Entweder / Oder

Kierkegaard
im Spiegel zeitgenössischer Kunst.

Tal R: Clowns, 2008, Courtesy: Paradis, Foto: Léa Nielsen
Tal R: Clowns, 2008, Courtesy: Paradis, Foto: Léa Nielsen

Über Jahre schon behauptet das klangvolle Haus am Waldsee seine abgelegene Position als Angelpunkt und Anlegesteg für ausgewählte Präsentationen zeitgenössischer Kunst. Nun verbindet sich diese eremitäre Waldständigkeit des Hauses, das mit seiner peripheren und halbidyllischen Lage Weltabgewandtheit – sagen wir einmal – zumindestens andeutet, thematisch mit einem philosophierenden Zivilisationsasketen und menschlichen Randlagenbeobachter erster Ordnung, mit dem Vater aller theoriebasierten Existenzgründungen: Sören Kierkegaard. Zu dessen 200. Geburtstag nämlich sucht die dänische Kuratorin Solvey Helweg Olsen im Zehlendorfer Ausstellungshaus nach Spiegelungen seines Schreibens in der Gegenwartskunst. Ausschweifend, weltgetränkt und fremdbestimmt. Genusssüchtig und so den zufälligen Tänzen des Unmittelbaren ausgeliefert, treibt er rückhaltlos im Strom des Sinnlichen. So skizzierte Kierkegaard seinen Ästhetiker. Dieser ist – im Jargon des Medienzeitalters – ein ewig Surfender. Als Existierender büßt er die hedonistische Verführungsmacht seiner Oberflächenkompetenzen mit der Konsequenzlosigkeit seines Lebens. Er bleibt Zufallsprodukt. Es mangelt ihm an Wirklichkeit. Geboren aus den Fluten der romantischen Jugendkultur ist der Ästhetiker der vollkommene Möglichkeitsmensch.

Als Liebesflüchtling war Kierkegaard nach der selbstauferlegten Entlobung mit Regine Olsen – aus der kleinstädtischen Komfortzone Kopenhagen kommend – in Berlin gestrandet, um hier gerade einmal dreißigjährig den ersten Teil seines in der aktuellen Taschenbuchausgabe tausendseitigen Hauptwerkes Entweder/ Oder zu verfassen. Literarisch elegant baut er darin die sinnesbezogene Gegenwärtigkeit der ästhetischen Lebenseinstellung zur ambivalenten Figur des Ästhetikers als einer prototypischen Daseinsform und Existenzsphäre des Einzelnen aus, deren trockenes Gegenstück der Ethiker als bürgerliches Standardformat gibt (ist). Restlos eingepasst in das normative Gefüge seiner rationalisierbaren Welt verwirklicht dieser an seinem angeborenen sozialen Ort eine bescheidene bis langweilige Existenz. Trotz aller möglichkeitsarmen Durchschnittlichkeit gewinnt dieser für sich – in seinem familiären, sozialen, ökonomischen und politischen Engagement – eine dem Konkreten abgerungene Wirklichkeit.

Dieser existenzialdialektischen Lebensformen, denen Kierkegaard später noch die entscheidende dritte Sphäre der Glaubensentscheidung entspringen lassen wird, bedient sich das kuratorische Konzept, um etwas schablonenhaft die ausgestellten künstlerischen Positionen dem Ästhetiker (A) oder dem Ethiker (B) zuzuordnen. Vereinzelt schärft dieses perspektivische Vorgehen den Blick auf das Werk. Oft genug – man muss das so sagen – gerät das Wollen zur Wahl aber zum Zwang der Entscheidung. Dann gleicht die Kategorisierung eher einem selbstbeschränkenden Korsett, das der Besucher souverän lösen sollte. Wie im richtigen Leben sind auch in der Kunst Spielformen zu entdecken.

Lee Yongbaek, Broken Mirror, 2011, Courtesy: der Künstler und die Hakgojae Gallery, © Lee Yongbaek
Lee Yongbaek, Broken Mirror, 2011, Courtesy: der Künstler und die Hakgojae Gallery, © Lee Yongbaek

Wer die Ausstellungsräume im Haus am Waldsee betritt, sieht sich in einem wohnzimmerartigen Interieur unmittelbar mit zwei barock gerahmten Spiegeln konfrontiert. Wie alle Spiegel laden auch diese zur Selbstbetrachtung ein, die aber jäh endet, wenn unter ohrenbetäubendem Lärm jenes uralte Medium der Selbstreflexion zerbricht, weil der Spiegel gar kein Spiegel ist, sondern ein Flachbildschirm, der das Zerspringen eines Spiegels wiedergibt. Broken Mirror von Lee Yonbaeck kommt ein wenig schulbuchmäßig als telegenisierte Wiederauflage der gesättigten Spiegelmotivik daher, in der sich seit jeher Medien- und Selbsterkenntnis die Hände reichen. Zudem verhält es sich mit Spiegelbildern, die sich wiederkehrend selbst zerstören, ähnlich wie mit ewig schreienden trojanischen Priestern: hemmungslose Wiederholung und ins Endlose getriebene Aufzeichnung des Gipfelmoments beschneidet die eigene Wirkmächtigkeit – und zwar dauerhaft!

Dennoch: hier wird mit hochtechnisiertem Geschick das Zerstörungswerk an einer Illusion betrieben, wodurch der überraschte Besucher zugleich in das Zentrum der Kierkegaardschen Philosophie gezwungen wird. Im Zerspringen der Spiegelfläche wendet sich der vorgehaltene Spiegel zum Desillusionierungsinstrument. Tatsächlich zuckt man unwillkürlich zurück, wenn der Spiegel erstmals in die Brüche geht. Mit der Vehemenz des plötzlich eintretenden Schreckens gewahrt man intuitiv, wie mit dem auseinanderfallenden äußeren Anschein auch das sicher geglaubte eigene Selbstbild in Frage gestellt ist. Ein suggestiver Einbruch des Zweifels am Wahrheitsgehalt medial vermittelter Selbstbilder, deren täuschende echte Gestalt doch jeder gerne vor sich selbst als Gesamtheit seiner Person ausgibt. Wenn die Maske der bürgerlichen Existenz gesprengt ist, öffnet sich der grundlose und zweifelanfällige Befragungsraum der eigenen Innenwelt mit all ihren unangenehmen Richtplätzen der Aufrichtigkeit gegen sich selbst, des grundlosen Wollens und unbegründeten Zögerns, der möglichen Marginalität der eigenen Person.

Aber können wir in unserem eigenen Leben, das wir entgegen aller anderslautenden Behauptungen noch immer unwiderruflich selbst zu leben haben, uns auch immer wieder neu entscheiden – so wie angebliche Spiegel vorgeben tatsächlich zu zerbrechen? Und kann ich überhaupt wissen, was ich wollen soll? Oder will ich, wenn ich schließlich noch ein anderer bin, und das muss ich sein, denn sonst könnte ich nicht etwas wollen, was ich nicht bin – will ich mich also unter diesen zweifelhaften Existenzbedingungen überhaupt noch auf jemanden einlassen, von dem ich vielleicht nur fälschlicherweise annehme, das es sich bei dieser Person um mich handelt? Oder darf und kann ich, wenn ich es nur ausreichend will, wenigstens weglaufen?

Es sind die Schwindel zerbrechender Spiegel, die solche Frageteppiche entrollen. Sie könnten ins Unendliche treiben. Über das Wollen, die Ironie und die Strategeme ästhetischer Distanzierung. Nicht zuletzt über die Möglichkeit eines programmatisch gewordenen Sowohl-als-auch als zeitgenössischer Lebensweisheit- und gängiger Vermeidungspraxis.

Søren Kierkegaard – Entweder / Oder, Ausstellungsansicht Haus am Waldsee, 2013, Foto: Bernd Borchardt
Søren Kierkegaard – Entweder / Oder, Ausstellungsansicht Haus am Waldsee, 2013, Foto: Bernd Borchardt
Søren Kierkegaard - Entweder / Oder, Ausstellungsansicht Haus am Waldsee, 2013, Foto: Bernd Borchardt
Søren Kierkegaard – Entweder / Oder, Ausstellungsansicht Haus am Waldsee, 2013, Foto: Bernd Borchardt

Nur selten erreichen die ausgestellten Arbeiten die Radikalität, wie sie die philosophisch-literarischen Anstrengungen Kierkegaards im Denken des Einzelnen auszeichnete. Auch oder gerade dort nicht, wo lange Zeit der Kern der künstlerischen Arbeit ausgemacht wurde: im Bestreben nach einem originären Ausdruck des Eigenen. Dafür gelingen differenzierte Einblicke in die Spannbreite dessen, was hier im Anschluss an Kierkegaard unter den Begriff des Ästhetischen gebracht werden soll.

Da stehen beispielsweise die von primärer Sinnlichkeit und organischer Formungslust angetriebenen Keramiken von Tal R: Ein kleiner wuchernder Skulpturenwald aus bunt bemalten phallischen Objekten. Verspielt und selbstironisch präsentieren sie nach einem geflügelten Wort der Kuratorin in unterschiedlichen „Launen“. In der sinnlichen Unmittelbarkeit des ihnen eigenen Idioms unterscheiden sie sich fundamental von den ironischen Remodellierungen abstrakter Kunst, die Alfred Bomann beigesteuert hat. Seine Werkattrappen spielen mit dem, was man sich vorstellt, was andere Leute sich unter abstrakter Kunst vorstellen, und positionieren sich damit im Grenzbereich von Ästhetischem und Ethischem, wo die ästhetische Distanzierungskunst der Ironie die äußere Form des vorgeblich Behaupteten unterläuft.

Während bei den meisten der fünfzehn Beiträge – von denen nebenbei bemerkt keines im Hinblick auf die Ausstellung und das damit gesetzte Thema produziert wurde – die beiden Kierkegaardschen Lebensformen eine Art kuratorisch aufgespannten Deutungshintergrund bereitstellen, verkörpert Tom Hillewaeres Valse Sentimentale auf wundersam maschinelle Weise die traumtänzerische Abstraktion des Kierkegaardschen Ästhetikers. Schwerelos schwebt zur Musik Tschaikowskys ein Gasballon im Raum, der von Ventilatoren mal etwas mehr in die eine, mal etwas mehr in die andere Richtung getrieben wird. Tendenziös tanzt der Ballon in zufälligen Impulsen. Seine schwebende Choreographie hinterlässt graphisch indifferente Spuren auf den Flächen des darunterliegenden Podiums, da ein am Ballon baumelnder Stift unentwegt das heillose Gekritzel eines dahintreibenden Lebensweges auf den weißen Untergrund zeichnet.

Von ebenso wunderbarer Transparenz und Einfachheit der Konstruktion ist Jeppe Heins Mirror and Light. Zwei runde Spiegel wenden sich ihre reflektierenden Flächen zu; eine am Boden, die andere von der Decke hängend. Zwischen ihnen ist eine Lichterkette gespannt, die sich in von der wechselseitigen Spiegelung der Spiegelbilder erzeugten Unendlichkeit verlieren. Die Lichterkette erscheint wie die Nabelschnur in eine aus endlichen Mitteln gewonnenen Unendlichkeit. Ein Rosenkranz der Virtualität. Ein Kunststück über die kausale Verkettung des Menschen in die Gesetze der Welt. Vielleicht auch Sinnbild eines Brücken- und Durchgangsstadiums namens Mensch, der nach der Überzeugung Nietzsches ein Seil geknüpft zwischen Tier und Übermensch ist.

Jeppe Hein, Mirrors and Light, 2009, Ausstellungsansicht Haus am Waldsee, 2013, Foto: Bernd Borchardt
Jeppe Hein, Mirrors and Light, 2009, Ausstellungsansicht Haus am Waldsee, 2013, Foto: Bernd Borchardt
Søren Kierkegaard – Entweder / Oder, Ausstellungsansicht Haus am Waldsee, 2013, Foto: Bernd Borchardt
Søren Kierkegaard – Entweder / Oder, Ausstellungsansicht Haus am Waldsee, 2013, Foto: Bernd Borchardt

Im Obergeschoss der Villa, wo die Ethiker sich versammeln, verliert sich seltsamerweise nicht nur die Vielfalt an Ausdrucksmitteln. Der Versuch, die ethische Position aus dem Handlungskreis des Familienmenschens ins Globalpolitische zu befreien, gerät künstlerisch allein schon in der Wahl der Mittel zu einer Auswahl konventioneller Durchschnittlichkeit videokompetenter Medienkunst. Der Ethiker ist hier ganz von der Seite seines allgemeinen politischen Engagements her aufgefasst. Seine Konventionalität, die bei Kierkegaard gerade durch ihre soziale Festigkeit und räumliche Enge zu jener äußeren Schablone geraten kann, auf der sich als Differenz- und Distanzbild eine Innenwelt des Subjekts erst formiert, wird dabei unterschlagen. Wie gestaltet sich Konventionalität in pluralen Gesellschaften? Was bedeutet ihre Deterritorialisierung? Wie sehen sie aus, die neuen Konformitätsformen des Andersein-Müssens? Gibt es zeitgenössische Kunst, die in einer Ethnologie des Nächsten die soziale Passform unserer heutigen Existenzform bestimmt?

Im letzten Raum findet die Ausstellung schließlich mit der berührenden Videoarbeit Here and Elsewhere zu ihren Anfängen, zur philosophischen Frage, zu den Spiegeln der Selbsterkenntnis, zu Sokrates und damit auch zu dessen Kopenhagener Geistesbruder zurück. Kerry Tribes gefilmtes Interview zeigt ein zehnjähriges Mädchen, das von ihrem Vater mit grundlegenden philosophischen Fragen nach Raum und Zeit, nach ihrem eigenen Körper und dem Wirklichkeitsgehalt von Bildern konfrontiert wird. Immer wieder findet sie dabei im eigenen Nachdenken entwaffnend ehrliche und tiefgründig einfache Antworten.

Zuallerletzt kommt die Frage aus dem Off: Wer denkst du bist du jetzt. Bist Du gerade Du selbst oder spielst Du Dich selbst. Man ahnt, wir nähern uns dem Ende. Die Frage hätte auch lauten können: Bist du nun Ästhetiker oder Ethiker? Nach eindringlichem Zögern antwortet das Mädchen: Ich denke: Beides!

Sören Kierkegaard. Entweder / Oder
im Spiegel zeitgenössischer Kunst
22.06. bis 22.09. 2013

Haus am Waldsee
Argentinische Allee 30
14163 Berlin