lens-based
sculpture

Die Veränderung der Skulptur
durch die Fotografie.
AdK Berlin, 24. Januar bis 21. April 2014.

Giuseppe Penone: Geometria nelle mani – 4 aprile, 2004 (Detail) 15 Schwarzweißfotografien, jeweils 36,7 x 27,6 cm Konrad Fischer Galerie, Berlin, Foto © Archivio Penone © VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Giuseppe Penone: Geometria nelle mani – 4 aprile, 2004 (Detail) 15 Schwarzweißfotografien, jeweils 36,7 x 27,6 cm Konrad Fischer Galerie, Berlin, Foto © Archivio Penone © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Von Zeit zu Zeit gelingt es der Akademie der Künste herausragende Ausstellungen zu intermedialen künstlerischen Praktiken zu konzipieren. Vor einigen Jahren  beschäftigte sie sich in einer eindrucksvollen Ausstellung mit der Notation als Kalkül und Form in den Künsten. Nun präsentiert sie in den Ausstellungsräumen im Hanseatenweg eine konzentrierte Schau zur neueren Geschichte der Skulptur, die diese mit der Behauptung konfrontiert, durch die Erfindung der Fotografie tiefgreifend beeinflusst worden zu sein.

In einer ungewöhnlichen Allianz gehen die Bildhauer Bogomir Ecker und Raimund Kummer gemeinsam mit den beiden Kunsthistorikern Herbert Molderings und Friedemann Malsch in ihrem kuratorischen Konzept der Frage nach, ob in der neueren Kunst skulpturale Formen auftreten, die ohne die technischen Voraussetzungen von Foto und Film undenkbar sind? Welche Bedeutung also hatten diese neuen Bildtechniken für die Skulpturgeschichte? Wenn die Erfindung der Fotografie tatsächlich zugleich technisches Apriori und Innovationsmotor für die bildhauerisch arbeitenden Künstler war und der Vermutung nach noch immer ist, so schließen sich daran natürlich zahlreiche weitere Fragen an: Wie genau hat sich die Bildhauerei unter ihrem Einfluss verändert? In welcher Form haben sich plastisch arbeitende Künstler konkret mit foto- und filmtechnischen Verfahren auseinandergesetzt? Haben sie das technisch erzeugte Bild im Sinne eines visuellen Notizblocks als reproduktives Hilfsmedium oder zur Dokumentation ihrer Arbeit genutzt? Wurde die eigene skulpturale Praxis auf die medienspezifisch veränderten Bedingungen hin befragt oder wurden die neuartigen Fremdmedien unkompliziert in die eigene plastische Arbeit einbezogen?

Vielen dieser Fragen geht die Ausstellung leitmotivisch durch die Geschichte der Skulptur vom frühen 20. Jh. bis in die Gegenwart nach, indem sie kunsthistorische Aspekte und künstlerische Perspektiven gezielt miteinander verschränkt, um pointierte Thesen mit stichhaltigen Anschauung zusammen zu führen. In den besten Momenten führt das zu überraschenden Einsichten. Es ist eine inspirierende Versuchsanordnung, der man die synergetischen Effekte ihrer Macher anmerkt. Bis in die Details der Auswahl und Anordnung der Exponate spürt man die intime Kenntnis der Sache. Und mindestens genauso wichtig: gänzlich unangestrengt wird die grundlegende These bis in ihre Verästelungen nachvollziehbar gemacht. So gewinnt lens based scuplture der im ersten Augenblick etwas theoriegrau daherkommenden Fragestellung ganz nebenbei eine überwältigende, vor allem aber anschauliche Vielseitigkeit ab.

Dass sich unterschiedliche Kunstgattungen wechselwirksam ebenso befruchten wie sie sich aneinander profilieren, ist dabei ein offenes Geheimnis. Besonders die gegenseitigen Einflussnahmen von Fotografie und Malerei sind bekannt, da vom ersten Auftreten der Fotografie an die intermedialen Wechselwirkungen der beiden Flachbildmedien in ihren vielfältigen ästhetischen Konsequenzen von Theoretikern, Literaten und Künstlern intensiv begleitet wurde. Deshalb erstaunt es auch nicht, wie kleinteilig das Verhältnis von Malerei und Fotografie mittlerweile erschlossen ist. Bis in dunkelste Kammern hinein wurde die hundertundfünfzigjährige Geschichte ihrer Austauschbeziehungen ausgeleuchtet.

Insofern schließt die Ausstellung im Schatten der offensichtlicheren Beziehung von Malerei und Fotografie eine echte Lücke, wenn sie die bislang zu wenig beachtete Verbindung von Foto- und Filmgeschichte mit der Skulpturgeschichte erschließt. Obwohl nämlich die einflussreiche Kritikerin und Kunsthistorikerin Rosalinde Krauss bereits vor über 30 Jahren in ihren »Anmerkungen zum Index« in der Fotografie das unhintergehbare Paradigma moderner Kunst erkannte, konnte sich diese Einsicht in der Kunstgeschichte kaum durchsetzen. Auch der Ausstellungsbetrieb griff diese Anregung bislang nicht auf. Im Rückblick auf ein ganzes Jahrhundert wird nun aber schlagartig deutlich, was für ein tiefgreifender Impuls die Erfindung der Fotografie auch für die bildhauerische Praxis darstellt.

Dabei könnten die Entwicklungslinien medienhistorisch noch weit hinter das von der Ausstellung in der Akademie der Künste erschlossene Feld zurückgreifen. Schließlich verfügt die bildhauerische Praxis mit ihren Abdruck- und Abformungsverfahren, aber auch mit ihren auf Vielansichtigkeit basierenden Animationsstrategien über ein altes praktisches Wissen, das sie geradezu als medienhistorischen Vorläufer der Fotografie ausweist.

Die Ausstellung in der Akademie kann und soll das nicht leisten. Sie konzentriert sich auf die Geschichte der neueren Skulptur und blickt damit auf einen erweiterten Skulpturbegriff zurück, mit dem sie auch schon so alle Hände voll zu tun hat. Sie verfolgt, wie die neue technische Bildmacht zunächst einer Schockwelle gleich die körperliche Integrität des Statuarischen aufsprengt. Wie sie die Figur dynamisiert oder gleich in kinetische Objekte verwandelt. Sie zeigt, wie sich das fotografische Paradigma der Indexikalität in einigen plastischen Verfahren wiederfinden lässt und wie gestaltbildend es sich auch in der zeitgenössischen Skulptur durchgesetzt hat. Sie überrascht, wenn sie mithilfe von Fotografie und Video festgehaltene Performances als experimentelle bildhauerische Praxis liest. Und sie präsentiert Installationen, in denen die technische Apparatur selbst zum skulpturalen Objekt wird.

Am Ende steht die Einsicht, dass mit der Erfindung der Fotografie nicht nur ein technologisch neues Verfahren bereit gestellt wurde, sondern ein einschneidender Veränderungsprozess in der Kunst verbunden ist. So wirkt es schließlich, als ob die gesamte Wirklichkeit zum plastischen Material geworden sei und zugleich scheint es beinahe, als sei ob die Skulptur historisch betrachtet in anderen Medien aufgegangen. Zumindest in der Optik von lens based sculpture werden Fotografien, Filme, Objekte und Installationen zu einem vielgestaltigen Environment. Die Ausstellung zeigt die Gegenwart der Skulptur als ein theoretisch gut begründetes, transmediales Gesamtkunstwerk.

Besonders in den als Ausstellungsarchitektur eingegliederten synoptischen Räumen, in denen sich Pinnwand, Bildarchiv und Ideenlabor verbinden, zeigt sich dabei schon die technische Signatur des Digitalen, die die Fotografie als mediales Paradigma längst abgelöst hat.

lens-based sculpture.
Die Veränderung der Skulptur

durch die Fotografie.
24. Januar bis 21. April 2014


Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11 – 19 Uhr