abc.nbk.etc.pp: BAW!

Der Berliner Kunstherbst
buchstabiert sich neu.

Berlin Art Week 2012 (Programmflyer)

Heute startet offiziell die Berlin Art Week. Für eine knappe Woche soll mit diesem neuen Herbstformat dem Berliner Kunststandort, der unter dem Verlust der weltweit beachteten Messe für zeitgenössiche Kunst, dem Art Forum, krankt, zu neuem Renommee und internationaler Strahlkraft verholfen werden. Erst am Donnerstag nimmt die Kunstwoche dann allerdings richtig Fahrt auf, wenn abc (art berlin contemporary) und Preview Berlin als verbliebene Messen ihre Eröffnung feiern. Schließlich sind die Messen der eigentliche Anlass der Veranstaltung.

Mit Bestürzung erinnert man sich noch an das vergangene Jahr, als die angestrebte und Fusion aus Art Forum und abc scheiterte, und damit das endgültige Ende des Art Forum beschlossen war. Mit abc, Preview Berlin Art Fair und der Berliner Liste sind nun die sezessionistischen und basisorientierten ehemaligen Konkurrenzmessen übrig geblieben, die den main act Art Forum schon Jahre als Satelliten begleitet hatten: Auch wenn die nachwachsenden Messen vielleicht nicht die qualitative Dichte, internationale Breite und kunstwirtschaftliche Bedeutung des Art Forum erreichen, so zeigt sich in ihnen umso mehr die quirlige Lebendigkeit der Kunststadt Berlin, in der neben einigen Sammlern, vor allem Hunderte von Galerien und Tausende von Kunstschaffenden leben und arbeiten.

Ob das Konzept aufgehen wird, die Übriggebliebenen unter neuem Etikett zu einen und durch ein gezielt eingesetztes Kulturmanagment zu stärken, bleibt abzuwarten. Und ob sich die neu sortierte Berliner Kunstwoche gar entsprechend der üblichen hochfliegenden – und anschließend dann allzu oft tiefstürzenden Berliner Erwartungen tatsächlich in den Terminkalendern des globalen Kunstzirkus wird festbeißen können, wird man vermutlich erst nach einigen Jahren beurteilen können.

In erster Linie ist die jetzt entstandene Plattform ein hybrides Vermarktungsprodukt, in dem unter neuem Namen schon Bekanntes zusammengeschlossen wird. Ohne den alten Fixstern Art Forum wird der öffentliche Aufmerksamkeitsfocus stärker als zuvor den aktuellsten Tendenzen der Kunstproduktion und deren noch un- oder nur halberschlossenen Produzenten, den emerging artists zugewandt sein. So präsentiert die Preview Berlin Art Fair im Flughafen Tempelhof neben etablierten Galerien auch Projekträume und als Plug-In einige Zusammenarbeiten mit Kunsthochschulen und deren Absolventen. Und auch die abc sucht in ihrem Konzept eher die Nähe zu kreativen Kontexten als zum globalen Marktgeschehen, indem sie neben der klassischen Präsentation zeitgenössischer Kunst auch Verlage, Filmverleihe, Plattenlabel oder Stadtplaner mit einbezieht.

Gänzlich neu an dieser Kunstwoche ist aber, dass sich auf der nun geschaffenen Plattform den kunstwirtschaftlichen Privatinitiativen auch öffentliche Institutionen für zeitgenössiche Kunst beigesellen. Jenseits verbesserter öffentlicher Sichtbarkeit, kompakterer Vermarktung und den damit erhofften Besuchermitnahmeeffekten hält sich der expositionelle Mehrwert dieser Ausweitung aber in engen Grenzen. Kaum wird während der Kunstwoche von den öffentlichen Institutionen etwas gezeigt, was nicht auch vorher und nachher ohnehin schon auf dem Programm gestanden hätte.

Das, was es an zeitgenössicher Kunst in Berlin gegenwärtig zu sehen gibt, ist aber dennoch ausgesprochen lohnenswert. Denn auch ohne den ganz großen Blockbuster bieten die Berliner Institutionen derzeit einige aufregende Archipele zeitgenössicher Kunst.
Die Akademie der Künste etwa zeigt Douglas Gordon. Als diesjähriger Käthe-Kollwitz-Preisträger stellt er am Hanseatenweg eine Mini-Retrospektive seiner Film- und Videorabeiten vor, in denen er seit zwei Jahrzehnten seine formale und dekonstruktive Revision des Kinos betreibt. Einen vergleichsweise weniger bekannten Photokünstler der Becher-Schule kann man im C/O Berlin entdecken. Mit Jörg Sasse wird dort ein zeitgenössischer Photograph präsentiert, dessen unspektakuläre Objekt- und Interieurphotographie im scheinbar Nebensächlichen den Reiz und die Fragwürdigkeit des Bedeutungslosen erkunden. Passend wie unabhängig von der rund um die Messe zelebrierten Rede vom Kunstproduktionsstandort Berlin ist in der wundervoll leeren Museumshalle der Neuen Nationalgalerie Paul McCarthy / The Box zu bestaunen. In dem schlichten überdimensionierten Holzcontainer verbirgt sich sein gesamtes Atelier, das McCarthy mitsamt seinen über 3000 Objekten um 90 Grad gedreht hat. Ein irritierend verrücktes Raumerlebnis.

Und schließlich sind die Tage der Kunstwoche gleichzeitig die letzten einer beachtlichen Ausstellungskooperation der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst mit der Berlinischen Galerie und der Nationalgalerie. Gemeinsam widmen sie sich mit dem Werk von Alfredo Jaar einer elementar wichtigen Position zeitgenössischer politischer Kunst. In seinen Arbeiten werden die medialen Praktiken einer allgegenwärtigen Politik der Bilder sichtbar, die weit, weit vom Rummel des Kunstbetriebes weg- und dann doch auch wieder ganz nah an die paradoxen Strukturen seines Spektakels heranführen.

Ausstellungen und Programminformationen:

DER PROGRAMM-FLYER (pdf)

Berlin Art Week
11.-16. September 2012
an diversen Berliner Orten
Kombikarte 28 Euro

Messen:

abc (art berlin contemporary)
13-16 September 2012
Luckenwalder Strasse 4-6
10963 Berlin

Preview Berlin Art Fair
Flughafen Tempelhof
Columbiadamm 100
12101 Berlin

Berliner Liste
Muma
Köpenichkerstr. 70
10179 Berlin

Teilnehmende Institutionen:

Alte Nationalgalerie

Akademie der Künste

Berlinische Galerie

C/O Berlin

Neue Nationalgalerie

Hamburger Bahnhof

KW

NBK (Neuer Berliner Kunstverein)

NGBK ()