Das
Pförtnerhaus.

Notizen eines Enthusiasten.

Tonne, ehemaliger ADN-Dienstparkplatz, Areal "Fahrbereitschaft", Berlin Lichtenberg © Foto: Hendrik Jackson
Tonne, ehemaliger ADN-Dienstparkplatz, Areal "Fahrbereitschaft" in Berlin Lichtenberg © Foto: Hendrik Jackson

Kunst und Pförtnerhaus. ich hatte eine Einladung eines Künstlers bekommen, sich ein bespieltes Pförtnerhaus anzusehen, Bestandteil einer kleinen Ausstellungsreihe. der Ausstellungsort war recht weit weg, in Lichtenberg; man musste mehrfach umsteigen, und je länger ich mit den immer seltener fahrenden Verkehrsmitteln fuhr, desto einsamer wurd es um mich. Hochhaus reihte sich an Hochhaus, bis auch die Straßen enger, die Häuser kleiner, aber die Flächen weiter wurden. ich erkannte, dass ich richtig fuhr, weil eine viel zu distinguiert aussehende Frau Orientierung suchend und um sich schauend an derselben Haltestelle ausstieg. wie ich gehört hatte, sei ein Investor eingestiegen und habe ein riesiges Gelände gekauft. ich erwartete also eine große Ausstellungsfläche, erwartete die ganze Boheme kommender Größen, einen reichen Magnaten und dass ich Zeuge würde des ersten Schritts einer Gentrifizierung eines bisher für ungentrifizierbar gehaltenen Kiezes. das Riesengelände erkannte ich von weitem. auch das Pförtnerhaus fiel mir sofort ins Auge, daneben standen einige dunkle Gestalten um ein Feuer in einer Tonne, sonst war da nur der Dämmer der angehenden Nacht. die da standen waren aber keine Obdachlosen, sondern Vernissagebesucher. ich fragte nach der Ausstellung. hier – antworteten sie und zeigten auf das Pförtnerhaus. in der Ankündigung hatte es geheißen: Es ist zweckmäßig gestaltet im typisch schlichten DDR-Einheits-Design. Überschaubare 2 qm inklusive Linoleumgeruch zur vollen Kontrolle.

das war so weit eine korrekte Beschreibung. der schöne Linoleumgeruch, der nach neustem Forschungsstand also zur vollen Kontrolle diente, stickte jedoch einsam im Inneren vor sich hin, da das Haus nicht betretbar, nur einsehbar war.
außen lief ein schmales Schriftband um das Pförtnerhaus, drinnen war kaum Licht und man sah Reste von Utensilien eines längst nicht mehr zweckmäßig genutzten Interieurs.
und weiter hinten auf dem Gelände, um die Ecke des ersten Gebäudes links im ersten Raum konnte man für 50 Cent einen Kaffee erwerben, 5 Leute saßen beisammen und quatschten. kein Magnat, keine weiteren Kunstwerke. mein Besuch war damit schon vorbei.

doch ich war glücklich. noch nie hatte ich so viel Aufwand für die Betrachtung von so wenig Kunstwerken – genau genommen nur einem Schriftband – betrieben. das war doch das, was der neue Papst gefordert hatte: Armut zwecks Besinnung. Konzentration auf das Wesentliche. das Spruchband sagte: I see you. und von innen: You see me. es kam also auf das Sehen an. schon auf der Hinfahrt waren mir die Augen aufgegangen: an was ich in Berlin nicht achtlos vorbei, ja nicht einmal vorbei gefahren bin! die Fahrt zu dem dürftigen Pförtnerhaus war eine fast prächtige Einübung in Demut gewesen, zugleich eine Erinnerung an das, was das karge, verkommene Berlin einst ausgezeichnet hatte: seine merkwürdige Mischung aus Verfall und Authentizität. auf dem Weg nach Haus sah ich mir eins der ruinösen Häuser genauer an und wunderte mich einmal mehr, wie weit die anderen Kieze inzwischen in der Bestandsanierung fortgeschritten waren, in der Puppenhauskolonisierung. erst die Ruine in Lichtenberg ließ mich wieder neu sehen. dann kam ein riesiger Vietnamesensupermarkt. mir schien, alle Händler der Stadt kauften hier ein. es herrschte, hier am Rand Berlins, reges Treiben. eine friedliche Parallelwelt, die zugleich die kulinarische Verpflegung der Berliner sicherte. ich verstand, dass nicht nur, wie von einigen propagiert, der Prozess des Entstehens eines Kunstwerks zum Kunstwerk gehörte, nicht nur die Ausstellung, die Hängung oder die Präsentation, sondern auch die An- und Abfahrt. der Weg zum Pförtnerhaus, der prüfende Blick auf den nicht vorhandenen Pförtner, auf das Abwesende, auf das Verschwundende und das neue Berlin. ich sehe den Pförtner vor mir: er nickt mir freundlich zu und lässt meine Gedanken frei passieren. ich darf wieder nach Hause fahren. selten hat mich Kunst so in das Gesamtkunstwerk Leben zurückgeführt.