Rohkunstbau.

Ein Besuch bei der bukolischen
Postavantgarde.

Mariana Vassileva: Accelerator, 2011 Lichtobjekt, Stahl, Mikrofon, Bugatti-Motor, Verstärker, Lautsprecher / Lightobject, steel, microphone, loudspeakers, amplifier Größe variabel / dimensions variable Ausstellungsansicht / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam Fotograf / photo: Sven Grünwitzky © Mariana Vassileva
Mariana Vassileva: Accelerator, 2011 Lichtobjekt, Stahl, Mikrofon, Bugatti-Motor, Verstärker, Lautsprecher / Lightobject, steel, microphone, loudspeakers, amplifier Größe variabel / dimensions variable Ausstellungsansicht / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam Fotograf / photo: Sven Grünwitzky © Mariana Vassileva

Zum XVIII. Rohkunstbau-Kunstfestival im Schloss Marquardt ⎜Berlin-Potsdam (1.07. bis 11.09.2011)

Bukolische Szenen sind urbane Gegenprojekte. Draussen an der Sonne, auf dem Land, am See, findet sich der Metropolenmensch schnell unter seinesgleichen wieder, immer auf der Suche nach geeignetem Erholungsraum. Eine feinere Mischung als der alljährlich wiederkehrende sommerliche Trip an den Schlänitzsee bei Potsdam ist da nur schwer vorstellbar. Nunmehr im dritten Jahr schon residiert dort, auf Schloss Marquardt, inmitten eines nach Plänen von Peter Joseph Lenné entstandenen englischen Gartens, das kleine, aber immer intensive Kunstfestival Rohkunstbau.

Schloss Marquardt bei Potsdam

Es ist ein besonderer Ort, der historisch unterschiedliche Machtformationen durchlebt hat, an dem Rosenkreuzer spiritistische Sitzungen abhielten, und so verwundert es kaum, dass der Kurator Mark Gisbourne, vom alchemistischen Geist des Ortes infiziert, jenes sui generis übergroße Thema ‘Macht’ als diesjährigen Ausstellungsauftakt eines an Wagner angelehnten vierjährigen Rohkunstbau-Rings konzipiert.
Schon im vergangen Jahr hatte man mit Atlantis ein weites mythisches Feld aufgespannt, und man kann nur hoffen, dass Rohkunstbau nicht unter der Nibelungenschwere des Rheingolds im Schlänitzsee versinkt.

Alles Idyllische endet dabei jäh mit Eintritt in die Ausstellung. Es dröhnen die Motoren aus dem Bauch der Architektur. Im Zentrum des doppelstöckigen Foyers hat Mariana Vassileva einen Bugattimotor aufgebockt. Bedauerlich nur, dass das wundervoll futuristische Tier, in dem Eros, Tod und Technik zu potentem Design verschmelzen, nicht vibriert und schnaubt. Die Motorengeräusche werden eingespielt, und gewinnen ihre bedrohlichsten Momente, wenn sie sich in einen unangenehm vibrierenden Bass auflösen. In der leblosen Nacktheit bleibt der teure Motor ein toter Körper und Fetisch der Macht. Darüber schwebt eine an Dornenkrone und Heiligenschein gemahnende Spiralkonstruktion aus Neonröhre und Stacheldraht, deren illustrierende Leuchtkraft an die Akustik der Motorengeräusche gekoppelt ist.

Dem See zugewandt schließt sich der Gartensaal an. Hier wendet die aufheulende Gier der Macht ihr Gesicht, stülpt ihre Tarnkappe über und wird unsichtbar. Keine hohle Machtgebärde, nichts von wagnerianischem Kunstpathos, nichts von Schwere, nirgendwo. Nur ein leerer, heller, lichtdurchfluteter Raum, an dessen kargen, weissen Wänden fortlaufende blaue Bänder aus Zahlen und Zeichen zu sehen sind. Karin Sander hat die Architekturzeichnung und das Volumen des Raums in einen Quellcode verwandelt, ein kryptographischer Akt ganz im Sinne der verschwiegenen Mächte, die hier tagten. Macht zeigt sich hier als verborgenes Wissen, als Verfügungsgewalt über das Zeichen und seine Bedeutung. Eine ebenso scharfsinnige wie asketische und irgendwie auch gewitzt konzeptuelle Arbeit.

Karin Sander: XML-SVG CODE / QUELLCODE DES AUSSTELLUNGSRAUMES, GARTENSAAL, SCHLOSS MARQUARDT, 2011 / photo: Roland Horn, Courtesy Galerie Nächst St. Stephan, Wien, Sassa Trülzsch, Berlin © Karin Sander, VG Bildkunst Bonn, 2011
Karin Sander: XML-SVG CODE / QUELLCODE DES AUSSTELLUNGSRAUMES, GARTENSAAL, SCHLOSS MARQUARDT, 2011 / photo: Roland Horn, Courtesy Galerie Nächst St. Stephan, Wien, Sassa Trülzsch, Berlin © Karin Sander, VG Bildkunst Bonn, 2011
Marc Brandenburg: Untitled, 2011, installation view / photo: Roland Horn Courtesy Marc Brandenburg © Marc Brandenburg
Marc Brandenburg: Untitled, 2011, installation view / photo: Roland Horn Courtesy Marc Brandenburg © Marc Brandenburg
Frank Nitsche: GR-LATTE-2011, 2011 leere Getränkedosen, Aufkleber / empty cans, stickers 33 x 33 x 353 cm Ausstellungsansicht / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam Fotograf / photo: Roland Horn Courtesy Galerie Gebr. Lehmann Berlin│Dresden © Frank Nitsche
Frank Nitsche: GR-LATTE-2011, 2011 leere Getränkedosen, Aufkleber / empty cans, stickers 33 x 33 x 353 cm / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam / photo: Roland Horn Courtesy Galerie Gebr. Lehmann Berlin│Dresden © Frank Nitsche

Einen anderen Ton schlägt Frank Nitsche im benachbarten Wintergarten an. In dem beschaulichen Glasanbau hat er einen nur scheinbar massiven Pfeiler aus leeren Getränkeblechdosen eingezogen. Stützt der zusätzlich mit trashig-bunten Klebebildern überzogene Blechdosenmonolith etwa die marode Architektur ab? Nitsche gelingt es in jedem Fall mit dieser Intervention die kitschig-zuckrige und konsumgetränkte Optik der Labels und Slogans ästhetisch scharf mit der umgebenden Gartenhausromantik zu kontrastieren. Den Bezug der klebrig-schillernden Welt des Warenkonsums zur Betörungsmacht des Rheingolds liegt hier ebenso auf der Hand, wie er abwegig ist. Ähnlich verhält es sich mit dem überlebensgroßen Portrait des King of Pop von Marc Brandenburg, dessen Konterfei im Obergeschoss platziert ist. Auch diese im Schwarzlicht aufflackernde Ikone eines an Ruhm und Gold gescheiterten Halbgottes schwankt in ihrem kuratorischen Bedeutungsrahmen zwischen Belanglosigkeit und Reiz des Inkompatiblen.

Im Obergeschoss des Schlosses verdichtet sich die Austellung dann zu einem postindustriellen, szenischen Erfahrungsraum. Durch die Arbeiten werden die Räumlichkeiten zu einer begehbaren Bühne von filmischer Dichte transformiert. In den besten Momenten und Winkeln spürt man dabei die auflösende Macht des Traums, das Vorbeigleiten der Gegenwart auf der Suche nach der verlorenen Erzählung.

Dabei schließt sich Simon Faithfulls Rauminstallation Going Nowhere 2 nicht nur am engsten an die inhaltlichen Vorgaben an, sondern setzt auch ausstellungsübergreifend jene Arbeiten auf Schloss Marquardt fort, die sich erzählerisch oder kontextuell den Ort und seine Umgebung aneignen. Auf einer schräg in den Raum gestellten Leinwand zeigt er grünbläuliche Videounterwasserbilder. Auf dem Wassergrund erahnt man eine langsam sich bewegende Gestalt in weissem Hemd und dunkler Hose. So schimmrig und vage wie das wässrige Licht assoziert diese Gestalt den düster tyrannischen Zwergenkönig Alberich, der den Töchtern des Rheins das Rheingold entwendet. Aus dem nahen Schlänitzsee, dessen in der Sonne spiegelndes Bett den Blick aus den weit geöffneten Fensterflügeln besticht, werden live Unterwassergeräusche aus unzugänglichen Gefilden übertragen. Fiktion, Übertragung und sinnliche Umgebung verschwimmen in einer eigentümlichen Erzählung, als deren Protagonisten der Betrachter selbst auftaucht.

Simon Faithfull: Going Nowhere 2, 2011 6 min. loop, Ed. 5 HD Video-Projektion, Leinwand / HD video-projection screen Größe variabel / dimensions variable Ausstellungsansicht / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam Fotograf / photo: Roland Horn Courtesy Simon Faithfull, Parker's Box NYC, Galerie Polaris, Paris © Simon Faithfull
Simon Faithfull: Going Nowhere 2, 2011 6 min. loop, Ed. 5 / HD video-projection screen / dimensions variable / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam / photo: Roland Horn Courtesy Simon Faithfull, Parker’s Box NYC, Galerie Polaris, Paris © Simon Faithfull

Oswaldo Maciá: Under the horizon, 2011 Badewanne, Pumpe, Forex, schwarzgefärbtes Wasser, Duftkomponente, Lautsprecher, Verstärker / bathtub, pump, Forex, blackcoloured water, smell-element, loudspeakers, amplifier 300 x 120 x 150 cm, Ausstellungsansicht / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam Fotograf / photo: Roland Horn, Courtesy Oswaldo Maciá © Oswaldo Maciá     BEIDE ANSICHTEN: Oswaldo Maciá: Under the horizon, 2011 Badewanne, Pumpe, Forex, schwarzgefärbtes Wasser, Duftkomponente, Lautsprecher, Verstärker / bathtub, pump, Forex, blackcoloured water, smell-element, loudspeakers, amplifier 300 x 120 x 150 cm, Ausstellungsansicht / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam Fotograf / photo: Roland Horn, Courtesy Oswaldo Maciá © Oswaldo Maciá

Oswaldo Maciá: Under the horizon, 2011 Badewanne, Pumpe, Forex, schwarzgefärbtes Wasser, Duftkomponente, Lautsprecher, Verstärker / bathtub, pump, Forex, blackcoloured water, smell-element, loudspeakers, amplifier 300 x 120 x 150 cm, Ausstellungsansicht / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam Fotograf / photo: Roland Horn, Courtesy Oswaldo Maciá © Oswaldo Maciá
BEIDE ANSICHTEN: Oswaldo Maciá: Under the horizon, 2011 Badewanne, Pumpe, Forex, schwarzgefärbtes Wasser, Duftkomponente, Lautsprecher, Verstärker / bathtub, pump, Forex, blackcoloured water, smell-element, loudspeakers, amplifier 300 x 120 x 150 cm, Ausstellungsansicht / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam Fotograf / photo: Roland Horn, Courtesy Oswaldo Maciá © Oswaldo Maciá

Den unheimlichen Gegenpart hierzu gibt Oswald Maciá mit Under the horizon auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs. Hier schlägt einem schon beim Betreten des Vorraums ein eigenes feuchtigkeitsgesättigtes Klima entgegegen. Wer hat hier vergessen, den Hahn abzudrehen? Ein Raum der katastrophischen Verlassenheit, in dessen Flucht auf einem ehemals weissen grossen Kubus aufgesockelt eine überlaufende freistehende Badewanne thront. Im Grunde nur eine Brunnenanlage mit schmal eingeschaltem Auffangbecken und Pumpe verströmt dieser Kreislauf des Überlaufens den brackigen Geruch des Morbiden. In den düster-schmutzigen Wassern spiegelt sich das Licht, und welch düsterer Narziss will hier im dreckigen Schaum der Tage seinem Antlitz begegnen.

Schließlich sind da noch die einnehmenden Arbeiten von Marlene Neudecker. In eine Verbindungstür hat sie einen leicht durchlässigen, milchigen Spiegel eingebaut. Auf jeder Seite des aus unterschiedlichen Räumen zugänglichen Spiegels steht jeweils auf einem brusthohen Sockel ein Landschaftsaquarium: verpfropfte Glaskugeln, in denem grünalgige Gewächse kopfüber wie surreale Landschaften herabhängen.

Mariele Neudecker: 24 hours / 48 hours (1) + (2), 2011 2 Metallgestelle jeweils 50 x 60 x 110 cm, 2 Glaskugeln gefüllt mit Wasser-Salzgemisch GAC100, 2 Landschaftsmodelle, mixed media, Fiberglas / 2 metalstands each 50 x 60 x 110 cm, 2 glassbowls filled with mixed water and salt GAC100, 2 landscapemodels, mixed media, fibre-glass, Ed. 2 1 Plexiglasscheibe beschichtet mit SolarZone Silver 20 / 1 plexi-glass laminated with SolarZone Silver 20, 194,5 x 80,5 cm, Ausstellungsansicht / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam, Fotograf / photo: Roland Horn, Courtesy Galerie Barbara Thumm, Berlin © Mariele Neudecker

Mariele Neudecker: 24 hours / 48 hours (1) + (2), 2011 2 Metallgestelle jeweils 50 x 60 x 110 cm, 2 Glaskugeln gefüllt mit Wasser-Salzgemisch GAC100, 2 Landschaftsmodelle, mixed media, Fiberglas / 2 metalstands each 50 x 60 x 110 cm, 2 glassbowls filled with mixed water and salt GAC100, 2 landscapemodels, mixed media, fibre-glass, Ed. 2 1 Plexiglasscheibe beschichtet mit SolarZone Silver 20 / 1 plexi-glass laminated with SolarZone Silver 20, 194,5 x 80,5 cm, Ausstellungsansicht / installation view: Schloss Marquardt / Potsdam, Fotograf / photo: Roland BEIDE ANSICHTEN: Horn, Courtesy Galerie Barbara Thumm, Berlin © Mariele Neudecker
BEIDE ANSICHTEN: Mariele Neudecker: 24 hours / 48 hours (1) + (2), 2011 2 Metallgestelle jeweils 50 x 60 x 110 cm, 2 Glaskugeln gefüllt mit Wasser-Salzgemisch GAC100, 2 Landschaftsmodelle, mixed media, fibre-glass, Ed. 2 1 Plexiglasscheibe beschichtet mit SolarZone Silver 20 / 194,5 x 80,5 cm, Ausstellungsansicht: Schloss Marquardt / Potsdam, Fotograf: Roland Horn, Courtesy Galerie Barbara Thumm, Berlin © Mariele Neudecker

Das Spiel aus Illusion und Wahrnehmung ist perfekt ausbalanciert. In Spiegelung und Durchblick überlagern sich die äquivalenten Objekte oder treten mit verändertem Blickwinkel leicht auseinander. Der Betrachter sieht sich selbst im Spiegel, und ist irritiert, wenn auf der anderen Seite wie in magischer Überbelichtung ein anderer Besucher erscheint. Diese List des doppelten Raums, des durchlässigen Spiegels, der verborgenen Seite spiegelt in mir Cocteaus Orphée herauf, so wie aus den Untiefen anderer Räume zumindestens ein Hauch von Tarkowski aufsteigt.

Der Mythos (der Macht) kennt keinen zementierten Bestand von Bildern, Figuren und Handlungen. Entscheidend ist die Betörungskraft und Verwandlungsmacht ihrer Bilder. In machen Momenten gerinnen die Arbeiten in Rohkunstbau zu Statements. Dann werden die Regeln des Mythos und der Kunst verletzt, indem eine abgestorbene Eindeutigkeit des Sinns zugemutet wird, der nur noch übersetzt werden muss. Der Bugatti als Fetisch der Macht, der Konsumpfeiler als Warenkritik …

Man sollte daher den thematischen Rahmen nicht zu buchstäblich durch die Ausstellung schleppen, und sich immer wieder in offene Bedeutungshorizonte frei schwimmen.

Ein Schuss Uneindeutigkeit tut immer gut. Auch beim Besuch der bukolischen Postavantgarde inmitten der berückenden Schlösser, der Park- und Seenlandschaft rund um Potsdam.

Und auch wenn längst nicht alles Subversion ist, was wie Kunst aussieht, und nicht alles glänzt, was Wagner Macht, bezaubernd ist dieser Ort mit seinem ramponierten Charme und sein spezieller Clash allemal.

Einen Sprung ins kühlende Nass des Schlänitzsees gibt es umsonst dazu. Kunst ist eben Überfluss, was sonst?

XVIII. Rohkunstbau
01.Juli 2011 bis 11. September 2011

Schloss Marquardt, 
Hauptstraße 14
 , 14476 Potsdam – Marquardt
Öffnungszeiten: Freitags   14 – 19 Uhr/ Samstags und Sonntags   12 – 19 Uhr


Teilnehmende Künstler:
Marc Brandenburg /Christoph Brech /Simon Faithfull /Oswaldo Maciá /Judy Millar /Mariele Neudecker /Frank Nitsche/Katinka Pilscheur /Karin Sander /Marina Vasileva

Sven Grünwitzky | qjubes