Diskursformel
setzkasten.

Ein Glossar für Kunst und Leben.

Ausstellung WeltWissen im Martin-Gropius-Bau (24. 9. 2010 - 09. 1. 2011) Regalinstallation im Lichthof (Foto: © Roman März)
Ausstellung WeltWissen im Martin-Gropius-Bau (24. 9. 2010 – 09. 1. 2011) Regalinstallation im Lichthof (Foto: © Roman März)

Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.
(
Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses)

Der Setzkasten ist ein in der Handsetzerei verwendeter Sortierkasten für Lettern im Bleisatz.
Ein Setzkasten enthält immer nur Typen derselben Schriftart, Schriftgröße und des Schriftschnittes. Außer den Schriftzeichen enthält der Kasten auch nicht druckendes Material, das Blindmaterial, bestehend aus Quadraten, Gevierten und Spatien für die Wort- und Zeichenabstände. Nicht enthalten sollte er „Fische“ (irrtümlich abgelegte Lettern ins falsche Fach des Kastens) oder Zwiebelfische (irrtümlich falsch abgelegte Lettern aus einer anderen Schriftart oder eines Schriftschnitts). (Wikipedia 2014)

Bei der Verwendung von Formeln wird vorausgesetzt, dass sich die sie verwendende Fachgruppe vorab über die Bedeutung der einzelnen Formelelemente und über die richtige Grammatik verständigt hat. (Wikipedia 2014)

Glaubensbekenntnis der Setzkastenhüter
Der Setzkasten ist ein System räumlicher Ordnung. Lassen wir seine Herkunft aus der Schriftsetzerei beiseite, um uns nicht unnötig tief in das schwer entzifferbare Geflecht von Sprache, Differenz und Wissensordnung einzulassen. Seit er in den Umbrüchen der medientechnologischen Entwicklung aus der handwerklichen Enge der Setzerwerkstatt entlassen wurde, ist seine spezifische Nutzbarkeit für die typographische Handsetzerei in eine vielfältige Verwendbarkeit als schaukasten-förmiger Aufbewahrungsort für Allesmögliche aufgelöst.
Der Franzose nennt es »bibelot«, der Engländer »knick-knack«, der Deutsche »Nippes«. In Setzkästen finden sich heute die tollsten Wucherungsformen ausgestalteter Künstlichkeit wieder; besonders jene Dinge, die der ästhetischen Kategorie des Kitsches am nächsten stehen: Souvenirs, Klimbim, Zierrat, Plunder. Wie in einem Museum des Diminutiven werden dort persönliche Dinge angesammelt, in denen Sehnsüchte verkörpert sind. Für seine Besitzer mag er ein magischer Ort intimer Erinnerungskultur sein; eigentlich aber dient er der Aufbewahrung des Entsorgungswürdigen. Fast immer begegnet man in seinem hölzernen Rahmen einem Sammelsurium merkwürdigster Miniaturen. Kaum etwas, was sich dort nicht finden ließe: Schlümpfe und Eulen, Parfümfläschchen und Filmrollen, Gartenzwerge und Porzellanfiguren. Manchmal breiten solche Sammlungen die stolzesten Stücke einer Gattung zum Prachtzuwachs ihres exhibitionierenden Eigentümers aus. Seltener kann man einem enzyklopädischem Ringen, gar einem heroisch geführtem Kuratorenkampf mit der wuchernden Erscheinungsvielfalt des Kitsches beiwohnen. In Wahrheit ist der tausendköpfigen Hydra der industriellen Produktion des Überflüssigen nie beizukommen: Der menschliche Gestaltungswille kennt keine Grenzen.
In aller Regel werden Setzkästen optischen Ordnungsprinzipien unterworfen, die es erlauben, das Zusammengetragene zu gruppieren, zu vergleichen und zu erschließen. Darin folgen selbst Nippesarsenale der Tradition frühneuzeitlicher Naturalienkabinette. In wenigen Fällen werden in dieser Tradition auch heute noch vermischte Kunstformen der Natur in Setzkästen präsentiert, um naturzugewandten Menschenkindern die sinnlichen Sensationen vor Augen zu führen, die aus der Formenvielfalt von Muscheln, Korallen, Steinen, Käfern und Zapfen erwachsen.
Unklar blieb jedoch bislang, ob die Setzkastenpraxis als einfaches Derivat einer anthropologischen Konstante des Sammelns und Ordnens anzusehen ist, oder ob sie sinnvoller als humanoider Spleen beschrieben werden sollte, bei dem eine kulturell erworbene Praxis in einer Art enzyklopädischem Glasperlenspiel tradiert wird. Einige Forscher betonen besonders die pathologischen Züge der Setzkastenleidenschaft und sehen diese eng verwandt mit anderen zwanghaften Spielarten wie der Schmetterlingskastenliebhaberei oder der Schwärmerei für Käfersammlungen. Auch Münznarr und Briefmarkensammler werden in diesem Zusammenhang durchaus häufig genannt; und einige erkennen sogar eine strukturelle Verwandtschaft mit dem Poesiealbum. Gerät das kulturell ausbalancierte Gleichgewicht von Sammelwut und Ordnungswahn in diesem Spiel aus dem Rahmen, können – so warnen mit der Materie eng vertraute Setzkastenspezialisten – sammlungsspezifische Organisations-Defizit-Störungen auftreten.

Was lässt sich nicht alles in ihm auffinden? Welch wundersame Dinge kann man doch in ihn einstellen! Im Setzkasten – zumal in unserem eigenen – gehen das Faktische und das Fiktionale ineinander über, auch wenn das von Lamellen durchgliederte System des Setzkastens Undurchlässigkeit suggeriert. Er ist uns ein sonderbares Kabinett zur Handhabung verstreuter Dinge, in dem die innere Geometrie seiner Ausstellungstücke bestimmt werden kann, ohne dass schon auf den ersten Blick klar abgegrenzt oder zwingend entschieden sein muss, was die Regeln ihrer Beziehung definiert. So gesehen ist der Setzkasten ein Schauplatz des Evidenten. Er ist aber auch eine Lagerstätte des Disponiblen und – für uns – ein konspirativer Ort zur Lagebesprechung vielfältiger Sujets und Kriterien. Eingerichtet zur provisorischen Ablage von Diskursformeln finden sich folglich setzkastenuntypische Dinge darin, über die sich zu wundern jedem freisteht.
Im Diskursformelsetzkasten sammeln wir Miszellen. Mitunter erproben wir dabei waghalsige, törichte, fragwürdige Neologismen. Denn schlagartig vermag manchmal eine glückliche Wortkonstruktion die greifbaren Aspekte eines Sachverhaltes aus seiner Schwebe zu lösen, als ob ein einziger sprachlicher Ausdruck kristallisieren könnte, was in der Luft liegt. Nicht immer kann das gelingen. In den seltensten Fällen weiß man vorher, was dabei genau aufgegriffen werden wird; und doch bedeutet dies keineswegs, dass wir im Trüben fischen. Allerdings gestehen wir, uns der Ahnung, der Vermutung und dem Einfall anzuvertrauen. Mit der Zeit – so hoffen wir – wird der Diskursformelsetzkasten zu einem beweglichen Heer von Diskursformeln anwachsen, in denen sich unsere Leidenschaften ebenso spiegeln wie die akuten Phantasmen der Kunstwelt.
Ursprünglich verwendeten wir den Ausdruck Diskursformelsetzkasten als kritische Signatur eines Sets an gängigen und gebräuchlichen Formeln, die überwiegend als selbstreferentieller Ausweis diskurssicherer Sachkenntnis eingesetzt werden. So und nicht anders demonstrieren postmoderne und nachfolgende Diskursgemeinschaften ihre soziale Zugehörigkeit und habituellen Distinktionsansprüche. Mit dem Diskursformelsetzkasten ist demzufolge die Einsicht verbunden, dass der vorherrschende Soziolekt, an dem die Produktion von Kunst, ihr Vertrieb, ihre kuratorische Praxis und institutionalisierte Kritik gleichermaßen partizipieren, zwar zur Wiedererkennung und Selbstbestätigung innerhalb der Diskursgemeinschaft »Kunstgemeinde« taugt, darüber hinaus aber allzu oft leer läuft. Eine ausufernde Inflation bestimmter Formate und Begriffe, endlos repetierte Stereotypen oder monotone Deutung-und Beschreibungsmuster können als trostlose Indikatoren eines kaltgestellten Systems von in sich selbst kreisenden Bezügen verstanden werden.
Zu umfassend – so die Diagnose – ersetzt die Diskursformel das Wahrnehmen, Beschreiben, Denken; – ja, die Kunst selbst. Weitestgehend beherrscht wir das Artetop – abgesehen von den einflussmächtigen ökonomischen Interessen – von einer stillschweigenden epidemischen Distribution des Gleichen, die sich auch in einem zusehends festgefahrenem Jargon äußert.
Dem ungeachtet wird der Diskurs aber auch weiterhin hin und her laufen; allein schon, weil er seiner genuin motorischen Natur nicht entgehen kann. Wer hätte ihn je zu fassen bekommen, diesen umtriebigen Vagabunden des Sinns? Als übercodierter Begriff geistert der Diskurs seit Jahrzehnten durch Wissenschaft und Kunst. Allerorten wird sich auf ihn berufen. Und doch bleibt er ungreifbar. Unbeständig schaukelnd und schwankend. Selbst schlafen tut er nie. Seiner »unberechenbaren Ereignishaftigkeit« und »bedrohlichen Materialität« werden die Auguren, Agenten und Instanzen, die ihn zu bändigen, zu verwalten und um seiner Produktivität willen auszubeuten versuchen, auch weiterhin nicht entgehen. Wir sind überzeugt: Diskurse und Künste werden sich nie endgültig in Diskursformeln formalisieren lassen.

Wir fügen uns in ein fluides Feld, das aus Manövern des Ausweichens und der Vermeidung, aber auch der Annäherung, Aneignung und Übernahme bestimmt wird. Wir begegnen dem Verlust an spekulativer Kraft mit Wendemanövern auf hoher See. Wir setzten utopische Landmarken zur Neuvermessung des Sichtbaren und Imaginären. Wir glauben an die Selbsttätigkeit eines Diskurses, dessen Medien wir sind, und an die kybernautischen Künste derer, die diesen medialen Prozess aussteuern.
Dem bestehenden Diskursformelsetzkasten setzen wir mindestens einen Doppelgänger entgegen, was kommende Reproduktionslinien nicht ausschließt. Seinem idealen Konstruktionsprinzip nach ist der gleichnamige Diskursformelsetzkasten-Doppelgänger ein Setzkasten ohne Mittelpunkt, dessen Ausdehnung unendlich ist. Keine Frage: der Diskursformelsetzkasten ist eine Formel, die aus Silberfischen und Zwiebelfischen konstruiert ist. Ausgehend von seinem infiniten Doppelgänger widmen wir den in kritischer Absicht erwogenen Diskursformelsetzkasten in eine kombinatorische Maschine zur Erzeugung neuer Zusammenschlüsse um. Schon aus strategische Gründen werden wir zukünftig nur noch von einem Diskursformelsetzkasten sprechen, so als ob ein a nicht von einem a zu unterscheiden wäre.
Der ins Infinite erweiterte Diskursformelsetzkasten sprengt alle kleinkarierte und kastenförmige Ordnung, weil er Gattungsbestimmungen und Klassifikationssystemen misstraut. Er zerschneidet, montiert und begründet. Er kopuliert, vervielfältigt, vermehrt und verwandelt. Seine Formeln sind nichtsdestotrotz Beschreibungsinstrumente für Erscheinungsformen rund um das, was Kunst zu sein vorgibt, und das, was in ihr zu fassen versucht ist. Mit dem Diskursformelsetzkasten richten wir ein Arsenal des Kunst-Welt-Diskurs-Wissen ein und spielen den Versuch durch, das im Setzkasten erzeugte Formelwissen als Kunstwortschatz zu verschlagworten. Sein geheimer Bruder ist der Zettelkasten. Ein solches para-enzyklopädisches Projekt kann nur unvollständig sein. Seine aberwitzig löchrige Lexik wird sich dennoch allmählich vertiefen und in ein Geäder von wahrscheinlich paradoxen Einträgen verzweigen, die sich wechselwirksam kommentieren.
Man sieht, der Diskursformelsetzkasten ist als Diskursformel selbst ein Element des Diskursformelsetzkastens. Noch ahnen wir nicht, was in ihm alles zu erscheinen vermag. Wir wissen, wir konzipieren das Unmögliche. Nicht unwahrscheinlich, dass er als Prokrustesbett und Scheinriese zugleich erscheint. Ein »Coup de foudre« heterologer Begrifflichkeiten, eine »Amor fou« von Zeichen und Praktiken. Sein Wissensraum rekonstruiert das spezifische Diskurswissen der Kunstwelt und entgrenzt es zugleich in das illustre Spiel des Ungewissen.
Als Setzkastenhüter beherbergen wir ebenso Bekanntes wie Ungebräuchliches, Seltenes wie Vielverwendetes. Unser Glauben dient der alchemistischen Umwandlung von Zuvielverwendetem in Unverbrauchtes. Wir bekennen uns dazu, als hochangepasste Diskursparasiten von Diskurspartisanen nicht unterscheidbar zu sein. Wir reproduzieren, stabilisieren, intervenieren. Wir irritieren und zitieren. Wir mutieren, parodieren und fingieren. Wir deuten aus und deuten um.
Wieviele tote Bleilettern werden wir in unserer saturnischen Versuchsanordnung finden? Wieviele von ihnen zwingen uns zum Sprechen? Zu welchen Unaussprechlichkeiten verführen sie uns? Welche verlorenen Gevierte und eroberungswürdigen Spatien sind in diesen Kästen abzulaufen? Welche Leerstellen werden im Blitzlichtgewitter der Begriffe evident und welche Zwiebelfische und Kuckuckseier fügen wir dem Überflüssigen hinzu? Sollte einjeder besser darauf gefasst sein, in diesem Setzkasten der Kunst auch Grillen, Steinläuse, Haifischzähne, Kamelhaarpinsel und Einhornhörner abgelegt zu finden? Wir operieren mit hybriden Wortgeschöpfen, mit kryptographischen Begriffsapparaten und künstlichen Buchstabenungetümen, weil sie als Stolpersteine und Zungenbrecher taugen. Wir kultivieren polyphone Diskursmonstrositäten und schreiben eingängige Behauptungsnormalitäten kurzerhand zu Diskurskeilen um. All das dient uns als Enttäuschungsbeschleuniger bei der punktuellen Demaskierung des diskurspraktisch Eingeübten. Denn die Begriffskondensate, die sich hier versammeln werden, suchen die seitliche Einflussnahme in den globalen Strömen der Zeichen.
Wir wissen nicht, ob aus dem Spiel unserer Vorschläge – aus den Phänomenen, die sie empfangen – aus den Attraktionen, die sie anziehen – aus dem Chaos, das sie ausschöpfen – aus den Welten, die sie veranlassen – Taugliches hervorgeht oder ob sich dieses Spiel unverzichtbar macht,- einfach weil es pulsiert.
Aber wir verschreiben uns der Fortsetzung der Produktion des Unendlichen mit endlichen Mitteln. Wir setzten auf eine Auffindungsgabe, deren Reichweite im Infinitesimalen zu verankern wäre. Wir halten Sperrigkeit für eine mnemotechnische Waffe. Wir glauben an die klarsichtige Kapazität der Kritik, an die Potenzen des Poetischen und die Produktionskräfte des Undurchsichtigen.

Dans l‘art il n’ y a que des differences.