Urkräfte
im Schau Fenster.

Vulkane. Das verortete Verlangen_3
Kunst und Kartographie
Kunstraum Schau Fenster Berlin

Zuzanna Skiba: Vulkan _schlafend Nr. 6. Öl / Teer auf Leinwand. 110 x 158cm. 2013
Zuzanna Skiba: Vulkan _schlafend Nr. 6. Öl / Teer auf Leinwand. 110 x 158cm. 2013

Wir verorten uns, manchmal immer wieder neu und treiben unsere Kraft nach Außen. … Das Ziel der Gruppen-Ausstellung mit 8 internationalen Positionen ist es, einer nicht zu bändigenden Kraft, einer Urkraft – Ursehnsucht des Menschen visuell-schöpferisch zu begegnen – dies grenzenlos und für jede Existenz greifbar. (Zuzanna Skiba)

“Wir sind alle wachsende Vulkane” (Friedrich Nietzsche)
“Montane Metaphern strukturieren die Topographie des Geistes.” (Hartmut Böhme)
“Kühne, überhangende, gleichsam drohende Felsen, am Himmel sich auftürmende Donnerwolken, mit Blitzen und Krachen einherziehend, Vulkane in ihrer ganzen zerstörenden Gewalt … und dgl. machen unser Vermögen zu widerstehen, im Vergleich mit ihrer Macht, zur unbedeutenden Kleinigkeit.” (Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft)

Im Kreuzberger Kunst- und Aktionsraum SCHAU FENSTER läuft zur Zeit die Gruppenausstellung VULKANE als dritter Teil der von der Künstlerin Zuzanna Skiba sorgfältig kuratierten Ausstellungsserie „Das verortete Verlangen. Kunst und Kartographie“.

Das Schau Fenster, ein langgezogener rechteckiger, schmaler und hoher Raum mit kargen Betonpfeilern und langer Fensterfront, hinter der man auf einer langen Bank unmittelbar vor oder neben den Kunstwerken Platz finden kann, liegt roh und unrenoviert im Gebäudekomplex Aqua Carré Berlin. Im gleichen Gebäude befinden sich 80 Atelierräume und – im Innenhof – Ritter Butzke. Seit August 2010 stellt Jan Kage, bekannt auch als Yaneq, Rapper, Musiker, Autor und Organisator von Arty Party, das Schau Fenster ausgewählten Kuratoren zur Verfügung und sorgt mit jeder Ausstellung für zahlreiches und gemischtes Publikum und den Besuch des Unerwarteten. Ein ebenso kommunikativer wie künstlerisch und kuratorisch herausfordernder Ausstellungsort, in dem nun von der Künstlerin und Kuratorin Zuzanna Skiba 8 heterogene Positionen zum Thema VULKANE  auf vielfältige und überzeugende Weise positioniert und miteinander in Bezug gesetzt sind.

Vulkane und vulkanische Landschaften, Vulkanismus, Kartographie und Verortung des Verlangens – große und anregende Themen, zu denen sich mehr als eine Ausstellung machen ließe. Die Ausstellung “Vulkane” zeigt, daß tellurische Urkräfte bis heute geopsychisch aktiv sind, künstlerisch inspirieren und ihr Potential entfalten. Vulkane und vulkanische Landschaften waren nicht nur in der Ästhetik des Erhabenen Inbegriff unbeherrschbarer Naturgewalten, haben nicht nur unser Bewußtsein für das Ausmaß und die Dimensionen erdgeschichtlicher Prozesse geweckt, sie sind auch dort als existenzielle Metaphern unvermindert wirksam, wo sich bis heute begrifflich und rational Unfaßbares oder Unvergleichliches, auch Geheimnisvolles ereignet und zur Erkundung neuer Lebens- und Wirklichkeitsbereiche anregt. Als Modelle und archaische Phantasmata üben sie eine unerklärliche Faszination aus und stimulieren die Imagination. Vulkane rücken ins Bewußtsein, daß wir auf einer Erde leben, die lebendig ist, daß gewaltige Kräfte unter unseren Füßen schlummern, unberechenbar und unbeherrschbar und, wie Ausbrüche auch in den letzten Jahren gezeigt haben, mit durchaus verheerenden Auswirkungen. Welche psychophysisch aktive Wirkung haben Vulkane und vulkanische Landschaften als körperlich erfahrbare Räume, als Modell oder Metapher für urbane Wirklichkeiten ebenso wie für innere Topographien, die sich mit äußeren durchdringen?

Jeder der von Zuzanna Skiba ausgewählten Künstler begegnet dem Thema aus eigenwilliger und überraschender Perspektive.
So hat Valeska Peschke mit “Vulkane in Berlin” durch Aktionen im Stadtraum, Vorträge und Installationen eine Werkreihe geschaffen, die sich auf die ungeheuren baulichen, aber auch gesellschaftlichen Veränderungen der Stadt bezieht, auf “Dimensionen, die sich niemand vorstellen konnte, diese Erdmassen, die sich aus und in die Stadt täglich bewegen würden”. “Mir geht es darum”, schreibt sie, “daß dieser Vulkan, diese Substanz der Umwandlung sich individuell und kollektiv in Gedanken weiterhin glühend erhält und Freiräume und Neuströmungen der Möglichkeiten erhält. … Architektur ist in Berlin nicht besonders vulkanisch, aber die Menschen können es sein.”
Unabhängig von ihrem Konzept ermittelt Ivan Boskovic in einer interaktiven Sitzung und Performance unser “Ausbruchpotential”; die Ergebnisse werden graphisch zu tektonischen Karten transformiert.
Zuzanna Skiba selbst läßt mit der scheinbaren Stille, Ruhe und Unbeweglichkeit ihrer Malerei, in der sich auf teerschwarzem fließendem Grund in braunen und grau-ockerfarbenen Tönen dynamisierte Linien, Strukturen und Gruppen kurzer Striche wie Eisenspäne auf magnetischen Feldern zu vieldimensionalen Gebilden konfigurieren und verdichten, etwas von den schlafenden und unheimlichen Kräften spüren, die jederzeit zum Ausbruch kommen können.

Künstler:
Ivan Boskovic – Anina Brisolla – Stefanie Bühler – Hector Velazquez – Anette Kuhn – Zuzanna Skiba – Manfred Pekl – Valeska Peschke

VULKANE
Das verortete Verlangen 3_ Kunst und Kartographie.
2. bis 25. Mai 2014.

SCHAU FENSTER. Raum für Kunst.
Lobeckstr. 30-35
10969 Berlin
Anfahrt: U 8 / M 29 Moritzplatz
Samstag 15-19h und nach Vereinbarung

Vernissage am Freitag, 2. Mai 2014, 19:00h
„Ausbruchpotential“
Eine partizipative Performance/ Installation von Ivan Boskovic

Vortrag „Vulkane in Berlin und anderswo“ von Valeska Peschke
Samstag, 17. Mai 2014, 19h

Finissage, Sonntag, 25. Mai 2014, 15-20h