Im Fluss
der Dinge.

Zur Kunst von Thorsten Dittrich.

Thorsten Dittrich: Freigabe. Ölmalerei/ Zeichnung auf Papier und Leinwand.42x50cm, 2012
Thorsten Dittrich: Freigabe. Ölmalerei/ Zeichnung auf Papier und Leinwand.42x50cm, 2012

Wirft man einen chronologischen Blick auf die Werke von Thorsten Dittrich und betrachtet man sie in der Reihenfolge ihrer Entstehung, staunt man über ihre stetigen Wandlungen und Erneuerungen. Auch wenn Dittrich den Gattungen der Malerei und der Grafik treu geblieben ist (abgesehen von manchen seltenen Ausflügen zur Objektkunst) und zudem seriell arbeitet, auch wenn er bisher keinen abrupten, völlig unvorhersehbaren Wechsel in Themen oder Stil vorgenommen hat und auch wenn eine gleichbleibende Grundstimmung – analog zu einem bestimmenden Rhythmus – das junge Oeuvre durchzieht, hat sich das abgedeckte Spektrum seiner Kunst gerade in den letzten Jahren stark geöffnet und dehnt sich weiter proteisch aus. Wirft man einen chronologischen Blick auf die Werke von Thorsten Dittrich, staunt man über dessen unheimliche Dynamik.

Dieser Wandelcharakter ist dabei von einer deutlichen Zäsur gekennzeichnet. Wenn man sich ausschließlich auf das gemalte Werk konzentriert, entdeckt man in den vor 2010 realisierten Arbeiten kleine bis mittelgroße Formate mit brennenden Bäumen, beklemmenden Waldlandschaften, aggressiven Tieren oder beängstigenden Häusern. Diese Ikonographie des Unheimlichen und der Bedrohung, mal in leuchtend-grellen, mal in tiefen und geschlossenen Farben behandelt, stand noch deutlich unter dem Einfluss von Daniel Richter oder Peter Doig. Die Auseinandersetzung mit einem fantastischen Realismus endete jedoch schon um 2010 und die Malerei von Dittrich, sich von diesen schauerlich-schönen Prämissen lösend, gewann von da an an Eigenständigkeit und Originalität.

Thorsten-Dittrich: Grenzwerte, Öl auf Leinwand, 48x56cm, 2012
Thorsten-Dittrich: Grenzwerte, Öl auf Leinwand, 48x56cm, 2012

Das Auffälligste an dieser Transformation ist zunächst die zunehmende Abstrahierung der Motive. Dittrich geht zwar von vagen urbanen Situationen oder von architektonischen Fragmenten aus (manchmal auch von landschaftlichen Andeutungen, so z. B. in den Arbeiten Grenzwerte oder Erlebnisraum), die er in der Form von Bildcollagen in seine Kompositionen einfügt, aber die Situationen haben ihren konkreten erzählerischen Charakter verloren und sich in autonome räumliche Konstruktionen verwandelt. Gerade in den Collagen wird das Bruchstückhafte und Fragmentarische zum System erklärt. Undurchschaubare Raumzusammenhänge, die wie postmoderne Reminiszenzen eines Piranesi wirken (Dittrich hat übrigens Kunstgeschichte studiert und ist sich solcher Geistesverwandtschaften durchaus bewusst), entfalten sich und komprimieren sich gleichzeitig um einen zentralen Punkt. Die Kompositionen werden von zahlreichen Überlagerungen und Schichtungen belebt, die eine logische Lesbarkeit des Raums beinah unmöglich machen. Aber trotz dieser Versperrungen bleibt alles im Fluss. Die Objekte befinden sich in einem stetigen Verwandlungsprozess, eingefroren in einer Morphing-Phase und im Begriff, ihre gegenwärtige Gestalt weiterhin zu verändern. Bis auf die neuesten Landschaften  charakterisiert dieser unheimliche Drang nach Dynamik fast alle Kompositionen von Thorsten Dittrich.

Thorsten Dittrich: Erlebnisraum. Öl auf Papier. 48×56, 2012
Thorsten Dittrich: Erlebnisraum. Öl auf Papier. 48×56, 2012

Der Künstler spielt offensichtlich mit der Interpretationsfähigkeit des Rezipienten und mit dessen angeborenem Streben nach Wiedererkennung: Formen und Flächen, die sich einer eindeutigen Identifizierung entziehen und trotzdem Erinnerungen an Bekanntes erwecken, werden in vielschichtigen Vexierspielen eingesetzt. Gegenstände und Figuren werden angedeutet und nicht zu Ende dargestellt; heterogene Texturen und Stofflichkeiten gekreuzt und zur Fusionierung gezwungen. In den Collagen werden gebäudeähnliche Körper in den Raum gestellt und, dank der Addition menschlicher Gestalten, in ihrer angeblichen Funktion inszeniert – aber der Deutungsspielraum lässt alle Optionen offen. In den Gemälden erweist sich die Lektüre der Formen noch schwieriger. Sie schwingen zwischen organischem Wesen und mechanischem Objekt, evozieren Motorenteile oder vitale Organe und muten futuristisch an – in Taktgeber oder Neuronensturm ist eine Nähe zu H. R. Giger deutlich spürbar. Die grafische Genauigkeit sowie der kalligrafische Charakter mancher Zeichen erinnern auch an Tags und Graffitis.

Thorsten Dittrich: Taktgeber. Öl auf Leinwand. 120x80cm, 2011 (Original / Détail)
Thorsten Dittrich: Taktgeber. Öl auf Leinwand. 120x80cm, 2011 (Original / Détail)

Mit dieser Öffnung der semantischen Komplexität geht auch eine Steigerung der grafischen und malerischen Palette des Künstlers einher. Die Oberflächenbehandlung wird vielschichtiger, und Dittrichs Interesse am forcierten Zusammentragen heterogener Strukturen, das bereits frühere Arbeiten signalisiert hatten, erscheint hier deutlicher denn je. Das Grafische und das Malerische verschmelzen und lösen sich vollständig in eine eigenständige Zwischenform auf. Insgesamt hat sich die Herangehensweise radikalisiert: Die Referenz zur Realität verschwimmt und die Zeichen gewinnen an Autonomie. Befreit vom gegenständlichen Zitat, öffnet sich die Geste des Künstlers und erlangt einen größeren Spielraum als zuvor. Zufällig generierte Bildeffekte, die bisher mehr oder minder in die gegenständlichen Kompositionen integriert waren, bekommen ein größeres Gewicht (so z.B. die organisch-flüssige Fläche, die das untere Dreiviertel von Freigabe animiert).

 

Thorsten Dittrich: Neuronensturm. Öl auf Leinwand. 60x80cm, 2011
Thorsten Dittrich: Neuronensturm. Öl auf Leinwand. 60x80cm, 2011

Die Verstärkung der grafischen und malerischen Möglichkeiten verirrt sich jedoch nicht in einem stilistischen Eklektizismus, der den Zusammenhalt der Komposition gefährden könnte. Trotz all der Heterogenität der einzelnen Bestandteile herrscht in den Gemälden und Collagen von Thorsten Dittrich eine starke Einheit. Die erwähnte Grundstimmung, die einen formalen roten Faden erzeugt, der die verschiedensten Bilder miteinander verbindet, beruht in erster Linie auf der chromatischen Geschlossenheit des Werkes. Bei den neusten Werken findet man die gleichen fahlen Farbtöne wieder, die bereits um 2010 / 2011 dominant wirkten. Aber nun behauptet sich das Schwarze mehr denn je. Die Kontraste sind schärfer geworden und die Farbstimmung wirkt streng und düster.

Düster: Dieses Adjektiv fasst die Welt von Thorsten Dittrich prägnant zusammen. Auch.

© Text: Emmanuel Mir

© Abbildungen: Thorsten Dittrich