Fenster
zum Dunklen

Steven Black
in der Galerie Alexandra Saheb.

Steven Black: SB 2012.02, Öl auf Leinwand, 110 x 170 cm / Galerie Alexandra Saheb, Berlin
Steven Black: SB 2012.02, Öl auf Leinwand, 110 x 170 cm / Galerie Alexandra Saheb, Berlin

Dicht an dicht hängen die Bilder. Draussen der späte, erste Schnee des Winters. Es ist kalt geworden. Und der Blick aus den großen Scheiben hinaus in den Innenhof verliert sich in der Nacht. Noch wandern nicht allzu viele Besucher durch die hellen Räume. Sie stehen allein, zu zweit, zu dritt. Unterhalten sich, stehen beisammen, schweigen vielleicht. Suchen nach einer Ordnung, nach einem Halt, nach ihrem Platz im Raum. Einige Besucher führen ein zweites Leben auf der Leinwand. Manche vervielfältigen sich sogar in den an den Wänden hängenden Bildinnenräumen. Die Szenen und Sphären durchdringen sich. Messen wir die Welt längst an den Ähnlichkeiten, die sie mit den Bildern hat, wie ein Großmeister der Kunstgeschichte behauptet?

Steven Black: SB 2012.03, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm / Galerie Alexandra Saheb, Berlin
Steven Black: SB 2012.03, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm / Galerie Alexandra Saheb, Berlin

Zum wiederholten Mal zeigt die Galeristin Alexandra Saheb in ihrer Galerie in der Berliner Auguststraße Bilder von Steven Black. Als Leipziger Maler unterliegt auch Steven Black in der öffentlichen Wahrnehmung einer Sippenhaftung, und da wundert es kaum, dass er sich den Narrationsexzessen der neuen Historienmalerei mit Skepsis entgegenstellt. In einigen Texten zu seiner Arbeit hat sich die Narrationsferne sogar als hartnäckiges Beschreibungsmerkmal etabliert. Dabei ist es gerade die Untilgbarkeit der Erzählung, die seiner Malerei Tiefenschärfe verleiht.

Die Nahaufnahme eines nachdenklich auf seine linke Hand gestützten Kopfes, ein beiläufig im Geviert der Fläche verstrebter Blick aus dem Fenster, ein dunkler Straßenzug, eine Stadt, das überraschende Grün einer Landschaft, Innenansichten spärlich eingerichteter Behausung. Und darin immer wieder Freunde, deren Miniaturen direkt vor dem Modell auf dem weissen Grund verankert werden.
Unwillkürlich verbinden sich diese privaten Bilder mit Lebensgeschichten, deren Umwelt sie in ausschnitthafte Preisgabe für die Einbildung des Betrachters öffnen. Steven Black entführt mit seiner Malerei in die intime Welt der Anderen, indem er lakonisch die Reste des Alltäglichen aufzeichnet. Fragmentarisch und in traumverlorener Langsamkeit erzählt er von eingetrockneter Zeit. Ein Feld der Augenblicke im Wartezustand. Das Personal in sich versunken. Die Handlung ebenso reduziert wie das Interieur. Irgendwo zwischen Langeweile, Isolation und Intimität.

Steven Black: SB 2011.02, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm
Steven Black: SB 2011.02, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm
Steven Black: SB 2011.04, Öl auf Leinwand, 20 x 30 cm
Steven Black: SB 2011.04, Öl auf Leinwand, 20 x 30 cm
Steven Black: SB 2008.19, Öl auf Leinwand, 20 x 20 cm
Steven Black: SB 2008.19, Öl auf Leinwand, 20 x 20 cm

Es sind Erkundungen in den Raum, in die Zeit, in den Ort: in das Feld der Malerei. Vielleicht ist es nicht das Ziel dieser Bilder zu erzählen, aber sie fangen doch das Unbedeutende mit einem besonderen Gespür für das Nicht-Ereignis ein. Sie machen eine Leere erfahrbar, in der das Gewöhnliche als Geschichte räumlicher und zeitlicher Auslassung markiert wird.

Unaufgeregt betreibt Steven Black so eine modellhafte Untersuchung von Lebenwirklichkeit mit den Mitteln der Malerei. Mit präzisem Auge erzeugt er eine Aura des Neutralen, die in der schlichten Durchnummerierung seiner Bilder wieder aufgenommen ist. Oft baut er aus wenigen Andeutungen einen Raum, ummantelt seine Figuren mit unfertiger Umgebung, mit einem ausgesessenen Sitzmöbel oder auch bloß mit weissen Schatten. Zuletzt scheinen selbst die Gesichter der Portaitierten, die sonst von einer pastosen haptischen Unruhe durchzogen waren, beruhigt. Auch tendiert er häufiger dazu, die Umgebung auszuformulieren, aber selbst hier bleibt immer etwas Poröses und Unfertiges zurück: eine offene Fraktur des Faktischen.

Steven Black: SB 2012.01 / Öl auf Leinwand, 80 x 110 cm / Galerie Alexandra Saheb, Berlin
Steven Black: SB 2012.01 / Öl auf Leinwand, 80 x 110 cm / Galerie Alexandra Saheb, Berlin

Und dann ist da noch der doppelte Boden der Malerei: der immer wieder faszinierende Moment, in dem sich die Geschlossenheit einer Darstellungswirklichkeit in die Einzelheiten ihrer Darstellungsmittel auflöst. Eine Liegestätte zerfällt zu einem abstrakt-expressionistischen Pinselstrichknäul, aus wenigen kantig gezogenen Linien organisiert sich ein räumliches Gefüge, aus einer nahsichtigen Ansammlung autonom erscheinender Farbflächen entwickelt sich beim Schritt zurück ein Gegenstand: eine Jeans, ein Hemd, ein Beistelltisch, eine Vitrine. Dieses bewegte Wippen der Bilder im Auge des Betrachters ist ihr Puls.

Das strategisch Unfertige dieser Malerei – ihr durchscheinendes Kolorit, ihr aufgeschichtetes Inkarnat, ihre Skizzenhaftigkeit – verleiht ihr etwas Verletzliches. Unter der offenliegenden Haut der Bildkörper wird ihre Anatomie sichtbar; damit dokumentiert sich eine piktorale Praxis, die den Betrachter am bildernischen Entstehungsprozess teilhaben lässt.

Steven Black: o. T. / Öl auf Leinwand, 120 x 150 cm, 2002 / Galerie Alexandra Saheb, Berlin
Steven Black: o. T. / Öl auf Leinwand, 120 x 150 cm, 2002 / Galerie Alexandra Saheb, Berlin

Zudem verstrickt der Pinsel von Steven Black in jener bildlichen Tiefenschicht, in welcher sich Farben und Formen im Kleinteiligen organisieren, eine ganze Palette von Erfahrungswerten der Malereigeschichte, ohne dass dies für den flüchtigen Blick jederzeit offensichtlich wäre. Zu der immer wieder ins Spiel gebrachten Londoner Trias aus Bacon, Freud und Auerbach gesellen sich da etwas unterschwelliger Cézanne, bestimmte Sequenzen des abstrakten Expressionismus und Spurenelemente von De Stijl, die im Gegenlicht einer morbide gewordenen Modernität abgemischt sind.

Ganz selbstverständlich werden in der gegenwärtigen Ausstellung in der Galerie Alexandra Saheb die dicht gehängte Folge von Ein- und Ausblicken, von Portrait und Genreszene, von Landschaftsbildern und Stadtansichten durch abstrakte Malerei durchbrochen. Für Steven Black ist dies ein eigenständiger Zweig seiner Arbeit. Schon wenn er die Leinwand zur Hand nimmt, ist ihm klar, ob er eine figurative oder abstrakte Arbeit beginnt.

Steven Black: SB 2012.03 / Öl auf Leinwand, 110 x 200 cm / Galerie Alexandra Saheb, Berlin
Steven Black: SB 2012.03 / Öl auf Leinwand, 110 x 200 cm / Galerie Alexandra Saheb, Berlin

Frei nach Heidegger: Das Ding versperrt den Zugang zum Werk. Steven Blacks abstrakte Arbeiten entschlacken den Werkprozess von seinen dinglichen Bezügen. Aus einer schlammigen Palette, einer Art Ursuppe der Malerei, entwickelt er Zonen des Ungewissen, die das Sichtbare verweigern, als ob die optische Präzision durch eine falsche Distanz verstellt sei. Zuweilen deuten sich in der Korrespondenz zu seinen figurativen Arbeiten dinglichen Gebilde an: graue Wolken, Wülste, Falten.

Im Wesentlichen aber erscheinen sie mir als Fenster zum Dunklen. Blinde Scheiben als Passage in den bildlichen Nullpunkt. Abstraktion als Selbstauslöschungen des Gestischen, in denen sich Spuren des Nicht-Sichtbaren zeigen.

Eine Malerei der Abwesenheit, die selbst bei höchster Pigmentdichte die Offenheit des Unfassbaren behält.

Steven Black
31. Januar 2012 bis 10. März 2012

Galerie Alexandra Saheb
Auguststraße 91
10117 Berlin
Dienstag bis Samstag 12 – 18 Uhr

© Copyright für alle Abbildungen bei Steven Black / Galerie Alexandra Saheb