Reliefteppich
und Lichtspur

Spurensicherung und Archäologie
des Alltags. Die 'Relief-Teppiche'
von Stefanie Pürschler.

Stefanie Pürschler: ArtFair. Relief-Teppich, 200 x 200 cm, 2008 © Stefanie Pürschler
Stefanie Pürschler: ArtFair. Relief-Teppich, 200 x 200 cm, 2008 © Stefanie Pürschler

Einige der seriellen Arbeiten Stefanie Pürschlers konvergieren zu einer Archäologie der Alltagswelt, zu einer gegenwartsarchäologischen Sicherung der flüchtigen Spuren und Relikte, die wir alltäglich gedanken- und bewußtlos erzeugen und hinterlassen. Es werden Schichten unserer Wirklichkeit freigelegt, über die wir alltäglich hinweg und durch die wir hindurch leben. – Es entstehen interimistische Welten zwischen Schein und Sein, traumgleiche Intervalle von Lebens- und Bewegungsspuren, die gewöhnlich nicht zu Bewußtsein gelangen: wunderblockartige Notate kultureller und sozialer Räume und Verhaltensweisen. Stefanie Pürschler rückt dasjenige in den Fokus unserer sinnlichen Aufmerksamkeit, was nicht vergessen werden kann, da es nicht einmal erfahren wurde. Eine faszinierende Freilegung und Sichtbarmachung der unsichtbaren Sedimente des Alltags, – dessen, was grundlegend passiert. Das Unscheinbare beginnt zu scheinen.

Die roten „Relief-Teppiche“ lagen an verschiedenen öffentlichen Orten und dienten verschiedenen trivialen Zwecken: als Ausleger, zur Dekoration oder als einfacher Bodenbelag vor Geschäften, auf der Straße, in Kneipen oder auf Kunstmessen. Dass sie dabei auch langzeitbelichtete Bildträger waren, die Wirklichkeit perspektivisch von unten und zugleich von oben aufnahmen, haben sie erst später erfahren.
Auf ihnen vereinen sich Spuren aus Licht und Schatten, Staub und Schmutz: Spuren der Untergründe ebenso wie Spuren der Oberflächen, räumliche ebenso wie zeitliche Spuren, – und sogar das Fehlen von Spuren wird hier selbst zur Spur. Als indexikalische Zeichen lassen sie atmosphärisch die Anwesenheit dessen resonant werden, was nun auf immer abwesend bleibt. Sie rücken das Flüchtige und Beiläufige, das der Aufmerksamkeit entging oder nie ihr Gegenstand werden konnte, in vielen sich überlagernden Ebenen und Schichten in den Blick. Auf den Relief-Teppichen ist der Alltag zu detektivisch lesbaren ornamentalen Zeichennotaten aus Schmutz, Licht und Straßenstaub verdichtet, zugleich zu simultan erfahrbaren ästhetischen Einheiten.
Unzählige Profile von Schuhsohlen, Reste von verschütteten Getränken oder Zigarettenasche lassen Bewegungsverläufe und Verhaltensweisen, soziale und räumliche Grenzen und Hindernisse rekonstruierbar werden; und durch Spuren des abgedeckten Untergrunds, auf dem die Bildträger lagen, treten frottageartig dessen Strukturen und Oberflächenbeschaffenheiten hervor. Nicht zuletzt aber, und dadurch rücken die Relief-Teppiche noch stärker in die Nähe zur Fotografie, zeugen sie durch die Belichtungszeit von der Intensität und Dauer der Lichteinstrahlung, von den Winkeln und Richtungen des Lichteinfalls und der Verteilung der Schatten. Sonnenstrahlen und Neonlicht haben ins Ensemble der Teppiche ihre entfärbenden Spuren eingetragen, – und was im Schatten lag, was verdeckt oder unberührbar, unsichtbar oder unantastbar war, leuchtet nun auf.

Stefanie Pürschler: Grabengasse. Relief-Teppich, 180 x 750 cm, 2009 © Stefanie Pürschler
Stefanie Pürschler: Grabengasse. Relief-Teppich, 180 x 750 cm, 2009 © Stefanie Pürschler
Stefanie Pürschler: Hafenstrasse. Relief-Teppich, 200 x 450 cm, 2007 © Stefanie Pürschler
Stefanie Pürschler: Hafenstrasse. Relief-Teppich, 200 x 450 cm, 2007 © Stefanie Pürschler
Stefanie Pürschler: Hafenstrasse. Relief-Teppich, 200 x 800 cm, 2011 © Stefanie Pürschler
Stefanie Pürschler: Hafenstrasse. Relief-Teppich, 200 x 800 cm, 2011 © Stefanie Pürschler
Stefanie Pürschler: Trinkhalle. Relief-Teppich, 260 x 220 cm, 2007 © Stefanie Pürschler
Stefanie Pürschler: Trinkhalle. Relief-Teppich, 260 x 220 cm, 2007 © Stefanie Pürschler
Stefanie Pürschler: Mettmann. Relief-Teppich, 180 x 470 cm, 2011 © Stefanie Pürschler
Stefanie Pürschler: Mettmann. Relief-Teppich, 180 x 470 cm, 2011 © Stefanie Pürschler

Aktuelle Ausstellung:

Stefanie Pürschler (Fotografie und Objekte)
Preisträgerin »ART-spanner · 2nd Edition«
6. April – 2. Mai 2014

ART-isotope
Wilhelmstr. 38 (Ecke Friedrichstr.)
44137 Dortmund
Öffnungszeiten:
So, Mo, Di, Fr 14:30-19:30 u.n.V.
+49-(0)172-2328866

Homepage von Stefanie Pürschler

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