Umwege.
Feigheit als Tugend.

Erstes Gespräch

Wolfgang Plöger: Dreiecke 1
Wolfgang Plöger: Dreiecke 1

Flughafen Frankfurt. Airport Conference Center. Raum K2. Thema: Aqua.  
Rechts von der Tür hängt ein Diptychon, das eine Satellitenaufnahme des Meeres und einiger Inselgruppen zeigt. Alternativ könnte das Motiv auch eine Aufnahme vom Meeresboden darstellen, wogegen allerdings spricht, dass sich auf den Bildern der räumliche Eindruck einer Erdkrümmung einstellt; eine Art Vexierbild zwischen Mikro- und Makrokosmos.
Größe: 16 qm. Bestuhlung: Blockform. Maximale Personenzahl: 8.   
Auch die Tischform scheint von der Erdkrümmung inspiriert zu sein, die beiden langen Seiten des Tisches  sind elegant geschwungen, werden aber an den Kopfseiten jäh abgeschnitten, Modell “beidseitig gekappte Aubergine”.
Ausstattung: Tageslicht, Flipchart, Leinwand, Telefon. Konferenzservice: keiner. Im Hintergrund ertönen regelmäßig die Geräusche startender oder landender Flugzeuge.

LAGOS: (Er ist bärtig, großgewachsen, untersetzt, aufrecht, leicht angespannt. Eine seiner Eigenheiten ist, dass er sich nie hinsetzt. Wirkt dadurch etwas rastlos. Den Gesprächen mit Plöger gibt es gelegentlich den äußeren Anschein eines Verhörs.) Ich möchte mit Ihnen über Wege sprechen. Sie scheinen eine große Bedeutung in Ihrer Arbeit gewonnen zu haben.

PLÖGER: (Ebenfalls großgewachsen, schlank, etwas gebeugt. Er ist das, was man einen Sitzsack nennt: es scheint ihm Mühe zu bereiten, eine bequeme Sitzhaltung einzunehmen, hat er sie aber endlich gefunden, verweilt er lang in ihr; wie ein Tier, das im Lichtkegel eines Scheinwerfers erstarrt; sitzt und schlägt die Beine übereinander.) Ich würde eher von Prozessen oder Abläufen sprechen.

LAGOS: Ich wählte die Metapher des Weges, um von da auf den Abweg oder Umweg zu kommen. Ein Bild, das nach meiner Ansicht auf ihre jüngsten Arbeiten zutrifft.

PLÖGER: Dazu gibt es eine Vorgeschichte. Mich interessierten verschiedene Arten von Widerstand. Nicht so sehr im politischen Sinne, eher physisch oder mental. Ich fragte mich, was mir Widerstand leistet und wie ich damit umgehe. Ein antrainiertes Muster scheint mir zu sein, dass man versucht, hartnäckig zu bleiben und Widerstände zu brechen. Das ist gewissermaßen der Königsweg. Jeder Künstler kennt das. Man arbeitet an einer Sache und irgendwann geht es damit nicht weiter. Wenn man nur hartnäckig genug ist und den Widerstand überwindet, kommt man oft wieder zurück zu der ersten Lösung, die man zwischenzeitlich verworfen hatte. Nun suchte ich nach einem alternativen Handlungsmodell. Und das war der Weg des Wassers, der Weg des geringsten Widerstandes.

LAGOS: (leicht amüsiert) Das heißt, Sie wollten den Weg des Feiglings aufzeigen?

PLÖGER: Feigheit als Tugend. Das könnte man so sagen, ja. Ich dachte, vielleicht eröffnet mir das eine andere Möglichkeit, mit den Dingen im Atelier umzugehen.

LAGOS: Die erste Arbeit aus dieser Reihe war dann Der Weg vorbei an meinem Studio. Erzählen Sie etwas zur Entstehung des Videos.

PLÖGER: Das Atelier ist der Ort, an dem all diese inneren Kämpfe stattfinden. Stockt der Arbeitsprozess, dann ist für mich schon der Weg dorthin mit inneren Zweifeln belegt. Man weiß ja, was einen dort erwartet. Also beschloss ich aus so einer Situation heraus, am nächsten Tag an ihm vorbei zu gehen. Das Ganze habe ich dann mit einer Videokamera gefilmt.

LAGOS: Sie hätten auch einfach zu Hause bleiben können.

PLÖGER: (abwehrend) Nein, nein, das wäre zu passiv gewesen.

LAGOS: Das Video zeigt den Weg durch die Straße, in eine Hauseinfahrt hinein, durch den Hof ins Treppenhaus und endet am obersten Treppenabsatz.

PLÖGER: Der Betrachter weiß nicht, wo mein Atelier ist. Es kann hinter jeder Tür sein, an der ich vorbeigehe. Für ihn ist der Film denkbar banal. Das gefiel mir daran. Nur der Titel sagt ihm, dass da irgendwo mein Arbeitsraum sein muss. Das Paradoxe an dem Film war, dass ich am Atelier vorbeigegangen war und trotzdem eine neue Arbeit gemacht hatte.

ROBERTS: Es gibt ganze Heerscharen von, sagen wir, Post-Studio-Artists, die ihre Inspirationen ausschließlich außerhalb des Ateliers holen, ach was sage ich, es gibt bei ihnen doch gar kein Außerhalb mehr, denn sie haben ja gar kein Studio. Gabriel Orozco fällt mir ein, der ein Atelier für sich grundsätzlich ablehnt, weil es eine Mauer zwischen dem Künstler und der Welt errichtet.

PLÖGER: Darum geht es mir nicht. Wie gesagt, ich wollte einfach einen alternativen Lösungsweg finden und aufzeigen.

ROBERTS: Was passierte am nächsten Tag? Ich meine, irgendwann werden Sie doch wieder in Ihr Atelier gegangen sein. Und dort erwarteten Sie die alten Probleme.

PLÖGER: Am nächsten Tag habe ich das Zeug, mit dem ich nicht weiterkam, einfach in die Tonne getreten. (Er fuchtelt mit der Hand durch die Luft.) Ich hatte ja nun mein Video und war damit  vollkommen zufrieden.

LAGOS: (sichtlich begeistert) Toll!

PLÖGER: (traut Lagos’ Begeisterung nicht) Es  hat mir wirklich geholfen.

LAGOS: Die nächste Arbeit aus dieser Serie war dann Der Weg um eine unfertige Arbeit und zeigt kein Video, sondern Bodenplatten, wobei in der Mitte eine rechteckige Fläche ausgespart ist.

PLÖGER: Zu dem Zeitpunkt war ich im Atelier mit Linealen und Geodreiecken beschäftigt, die ich übermalt hatte und auf einem Sockel zu einer Komposition zusammenzufügen versuchte. Irgendwann kam ich damit nicht mehr weiter. Schließlich besann ich mich auf meine Möglichkeit, feige zu sein, wie Sie es vorhin genannt haben, ging von meiner Ateliertür auf den Sockel zu, einmal um ihn herum und zurück zur Tür. (Plöger schreibt die Bewegung einer großen Schleife in die Luft.) Diesen Weg habe ich dann dargestellt, indem ich ihn aus den Bodenplatten, die in meinem Studio liegen, heraussägte, wobei ich die Grundfläche des Sockels aussparte.

LAGOS: Die Arbeit mag ja auf die gleiche Idee zurückgehen wie das Video, über das wir sprachen. Trotzdem ist die Umsetzung eine ganz andere.

PLÖGER: Sie hat sich einfach angeboten.

LAGOS: (wichtigtuerisch) Mich hat die Arbeit an Carl Andre erinnert, der ab einem bestimmten Punkt in seiner künstlerischen Entwicklung Skulptur als begehbaren Raum begriffen hat.

PLÖGER: Ja, das ist richtig. Carl Andre wurde mir plötzlich zum Problem. Deshalb beschloss ich ja, als nächstes die Arbeit Der Weg um einen echten Carl Andre zu realisieren.

LAGOS: Sie waren ein drittes Mal feige?

PLÖGER: Ich wollte seiner Autorität ausweichen, ja. Ich besorgte mir die Grundrisse einer seiner Bodenarbeiten und stellte den Weg um diese Skulptur mit meinen Bodenplatten dar.

LAGOS: Aha, Sie haben die Arbeit gar nicht wirklich umkreist. (Lagos reibt sich die Hände. Er mag keine Ungenauigkeiten und freut sich deshalb jedes Mal diebisch, wenn er welche aufdecken kann.)

PLÖGER: Nein. Ich wusste ja von meiner vorherigen Arbeit, wie man einen flachen Sockel umkreist, das musste reichen. Meine Bodenarbeit war dann so etwas wie die Negativform um das Original von Andre, weil die Arbeit ja ebenfalls nur aus Bodenplatten bestand. Und so hatte ich das Problem mit dem Widerstand auf ein bildhauerisches Problem zurückgeführt, nämlich auf Negativ- und Positivformen.

LAGOS: (sichtlich unzufrieden mit Plögers Antwort) Das klingt abstrakt.

PLÖGER: Als Bildhauer hast Du es oft mit Negativ- und Positivformen zu tun. Eher aus handwerklichen Gründen. Aber plötzlich merkst Du, dass es da um mehr geht als um ein Mittel zum Zweck. Es gewinnt eine Bedeutung und Dein Blick auf die Dinge verändert sich.
(Pause)
Kürzlich erzählte mir meine Schwester, dass es indigene Völker gab, die mit Gewalttätern einen ganz anderen Umgang pflegten, als wir ihn haben. Tötete jemand einen anderen, so wurde der Mörder in die Familie des Opfers aufgenommen. Er hatte eine Lücke gerissen, die er nun selbst ausfüllen musste. Der Delinquent wurde umschlossen. Das hat sehr direkt mit Positiv- und Negativformen zu tun.

LAGOS: Aber nichts mit Ihren Bodenplatten.

PLÖGER: (zögert) Wir reden doch von Problemlösungen. Die Vorgehensweise ist dieselbe. Die Umschließung als Gegengift. Als Neutralisierung. Vielleicht als Heilung. (Plöger sucht den direkten Blickkontakt mit Lagos, doch der steht mittlerweile hinter ihm. Mit einem Ruck richtet sich Plöger auf und umfasst mit beiden Händen die Kaffeetasse, die vor ihm steht.)
Was mache ich jetzt?

LAGOS: Sie trinken Kaffee?

PLÖGER: (energischer) Nein, was genau mache ich?

LAGOS: (im Stakkato) Sie umschließen mit Ihren Händen eine volle Tasse Kaffee.

PLÖGER: Sie wärmt meine Hände. Und was mache ich jetzt? (Er dreht die Tasse um und stellt sie kopfüber auf die Untertasse. Ihr Inhalt ergießt sich über den Tisch.)

LAGOS: (unbeeindruckt) Eine große Schweinerei.

PLÖGER: Und was mache ich jetzt? (Er steckt seine Finger in die volle Kaffeetasse von Lagos, so dass auch deren Inhalt überläuft.)

LAGOS: (laut) Zum Teufel mit Ihren Experimenten! Wer bringt das wieder in Ordnung?

PLÖGER: (ignoriert ihn) Verschiedene Anordnungen im Raum haben verschiedene Konsequenzen. Es ist wie im Film. Ein kleines Ensemble. Die Tasse, ihr Inhalt, der Tisch, meine Hand. Verändert sich die Relation zwischen diesen Teilen, kommt es auch zu einer qualitativen Veränderung des Gesamtzustandes. (Plöger sucht nach einem Handtuch, findet aber nur einen Stapel Servietten. Mit der obersten trocknet er sich notdürftig die Hände, den Rest verteilt er großflächig auf dem Tisch, wo sie sich mit Kaffee vollsaugen.)

LAGOS: (genervt) Das können Sie in der Sesamstraße vorführen.

PLÖGER: Minimal Art war auch nur Sesamstraße. Das war ihre Stärke. Andre war der Frosch. (Plöger verstellt seine Stimme) Jetzt bin ich nah … und jetzt bin ich fern … und jetzt bin ich wieder nah. (rufend) Und jetzt bin ich laut. (flüsternd) Und jetzt bin ich ganz leise. (mit tiefer Stimme) Und jetzt stehe ich auf einem Stück Holz. Und jetzt stehe ich auf Stahl. Und das ist ein Quadrat. Und zwei Quadrate ergeben ein Rechteck…

LAGOS: Schon gut, schon gut. (Lagos überlegt; er stellt sich Carl Andre als Gast in der Sesamstraße vor; ganz unmöglich erscheint ihm das nicht.)
Kommen wir zurück zu Ihnen. Sind das alle Arbeiten, die zu diesem Thema entstanden sind?

PLÖGER: Nein, es gibt noch eine vierte. Sie bezieht sich auf eine Projektion von einem zerschnittenen Dia. Auch da kam ich mit der Arbeit nicht weiter und konzentrierte mich deshalb auf den Umraum der Projektion. Es gibt dieses Phänomen, dass man ganz schwache Lichter im Dunkeln erst dann besser sieht, wenn man leicht an ihnen vorbeischaut. Ich versuchte also, so eine Situation im abgedunkelten Raum herzustellen, aber das wurde kompliziert. Mein Instrumentarium, einer Sache auszuweichen und damit einen einfacheren Weg zu beschreiten, griff nicht so richtig. Ich musste eine direktere Lösung finden. Ich nahm einen schwarzen Stift und umkreiste damit auf der Wand eine Stunde lang die Projektion. Mit großen und kleinen Schwüngen, so dass sich irgendwann eine Sogwirkung einstellte, als würde man in einen tiefen Strudel blicken. Mit dem Ergebnis war ich zufrieden. Ich konnte den Projektor ausschalten.

Wolfgang Plöger: Dreiecke 2
Wolfgang Plöger: Dreiecke 2
Wolfgang Plöger: Dreiecke 3
Wolfgang Plöger: Dreiecke 3