Katholische Küsse

"Leiblichkeit und Sexualität"
in der Votivkirche / Wien
25. April bis 15. Juni 2014

Anders Krisár: Birth of us (Boy), 2006-07
Anders Krisár: Birth of us (Boy), 2006-07

Nach Wien, da muss man jetzt hin! Wo sonst als in Wien könnte eine Ausstellung zu Leiblichkeit und Sexualität ihren Bestimmungsort finden. Nicht nur wegen Freud, wegen Klimt und Schiele, wegen Schnitzler, wegen meinetwegen Haneke und Jelinek. Auch wegen der vielköpfigen Hydra des Wiener Aktionismus. Und dann an einem so prominenten Darstellungsort des späten restaurativen habsburgischen Katholizismus: der Votivkirche. In Wien pflegte man von je her einen eigenständigen Blick auf Körper und Glauben, auf Kirche und Kunst.

Gewöhnlich dürfte man von einer solchen Ansetzung vor Ort ein anschwellendes Skandalieren theatralisch überreizter Kunstfeinde und öffentlicher Moralverfechter erwarten. Das ist in Wien buchstäblich Literatur. Und aus eben diesem gesellschaftlichen Reizklima entstanden immer wieder scharfzüngige, unnachgiebige, aufreizende künstlerische Positionen.

Nichts davon ist heuer in Wien zu erleben. Und doch tut sich da Außergewöhnliches, Unerhörtes. Jahrtausende waren das Schicksal von Kirche, Glaube und Kunst unauflöslich miteinander verknüpft, bevor mit den politischen und ästhetischen Autonomiebestrebungen der revoltierenden Aufklärungszeit diese historische Verbindung zerbrach. Man dachte unwiderruflich. Die christliche Kirche verlor ihre monopolistische Deutungshoheit über die Erscheinungen der Welt und die eherne Richtlinienkompetenz in Sache Weltdeutung lag plötzlich in anderen Händen. Seitdem scherten sich die souverän gewordenen Künste nur noch in Marginalien darum, christliche Glaubensansichten zu bebildern, während das, was noch christliche Kunst hätte heißen können, sich allmählich in gefühlsseliger Kirchentagsdekoration verlor. Kunst und Kirche gingen getrennte Wege.

Seit geraumer Zeit jedoch wird ab und an wieder häufiger das zusammen gebracht, was nicht mehr zusammengehört. Fast könnte man da gelegentlich meinen, die Verantwortlichen wüssten nicht, was sie tun oder in wessen Namen sie sprechen. Wahrscheinlicher aber ist, dass der Status quo des globalen Zeitgeistes seine politischen und religiösen Dimensionen in sanftmütige Unterhaltung, und Kunst so in barockes Spektakel aufgelöst hat, dass sich selbst existentielle Widersprüche in Win/Win-Projekten locker liieren lassen.

In der Wiener Ausstellung zu Sexualität und Leiblichkeit nun wird jedenfalls auf dem Pilgerweg durch die Seitenschiffe und den Chorumgang der verletzliche Körper als christlicher Erfahrungsort inszeniert, um die Gläubigen ungeachtet ihrer künstlerischen oder christlichen Konfession auf der Ebene der persönlichen Erfahrung in einen inneren Dialog zu führen und zugleich den großen Dialog von Kunst, Kirche und Glauben neu zu initiieren. Eine mystische Hochzeit von Johannes Paul II. und Damien Hirst. Nicht etwa Foucaults »Sexualität und Wahrheit« ist die kuratorische Grundlage der Ausstellung, – als gedankliches Fundament dient die von Papst Johannes Paul II. persönlich entworfene Theologie des Leibes.

Die auf den ersten Blick scheinbar so heikle Liaison von Papst, Sex und Kunst ist also zumindest auf dem Papier eine erzkatholische Angelegenheit. Mit dem Körper, der Einsamkeit, der Unschuld, der Gemeinschaft, der Nacktheit, der Lust, der Scham, der Erlösung des Herzens, dem inneren Blick, der brautlichen Bedeutung des Körpers werden in thematischen Stationen teilweise existentielle, durchaus auch überchristliche Bedeutungsräume eröffnet, die – das sollte man allerdings nicht vergessen – eine tief konservative theologische Füllung haben. Was für die Kunst wie existenztheologisches Blutdoping wirkt, das sie auf Grundbestimmungen des menschlichen Seins zurückführt und ihr ortsbedingt zudem die wohltuende Stille der Kontemplation schenkt, kann einem in Betrachtung der hard facts dieser »Theologie des Leibes« doch die Lust an Kunst und Leib vergehen lassen. Das Andere dieser Theologie: das sind Zölibat und die Tabus seiner missbräuchlichen Überschreitung, patriachale Symbol- und Machtstrukturen, Ausschluss von Frauen aus den Priesterämtern, Keuschheit vor der Ehe, die doppelte katholische Biopolitik aus Abtreibungs- und Kondomverbot, und dann eher zum Schmunzeln: die ausgeklügelten katholischen Kussvorschriften, die Stufenleiter der intimen Liebe und die zwingende Einheit von Ehe, sexueller Vereinigung und Zeugung im christlichen Orgasmus.

Verantwortlich für die visionäre Idee die päpstliche Theologie des Leibes mit zeitgenössischer Kunst zu ummanteln, zeichnen der australisch-finnische Kurator David Rastas und Pater George Elsbett, Priester der Legionäre Christi. Die Legionäre Christi gehören zum militanten Flügel des Katholizismus, betreiben fundamentalchristliche Politik nach Innen und Aussen und suchen gezielt nach gesellschaftlicher Einflussnahme. Ihr Ordensgründer Marcial Maciel zeugte trotz Zölibat in verschiedenen Ländern mehrere Kinder und sprach schutzbefohlenen Jungen die Absolution für gemeinsame sexuelle Handlungen aus. Weitere sexuelle Missbrauchsfälle von minderjährigen Seminaristen in ordenseigenen Häusern sind bezeugt. Soviel zur praktizierten Theologie des Leibes.

So ist die Ausstellung eine wirklich seltene Begegnung mit überraschenden Perspektiven. Doch die Kunst soll hier nicht in Sippenhaft genommen werden. Für die Kunst bleibt die Möglichkeit, sich in einem nicht alltäglichen architektonischen Rahmen mit der religiösen Bedeutungsdimensionen zu messen und so an die eigene Geschichte anzuschließen. Eine ihrer Stärken in der geschichtlichen Auseinandersetzung mit der patronierenden Kirche war dabei ihr subversiver Selbstbehauptungswille. Die Kunst wird sich auch hier behaupten müssen, und sie wird dabei zugleich bewegen wollen. Kunst will wirksam sein. Das war schon immer ihr religiöser Kern. Aber sie wird es in einem moralisch strengeren Rahmen tun, als ihr lieb sein sollte. Nur auf seiner medienpolitischen Seite hüllt sich der römische Katholizismus in ein sanft-fröhliches, harmlos pseudo-aufgeklärtes Gewand mitsamt neuer Leibesauffassung und seidenweich umformulierter Sexualmoral. Es ist daher nur ein Aspekt dieser Ausstellung, dass kirchliche Dogmatiker zeitgenössische Kunst umarmen, um sie nach Möglichkeit und Ermessen zu resakralisieren. Perfider erscheint die Propaganda der Normalität, mit der das kreidig tönende Schiff der erzkatholischen Milizen zurück in die Mitte der Gesellschaft navigiert. Sie kommen dabei so harmlos daher. Das ist anders als zu Zeiten der Rovere, Farnese, Medici und Borgia.

Im Begleittext heißt es an einer bemerkenswerten Stelle, über das, was den ausgewählten Arbeiten gemein sei: »Sie wirken sowohl tröstend als auch unbequem, sie bewegen sich zwischen Zuspruch und Verunsicherung«

Zuspruch und Verunsicherung sind bewegend. Kunst kann trösten, Kunst soll auch unbequem sein.

Angst und Trost waren aber auch die ideologischen Waffen des Glaubenskampfes. Aus der Dialektik von Sünde und Vergebung, Hölle und Heil bezog Religion ihre historische Macht.

Vielleicht ist es diese bizarre Kombination aus Katholizismus und Kunst, die Wien verlangt. Vielleicht sollte man Kunst und Kirche als dritte Instanz den heiligen Geist der Kritik verordnen. Vielleicht speisen sie nicht aus der selben Quelle, auch wenn sie auf einem Boden stehen.

Vielleicht ist alles nur großes Palaver, in dem keiner niemanden versteht.
Vielleicht ist alles nur Ein- und Unverständnis, in dem alle an jedem vorbei plaudern.
Vielleicht aber machen Pilger eine Erfahrung, deren Geschichte sie erst noch suchen müssen.
Nur die Pilger werden das entscheiden können. Aber Pilger, traue der Kreide nicht!

Künstler: Doug Aitken, Karmen Frankl, Damien Hirst, Anders Krisár, Mat Collishaw, Pipilotti Rist, Jan Clemens Stoffregen, Mads Egeberg Hvidtfeldt, Takashi Murakami, Patricia Semmler, Robert Drummond, David von der Stein, Matthew Lenkiewicz, Javier Pérez, Bernardi Roig, Clemens Wilhelm, Tanja Nis-Hansen, Hermann Glettler und Henry Jesionka, Alfred Hrdlicka, Erwin Wurm

Der lustig spritzige Legionär Christi:
P. George Elsbett LC auf YouTube >>

Näheres zur Ausstellung und zur Theologie des Leibes

Votivkirche Wien
Dienstag – Sonntag 10 – 18 Uhr

Ausstellungsansicht Leiblichkeit und Sexualitaet. © Daniel-Auer. Pater George Elsbett LC erklärt gestisch die Plastik von Anders Krisár: Birth of us (boy), 2006-07
Ausstellungsansicht Leiblichkeit und Sexualitaet. © Daniel-Auer. Pater George Elsbett LC erklärt eindrücklich gestisch die Plastik von Anders Krisár: Birth of us (boy), 2006-07
Anders Krisár: Birth of Us (boy), 2006-07
Anders Krisár: Birth of Us (boy), 2006-07
David von der Stein: Heaven is a place where nothing ever happens, 2014. Photo by Gerrit Schweiger
David von der Stein: Heaven is a place where nothing ever happens, 2014. Photo by Gerrit Schweiger
Doug Aitken: No History, 2005.
Doug Aitken: No History, 2005
Doug Aitken, No History, 2005. Ansicht von Innen
Doug Aitken, No History, 2005. Ansicht von Innen
Doug Aitken, No History, 2005. Ansicht Innen, Détail
Doug Aitken, No History, 2005. Ansicht Innen, Détail
Javier Pérez: Rosario Memento mori. 2008-09
Javier Pérez: Rosario Memento mori. 2008-09
Javier Pérez: Rosario - Memento mori, Détail, 2008-09
Javier Pérez: Rosario – Memento mori, Détail, 2008-09
Karmen Frankl: Fliegenglobalisierung, 2013. Photo by Klemens Hoefer ©
Karmen Frankl: Fliegenglobalisierung, 2013. Photo by Klemens Hoefer ©
Mat Collishaw: Auto Immolation, 2010. Photo by Lydia Sciri
Mat Collishaw: Auto Immolation, 2010. Photo by Lydia Sciri
Mat Collishaw: Auto immolation, 2010. Nahansicht
Mat Collishaw: Auto immolation, 2010. Nahansicht
Mat Collishaw: Auto immolation, 2010. Nahansicht
Mat Collishaw: Auto immolation, 2010. Nahansicht
Auf einer Führung durch die Ausstellung 'Leiblichkeit und Sexualität#. Innenansicht Matthew Lenkiewicz: Erdapfel, 2014, Détailansicht. Photo von Daniel Auer
Führung durch die Ausstellung ‘Leiblichkeit und Sexualität#. Innenansicht Matthew Lenkiewicz: Erdapfel, 2014, Détailansicht. Photo von Daniel Auer
Matthew Lenkiewicz: Erdapfel, 2014, Détailansicht. Photo von Marton Hegedus
Matthew Lenkiewicz: Erdapfel, 2014, Détailansicht. Photo von Marton Hegedus
Serpentin Herkules Farnese, 19. Jahrhundert und Takashi Murakami: Figure Miss Ko 2, 1999. Photo by Klemens Hoefer
Serpentin Herkules Farnese, 19. Jahrhundert und Takashi Murakami: Figure Miss Ko 2, 1999. Photo by Klemens Hoefer
Silvia Bishof: Das Herz der Welt, 2011. Photo by Elmar Bertsch
Silvia Bishof: Das Herz der Welt, 2011. Photo by Elmar Bertsch
Silvia Bishof: Das Herz der Welt, 2011, Détail. Photo by Elmar Bertsch
Silvia Bishof: Das Herz der Welt, 2011, Détail. Photo by Elmar Bertsch
Silvia Bishof: Das Herz der Welt, 2011, Ansicht bei Dunkelheit. Photo by Elmar Bertsch
Silvia Bishof: Das Herz der Welt, 2011, Ansicht bei Dunkelheit. Photo by Elmar Bertsch