Six Degrees
of Freedom.

Henry Lagos & Wolfgang Plöger im Dialog.
Vorwort.

lagos-koordinaten

Vorbemerkung der Redaktion.
Seit dem Jahr 2004 führten der Kunstkritiker Henry Lagos und der Berliner Künstler Wolfgang Plöger zahlreiche Gespräche, in denen Lagos den Handlungsspielraum des Künstlers auszuloten versucht. Henry Lagos hat die zahlreichen privaten Unterhaltungen, wie er uns erklärte, auf der Grundlage von Tonmitschnitten, Notizen und Gedächtnisprotokollen zu einer dialogisch-künstlerischen Form umgearbeitet und auf 10 Gespräche verdichtet.

Wolfgang Plöger war zunächst nicht mit der Publikation einverstanden: Vieles habe er nicht oder nicht so, wie es dargestellt wird, gesagt, und einige Äußerungen seien sogar schlicht erfunden und ihm in den Mund gelegt worden. Wir wissen nicht, wie die Gespräche tatsächlich verliefen, was hinzuerfunden und was gesagt wurde. Doch das, worum es in ihnen geht, fanden wir äußerst spannend.
Wir sind daher froh, daß Wolfgang Plöger letztlich, nicht zuletzt wegen seiner Freundschaft zu Henry Lagos, nachgegeben und ihrer Veröffentlichung zugestimmt hat. Unter der Bedingung allerdings, daß wir seine Vorbehalte ihrer Veröffentlichung voransetzen. Wir danken ihm also herzlich für seine Zustimmung. Ebenso danken wir Henry Lagos, der uns die Texte zur Verfügung stellte. Sie werden in unserem Magazin erstmalig publiziert und erscheinen nach und nach ab Anfang April in monatlichem Turnus.

Die Dialoge kreisen aus immer neuen und oft verblüffenden Perspektiven um das Thema der Wechselbeziehung zwischen gedachtem und realem Raum, um Fragen der Formfindung von Ideen und besonders um die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Diskurs.
Der Ausdruck “Six degrees of freedom” beschreibt die Bewegungsmöglichkeiten eines Roboters im dreidimensionalen Raum. Heute findet das Kürzel “6 DoF” vor allem bei der Steuerung von Avataren im virtuellen Raum Verwendung.

Wie aus dem folgenden Vorwort von Henry Lagos deutlich werden dürfte, boten für ihn die Auseinandersetzung mit den Ideen und Arbeiten Wolfgang Plögers eine Ausgangsbasis, seine eigenen Positionen zur Kunst zu klären und seinen eigenen künstlerischen Ideen Gestalt zu verleihen.

Die Auseinandersetzungen mit Wolfgang Plöger haben eine merkwürdige Wendung genommen. Ich sage es gleich. Nach zehn Jahren und unzähligen Gesprächen, von denen hier nur ein kleiner Auszug abgedruckt wird, ist nicht er es gewesen, der Läuterung, Besinnung oder gar Bekehrung erfahren hätte. Obwohl dies in Bezug auf seine künstlerische Arbeit durchaus wünschenswert wäre. Er werde weitermachen wie bisher, versicherte er bei unserem vorerst letzten Treffen im Februar dieses Jahres. Was bliebe ihm sonst auch übrig.
Nein, ich bin es, der eine tiefe Wandlung vollzogen hat. Ich werde den Beruf des Kritikers und Theoretikers an den Nagel hängen und auf die Seite der Kunstschaffenden überwechseln. Die Grenze zwischen den beiden Lagern hat sich im Laufe unserer Gespräche als immer durchlässiger erwiesen. Wenn nach Duchamp der Rezipient 50 Prozent des Kunstwerkes ausmacht, wie groß ist dann der Anteil desjenigen Rezipienten, der zugleich ein Kritiker ist? Ich sage dies, um dem Vorwurf vorzubeugen, mein Anspruch sei allzu vermessen und ich würde die Kunst auf die leichte Schulter nehmen.
Auswirkungen auf meine tägliche Praxis wird dieser Seitenwechsel kaum haben. Es wird eine Kunst der Askese sein, der ich mich nun widme. Enthaltsam in Bezug auf ihr Produkt. Eine Kunst des Sprechens und Wahr-Sprechens, kurz: eine diskursive Kunst.
In diesem Zusammenhang möchte ich H. W. Obrist danken, mit dem ich die Frage nach der Frage erörtern durfte.
Abschließend bleibt mir noch, an Willoughby Sharp zu erinnern, der mich für ein Gespräch vertreten hat. Sein Tod überschattet diese Dialoge, während seine Ausführungen sie überstrahlen.