo: Steven Mohapi, Johannesburg 2003, Farbfotografie © Galerie Michael Stevenson Kapstadt Südafrika
Pieter Hugo: Steven Mohapi, Johannesburg 2003, Farbfotografie © Galerie Michael Stevenson Kapstadt Südafrika

Die außereuropäischen postkolonialen Akzente zeitgenössischer Positionen setzen etwa die klugen Verkehrungen in Pieter Hugos Photoarbeiten. Seine dunkelhäutige, vampiristische Pietà mit dem weiblich-mütterlichen Opfer setzt ein ebenso eigenwillig vertrautes wie fremdes mythisches Konglomerat frei. Seine Portraits von Albinos führen einen körperlichen Makel vor, zeigen, daß deren Hellhäutigkeit sie immer wieder zu Opfern von Übergriffen und rassistischer Segregation werden lässt. Renato Garza Cervera folgt mit seinem hyperrealistischen Artefakt einer abgezogenen Haut, die wie eine Jagdtröphäe auf dem Boden ausgebreitet ist, einem ästhetischen Kalkül des Schocks. Aber auch in dieser Arbeit verweisen die Gang-Tätowierungen auf eine Welt des Fressens und Gefressenwerdens, in der die lateinamerikanische Mara-Gang mit Brutalität und Gewalttätigkeit agiert. Auch in den Schlachterbildern von Adriana Varejão regiert eine schonungslose frontale Fleischlichkeit. Ihre Konfronation mit Eingeweiden und abgehackten Körperfragmenten, die auf aseptischen Kachelwänden erscheinen oder aus der Bildhaut herausplatzen, vermischt auf eigenartige Weise Motive der europäischen Bildgeschichte mit den postkolonialen Traumata, in denen sich die offenen Wunden von Rassismus und Kolonialismus zeigen. Es ist eine eine leibhaftige , die Lucio Fontanas ‘Schlitz-Bilder’ mit Francis Bacon fleischlichen Exzessen kreuzt, und die das Inkarnat als Medium, auf der die Unterhaut erscheint, als Vermittlungsebene von Innen und Aussen, als einen Verlust beklagt.

Unterdessen drehen sich einige europäische Künstler im Kreis ihrer Selbstzerfleischung. Die Zeichnungen von Dana Schutz und Oda Jaune weisen in diese Richtung, in der Gilles Barbier sich auf seiner computerbearbeiteten Photographie als mehrfacher Klon seiner selbst sich so blutig pittoresk selbst verspeist, dass der Detailrealismus der Darstellung einer unmöglichen Szene ins verspielt Ironische kippt. Die Brüder Jake und Dino Chapman überzeichnen Radierungen aus Goyas Die Schrecken des Krieges, aktualisieren gewissermaßen die Bestialität, indem sie mit dünnem Strich ein Hakenkreuz auf die Radierung setzen. Es ist aber auch ein Akt von Ikonokannibalismus, eine Aneignung und Einverleibung fremder Kunst und deren Aura.

In gewissem Sinne ist die Kunstgeschichte die Geschichte eines Ikonokannibalismus. Auch hier geht es um die Anteile des Eigenen und Fremden in den Werken und den Stilen, um das Authentische und das Epigonale, um Einverleibung und Befruchtung, um die Wiederauferstehung und das Nachleben der Bilder.

Mit Goyas Saturn frisst seine Kinder fehlt der Ausstellung ihre schwarze Sonne. Einige der Arbeiten beziehen sich direkt oder indirekt auf diese Bildinkunabel des Kannibalismus, auf der Saturn, der selbst seinen Vater kastrierte und stürzte, aus Angst vor Machtverlust die eigenen Kinder frißt. Eine gewaltige wie vergebliche Tat blutiger Machtsicherung gegen die eigene Brut, die in der photographischen Nachstellung von Yasumasa Morimura Goya wiederauflebt.

Yasumasa Morimura: Exchange of Devouring, 2004, Farbfotografie auf Leinwand ed. 10, 90 x 60 cm © Yasumasa Morimura, Galerie Thaddaeus Ropac /Paris Salzburg
Yasumasa Morimura: Exchange of Devouring, 2004, Farbfotografie auf Leinwand ed. 10, 90 x 60 cm © Yasumasa Morimura, Galerie Thaddaeus Ropac /Paris Salzburg

Als mögliches kongeniales Bindeglied zwischen dem vorort ja fest installierten Kuriositätenkabinett und den themenbezogenen zeitgenössischen Positionen wurde mit der Aussparung surrealistischer Reliquien allerdings eine Chance vertan, die schön-schaurigen Abgründe des Kannibalsimus zwischen Eros und Thanatos zu vertiefen.

Schon Hannibal Lecter zitiert nicht nur Dante und hört während seiner mörderisch grausamen Selbstentfesselung Bachs Goldberg-Variationen zum Mitsummen, er hat auch eine Vorliebe für die delikaten Inszenierungen des Surrealismus, wie ein Blick in die Lagerhallen des Kannibalen verrät.

Nach all den Kannibalismen: den erotischen, sakralen, magischen, alltäglichen, ikonischen und nutritiven, – nach all den Möglichkeiten, den Anderen aufzuessen: aus Liebe, aus Begierde, aus Not, – nach allen den Wünschen, den Feind zu verspeisen und den Freund zu verschlingen, ist eines klar: Kannibalismus ist erst zu genießen, wenn er nicht mehr lebensbedrohlich ist.

Alles Kannibalen also in Berlin. Angucken und einverleiben!

Alles Kannibalen?
29. Mai bis 21. August 2011

me Collectors Room Berlin
Auguststraße 68
10117 Berlin