Der Blick
der Anderen.

5. Europäischer Monat der
Photographie Berlin 2012

CAMERA WORK © Bettina Rheims: Simon K., 2011
CAMERA WORK © Bettina Rheims: Simon K., 2011

Man weiß nicht so recht, was davon zu halten ist. Der europäische Monat der Fotografie bietet eine erschöpfende Fülle an Orten, Fotografen und Bildern, die – soviel soll einfachheitshalber behauptet sein – auch die hochmotiviertesten unter den Fotoliebhabern schon bei den Planungen verzweifeln lassen, alles zu sehen. Umgekehrt ist aber trotz der scheinbar übermächtigen Wucht der Masse sofort klar, dass hier nur mit einem verschwindenden Anteil der fotografischen Bildproduktion zu rechnen ist. Vermutlich kann schon die durchschnittliche bundesrepublikanische Familienfestplatte ein ähnlich beeindruckendes Bildquantum vorweisen, wie das sehr wohl auf Breite setzende Spektrum des diesjährigen Berliner Fotofestivals. Das ist nicht neu. Wir wissen darum und leugnen halbherzig. Wir haben kaum eine Vorstellung von der Menge an Bildern, die zirkulieren. Und mittlerweile gar keine mehr von den zahllosen, abgelegten Bildern, die nie wieder ein Auge sichten wird. Heimlich mögen wir uns angesichts dieser verschwiegenen Multiplizität visueller Scheinbarkeiten mit der Vermutung entlasten, dass in diesem beispiellosen Fotouniversum, wie Villem Flusser das unüberschaubare Kreisen der Bilder nennt, einige, manche, vielleicht die meisten oder möglicherweise – nach Meinung einzelner – schließlich sogar alle Bilder irgendwie redundant seien. Aber unabhängig von dem, was gezeigt wird, resistiert der Impuls, alles sehen zu wollen, als unaufhörlicher, unermüdlicher voyeuristischer Antriebsriemen. Alles sehen zu lassen, ist die ergänzende exhibitionistische Mechanik der Fotografie. Alles zeigen zu können ihr uneingelöstes Versprechen. Im Schauspiel dieser optischen, libidinösen, automatisierten Impulse führt sich die massenwirksame Universalität des Mediums auf, und die unerklärte Wirkungslosigkeit menschlicher Absichten. Unentwegt füttern Fotografien das Simulationsimperium, um im alltäglichen Funktionieren der Apparate eine Welt unhinterfragter Normalität zu erzeugen, in deren Bildstrudeln die ewige Wiederkehr des Gleichen als mediale Daseinsform praktiziert wird. Der Fotograf: ein Maschinenappendix?

Museum für Fotografie Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek / SMB Unbekannter Fotograf | Unknown photographer , 1937 © Sammlung Bogomir Ecker
Museum für Fotografie Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek / SMB Unbekannter Fotograf | Unknown photographer , 1937 © Sammlung Bogomir Ecker
Berlinische Galerie. Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur  Sibylle Bergemann: Susi, 1976 © Nachlass Sibylle Bergemann
Berlinische Galerie. Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur Sibylle Bergemann: Susi, 1976 © Nachlass Sibylle Bergemann

Unsere visuell gewendete Kultur ist von Fotografie durchdrungen. Dabei ist sie vermutlich noch allgegenwärtiger, als wir das gewöhnlich wahrnehmen, da wir durch den täglichen, sich ständig vervielfältigenden und erweiternden Gebrauch fotografischer Abbilder so an sie gewöhnt sind, dass diese einen geradezu naturalisierten Status genießen, der die Reflexion ihrer Konstruktionsprinzipien weitgehend verdeckt. Ähnlich einer zum Begriff geronnenen Metapher verschwindet der ursprüngliche Zauber ihrer Enstehung, der im Kontakt mit dem Abgebildeten und dessen gleichsam selbsttätiger Hervorbringung als Bild begründet ist, hinter der Gebrauchsform der Repräsentation. Noch immer zehrt der Ruhm der Fotografie von dieser indexikalischen Bildmagie, die sie einst zum Spiegel der Wirklichkeit, zum optischen Gedächtnis der Menschheit, zum künstlichen Auge des Prothesengottes befähigte. Ihrer mechanischen Augenzeugenschaft haftet nicht nur der Referent an, sondern auch der Ruf unbestechlicher Beglaubigung. Es ist die Legende ihrer Objektivität, die sich, seit die Fotografie erfunden wurde, mit ihrer triumphalen Geschichte verknüpft.

Obwohl die digitale Revolution medienhistorisch weitgehend unstrittig als tiefgreifende Zäszur auch für die Bedeutungs-, Gebrauchs- und Entwicklungsgeschichte der Fotografie begriffen wird, scheint das in ihre Abbildungswahrhaftigkeit gesetzte alltägliche Vertrauen dagegen noch immer nicht aufgebracht zu sein. Gleichwohl scheint unser Nachdenken über photographische Bilder sich angesichts ihrer Einspeisung in das digitale Universum allmählich grundlegend zu revidieren, da die alten Bestimmungskriterien der Glaubwürdigkeit, Naturtreue, Abbildlichkeit unter den veränderten Vorzeichen an Bedeutung einbüßen. In der Regel hantieren wir heute mit digitalen Bildern, die zwar auch technisch hergestellte Bilder, aber im herkömmlichen Sinn gar keine Fotografien mehr sind, weil sie die physikalisch-chemischen Erzeugungsbedingungen nicht teilen, aus dem sich historisch ein Gutteil der bildmagischen Faszination des Mediums speiste. Die technologisch veränderten Standards der Bildproduktion, nach deren Programm analoge Signale in digitale Information umgewandelt werden, greifen tiefer in das technische Geschick, dem wir nicht entgehen, ein, als die perfekte Simulation des Fotografischen uns glauben machen will. Manche Fototheoretiker sehen daher allein in der unproblematisierten begrifflichen Fortschreibung der analogen in die digitale Fotografie einen Akt der Augenwischerei, in dem der medienhistorische Bruch voreilig nivelliert wurde. So richtig wissen wir möglicherweise gar nicht, wovon wir sprechen, wenn wir über Fotografie reden. Sekündlich tausenfach praktiziert, ist ihr theoretischer Status ungewiss.

Collection Regard Hein Gorny: O.T. (Krägen) | Untitled, 1928 © Hein Gorny/Collection Regard Courtesy Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Collection Regard Hein Gorny: O.T. (Krägen) | Untitled, 1928 © Hein Gorny/Collection Regard Courtesy Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Auch nach dem Ende der Fotografie bleibt das Fotografische als Simulation die verbindliche Anschauungsform alles Bildlichen. Die von ihrem Spurencharisma getragene Authentizität des fotografischen Wirklichkeitsbezugs ist in den digitalen Bildmedien aufgehoben. Kadrierung, Retusche, Montage als Frühformen fotografischer Bildkonstruktion sind abgelöst von einer ausdifferenzierten Vielfalt an softwaregestützten Manipulationsmöglichkeiten am Bild. Und was sich in Walter Benjamins Konzept der Reproduzierbarkeit für die Fotografie früh andeutete, ihr Potenzial der Zerstreuung, findet sich unter der Herrschaft der digitalen Informationen zu einer grenzenlosen und vor allem systematischen Kombinierbarkeit ausgeweitet. Digitale Bilder sind referenzbefreite, multiple Gespenster. Als fotogene Bildgrafik haben sie sich von ihrem materiellen Träger, und damit auch von der Altlast fotografischer Abdruckhaftung gelöst. Die Ebene ihrer physischen Einschreibung ist nicht mehr sichtbar. Eine Bilddatei kann in ihrem Inhalt nicht mehr unmittelbar als Bild erkannt werden. Auf diesem Hintergrund erscheint die ehedem technisch avancierte analoge Fotografie nun selbst als Fossil der Mediengeschichte, deren Abzügen man nostalgisch begegnet, sie zärtlich in der Hand wiegt, und ihren Vintage-Charme zu lieben beginnt.

Und was schließlich, fragte Susan Sontag einst in einem ihrer klugen Essays zur Fotografie, könnte surrealer sein als ein Objekt, das sich praktisch selbst hervorbringt, und zwar mit minimaler Anstrengung?

Pinter & Milch – Galerie für Fotografie René Groebli: O.T. aus der Serie | Untitled from the series Das Auge der Liebe, 1953 © René Groebli Courtesy Pinter & Milch Galerie für Fotografie
Pinter & Milch – Galerie für Fotografie René Groebli: O.T. aus der Serie | Untitled from the series Das Auge der Liebe, 1953 © René Groebli Courtesy Pinter & Milch Galerie für Fotografie

Alle Ausstellungen und Programminformationen auf der übersichtlichen Festival-Webiste:
http://www.mdf-berlin.de/de

Europäischer Monat der Fotografie
19. Oktober bis 25. November 2012
an diversen Berliner Orten

Festivalzentrum:

ehemaliges Kennedy-Museum
Pariser PLatz 4A
10117

Empfehlungen:

Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR
Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin
Mittwoch bis Montag 10:00 bis 18:00 Uhr
http://www.berlinischegalerie.de/

Dennis Hopper. The Lost Album
Martin Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7
Mittwoch bis Montag 10:00 bis 19:00 Uhr
http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/gropiusbau/programm_mgb/mgb12_hopper/ausstellung_hopper/veranstaltungsdetail_mgb_ausstellung_42838.php

East-End!-Punk in der DDR
Staatsgalerie Prenzlauer Berg
Greifswalder Straße 218
10405 Berlin
Di-Fr. 14-19, Sa. 13-18 Uhr
www.staatsgalerie-prenzlauerberg.de

York der Knöffel. Schlachthaus Berlin
Loock Galerie
Invalidenstraße 50/51
Halle am Wasser
10557 Berlin
Di-Sa 11-18 Uhr
www.loock-galerie.de

Ono Ludwig- Multiple 1
Pflüger 68 Bürogemeinschaft und Galerie
Pflügerstraße 68
12047 Berlin
Mo-Fr. 10-18 Uhr
www.pflueger68.de