TransPrivacy.

Öffentlichkeit und Privatsphäre
im digitalen Wandel?

Monochrom, 2011, "Privacy is a bourgois fantasy / Privatsphäre ist eine bürgerliche Phantasie"
Monochrom, 2011, "Privacy is a bourgois fantasy / Privatsphäre ist eine bürgerliche Phantasie"

Qjubes unterstützt TransPrivacy. (3.10. – 20.11.2011)

Am 3. Oktober 2011 startet das Projekt „TransPrivacy – Öffentlichkeit und Privatsphäre im digitalen Wandel?“ Zu diesem Thema werden einen Monat lang in der Stadt Düsseldorf von 10 internationalen Künstlern und Künstlergruppen 2500 Kunst-Plakate zu sehen sein. Zu dem Projekt gehört ein parallel laufender Blog, in dem für das Projekt gewonnene Autoren, Blogger und Wissenschaftler die Kunst-Plakat-Aktion kommentierend begleiten und eine Diskussion zum Thema anfachen. Flyer und Werbekampagnen in der Stadt flankieren die Aktion. Alle, die sich durch die Kunst, das Thema oder den Blog angeregt fühlen, sich argumentativ oder provokativ einzumischen, lädt der Künstler und Kurator des Projekts, Florian Kuhlmann, in einem „Call for papers“ zur Teilnahme ein.

Netart meets Streetart - Plakatwand mit TransPrivacy-Plakaten, Düsseldorf 2011
Netart meets Streetart – Plakatwand mit TransPrivacy-Plakaten, Düsseldorf 2011

Ein Ziel von TransPrivacy ist es, durch Kunst und Dialog mehr ,Transparenz‘ in die weitreichenden und schwer durchschaubaren Veränderungsprozesse von öffentlicher und privater Sphäre zu bringen und die direkten lebensweltlichen Konsequenzen spürbar und bewußt werden zu lassen. Wie weit gläserne Menschen, gläserne Avatare, gläserne Politik oder wir selbst betroffen sind, wird sich herausstellen. TransPrivacy rückt die dynamischen Veränderungen von Privatsphäre und Öffentlichkeit, die von den neuen medialen Entwicklungen vorangetriebenen werden, in den Blick. Vielleicht entwickelt sich ein grundlegend neues Verständnis dessen, was diese für eine Diagnose unserer Gesellschaft zentralen Begriffe zu fassen versuchen. Klare Abgrenzbarkeiten sind längst nicht mehr möglich; als normative Konzepte oder regulative Ideen sind die Ausdrücke unverzichtbar. Die Veränderungen jedenfalls betreffen tiefgreifend – mit all ihren Risiken und Chancen – sowohl unsere intimsten Lebensbereiche, wie auch Entwicklungen von weltpolitischem Ausmaß.

Timothy Shearer -
Timothy Shearer – “Protect your email”, 2011
Stefan Riebel - 'In silent memory of a time before Google (B.G.)' - Düsseldorf 2011; Filippo Minelli - in your ass, 2011
Stefan Riebel – ‘In silent memory of a time before Google (B.G.)’ – Düsseldorf 2011; Filippo Minelli – in your ass, 2011
Stefan Riebel - 'In silent memory of a time before Google (B.G.)' - Düsseldorf 2011
Stefan Riebel – ‘In silent memory of a time before Google (B.G.)’ – Düsseldorf 2011

Daher wäre es wünschenswert, daß das Projekt nicht nur Künstler, Autoren und Wissenschaftler zu neuen Einsichten und Erkenntnissen führt, sondern auch in der Öffentlichkeit eine stärkere und vor allem sinnlich spürbare Aufmerksamkeit und Sensibilität für das brisante Thema schafft. Gerade das  zustande zu bringen, neue Perspektiven aufzuzeigen und Impulse zu setzen, können Stärken von Kunst sein; – die im Kunstbetrieb leider allzu oft passiv rezipiert wird. Eine Chance und Anregung zu weniger Voyeurismus und mehr Beteiligung sind die parallel im TransPrivacy-Blog entstehenden Kommentare und Diskussionen, die – wenn sie glücken – eine differenzierte und spannende Diskussion ins Rollen bringen.

Das Verhältnis von Öffentlichkeit, Medienöffentlichkeit, Privat- und Intimsphäre ist unstreitig in einem rasanten Wandel begriffen, der durch die Entwicklung der neuen Technologien und Medien, durch die Ubiquität neuer Telekommunikationsmedien in Verbindung mit dem Internet vorangetrieben wird, – so durch die populären Socialmedia-Sites, aber auch durch Phänomene wie Google-Streetview, die Blogosphäre, Wikipedia oder Wikileaks. Wohin wir treiben und uns treiben und verführen lassen, wie sich zukünftig digitale und reale Privatsphären und reale und digitale Öffentlichkeiten in dynamischer Wechselwirkung durchdringen und andere Realitäten und Selbstverständnisse schaffen, wird vielleicht durch das Projekt deutlicher. Damit wäre schon viel gewonnen. Diesem Ziel ist eine kontroverse und durchaus auch polemische Diskussion der in der Stadt präsenten Kunst zuträglich. Ist Deutlichkeit „eine gehörige Verteilung von Licht und Schatten“, wie Hamann bemerkte, so könnte zu ihr gerade das heterogene Gemisch von Künstlerinnen, Wissenschaftlern, Hacktivisten, Künstlergruppen, Journalisten, Bloggern und Autoren aus unterschiedlichsten Bereichen und Lagern beitragen.

Philipp Teister - Facebook lifesharing. 2011
Philipp Teister – Facebook lifesharing. 2011

Natürlich gibt es schon seit Jahrzehnten zum Thema zahlreiche wissenschaftliche Forschungsprojekte. Auch in Düsseldorf. Es gibt zahlreiche Künstler, Autoren, Netzaktivisten und Politiker, für die das Thema ein ebenso alter Hut wie ein immer heißer werdendes Eisen ist. Es fehlt spätestens seit den 80er Jahren nicht an Hinweisen auf einen ,Verfall der Öffentlichkeit‘ durch die ‚Tyrannei’ intimer Wertmaßstäbe, der sich auch im tiefgreifenden Wandel städtebaulicher Raumstrukturen niederschlägt und ablesen läßt. Daher begrüßen wir, daß das Projekt TransPrivacy nicht nur in virtuellen Räumen stattfindet, sondern auch im ,first Life‘ und im realen städtischen Raum. Nicht notwendig in Widerspruch zu den Diagnosen eines Verfalls der Öffentlichkeit stehen zahlreiche Warnungen vor einem Ende der Privatsphäre. Schon jetzt lassen sich deutliche Tendenzen zu ihrer Durchdringung und potentiellen Auflösung oder Kontrolle zu Ende denken. Es finden sich durchaus ernstzunehmende Warnungen vor einem Demokratie und Freiheit gefährdenden Überhandnehmen staatlicher Überwachungsforderungen und Kontrollwünsche sowie kommerziell motivierter Eingriffe in unsere Privatsphären; – mittels digitaler Medien, von uns selbst zugelassen oder sogar forciert. – – – Alles Kassandrarufe?

Wir hoffen, daß das engagierte Projekt durch den direkten Kurzschluß von Kunst und Dialog – von Kunst im öffentlichen Raum und Diskurs im digitalen Raum – genügend Funken schlägt, die dem schon seit langem virulenten Thema einen überregional wirksamen Knall entlocken, der angesichts der stillschweigenden Überschallgeschwindigkeit des Wandels auf sich warten läßt.

Vielleicht eine Initialzündung, die zu einem neuen Bewußtsein und Umgang mit den neuen Medien führt und – da die Intensität unserer Aufmerksamkeit erfahrungsgemäß schnell nachläßt und die Veränderungen weiterhin hochdynamisch bleiben – zu weiteren Projekten dieser Art und ihrer stärkeren Förderung.

Wir sind gespannt auf die Aktion und freuen uns, TransPrivacy im Rahmen unserer Mittel unterstützen zu können.

Evan Roth - 'Bad ass Mother fucker', 2011
Evan Roth – ‘Bad ass Mother fucker’, 2011

An der Plakat-Aktion teilnehmende Künstler und Künstlergruppen:
Filippo Minelli (IT), Monochrom (AT), Johannes P. Osterhoff (DE), Stefan Riebel (DE), Evan Roth (US / FR), Julia Scher (US), Georg Schütz (AT), Timothy Shearer (US), Philipp W. Teister (AT / DE), UBERMORGEN (AT/ CH/ US)

Begleitung und Kommentare im parallel laufenden Blog TransPrivacy:
Hartmut Finkeldey (DE), Bettina Hammer (Twister) (AT), Florian Kuhlmann (DE), Klaus Kusanowski (DE), Emmanuel Mir (DE), Christiane Schulzki-Haddouti (DE), Michael Seemann (DE), Dr. Bernd Ternes (DE), Dr. Nils Zurawski (DE), Pico Schlick (De) und weitere Gäste …

Zum Projekt allgemein: http://transprivacy.com/

Der Blog des Projekts: http://transprivacy.com/der-blog/

Ein weiterführender Einstieg zum Thema & Hintergrund des Projekts:
Das Netz schreibt sich in die Welt von Florian Kuhlmann