Kaffeeklatsch
der Zivilisationen

Kunst- und Fundstücke
bei Streifzügen durch Berlin.

Aphrodite Kallipygos, eine Berlin-Touristin aus Neapel.
Aphrodite Kallipygos, eine Berlin-Touristin aus Neapel.

Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst der kosmogonischen Berlin-Phantasmata.
Wider alle Erwartungen ist es noch immer möglich, in Berlin – sogar in Berlin-Mitte oder am Prenzlauer Berg? – beim ziellosen Umherschweifen erstaunliche Entdeckungen zu machen.
Und trotz allem: Berlin ist noch immer im Brennpunkt des kosmogonischen Eros.
Zwar steigt die Zahl psychogeographisch Obdachloser in Berlin rapide an, und Gentrifizierung ist nicht nur im Kongo im Gang. Es mehren sich nach wie vor kommerziell konditionierte Tages- und Nachttouristen. Überall wachsen Souveniershops, Futterkrippen und Partybiotope aus dem Boden. In der Regel wird man in Cafés und Bars auf Englisch angesprochen und ist rundum einem internationalen Kauderwelsch ausgesetzt. Das Letztere ist durchaus sympathisch; man kommt ins Gespräch. Und solange das Geheimnis der Begegnungen und die Leidenschaft der Möglichkeit wach gehalten werden, mehren sich Entdeckungen und glückliche Zufälle. Die unsichtbaren Hände Fortunas und Tyches sind im Spiel. Un coup de dés jamais n’abolira l’hasard.

Berlintypisch: Gespräche mit fossilen Altberlinern, sofern man tatsächlich gelegentlich einem begegnen sollte, sind meist mit nostalgischen Reminiszenzen untermischt. Manchmal beginnen sich die Gespräche komplett um die guten alten Zeiten zu drehen. Schleichende Symptome von Derealisierung? – Ja. Und Nein. Weil wir um die Kraft der in die Gegenwart wirkenden Vergangenheit wissen. Ab und zu ein konzentrierter Schuß Altberliner Lebensgefühls, eine stadtspezifische Variante des Eigenblutdopings. L’ardeur d’autrefois brilla dans ses yeux verts.

Fakt ist: Berlin ist längst zum internationalen Ort für Lockerungsübungen geworden, man entflieht auf Zeit den realen und imaginierten Zwängen und Borniertheiten des eigenen Zuhause und lockert sich offensiv in Berlin: nicht nur, weil es hier inzwischen mehr Yoga-Lehrer als Yoga-Schüler gibt. Oder weil jeder Zweite nachmittags mit Piccolo-, Bier- oder Babyflasche durch die Gegend spaziert. Sondern ganz allgemein: hier kann man endlich leben, wie man sonst gern leben würde!
Jeder trägt nach Berlin, was er sich unter Berlin vorstellt und von Berlin erwartet – und lebt es dort, so gut er kann, frei aus: Berlin wird durch diese Einmischungen mehr und mehr zum Ort der Realisierung internationaler Berlin-Phantasmata. Wie originell oder verrückt diese Phantasmata sind, liegt jetzt in der Hand der verlorenen Generationen aus aller Welt.
Traurig sind natürlich Schwundstufen der Imaginationskraft: das Überhandnehmen verkitschter, platter oder langweiliger Phantasien eines wilden Lebens.
Das alte Berlin gibt es nicht mehr. Das kann man bedauern oder verfluchen – dieser Tatsache muß man sich stellen. Das alte Berlin gab es nie. Es gab Millionen davon, und gibt sie noch: Parallelwelten mit Schnittmengen.

Kurz: Der Kaffeeklatsch der Zivilisationen wird in Berlin, wie sonst kaum in Europa, mit aller Härte ausgetragen. Aber auch mit einer gewissen Gelassenheit und Lässigkeit. Die Kunst- & Kaffeeklatsch-Guerilleros und Guerilleritas aus aller Welt geben sich hier ein Stelldichein.

Wir berichten zukünftig von den seltenen Orten, wenn wir ihnen von Zeit zu Zeit noch begegnen …