Neustart:
im Anfang
verfangen.

Notizen eines Enthusiasten.

James Benning, "After Howard", 2013, latex house paint on plywood, 26 x 65,4 cm (© James Benning courtesy neugerriemschneider, Berlin)
James Benning, "After Howard", 2013, latex house paint on plywood, 26 x 65,4 cm (© James Benning courtesy neugerriemschneider, Berlin)

die Aufgabe war: besuchen Sie incognito eine Ausstellung. ziehen Sie über Los, starten Sie und ziehen Sie Informationen, aber keine Spesen ein. begeben Sie sich direkt hinab in den Sumpf des Kunstbetriebs, ohne befleckt zu werden. endlich in ein Terrain eintauchen, wo alles neu ist! niemand spricht mit Ihnen, aber alles spricht Ihnen zu. ein Künstler wird, wie weiland Vergil, sie durch die Höllenkreise der Eitelkeit führen.

das war der Traum, das Ideal eines reinen Anfangs. auch jeder einfache Besucher kauft ihn sich mit dem Billet für ein Theaterstück, oder hofft, wenn er über die Schwelle, zum Beispiel einer Galerie, geht, etwas ganz Neues zu sehen, in eine andere Welt sich zu begeben.
es endete, wie im Leben, in der Verstrickung. zunächst einmal war der ausgestellte Künstler, James Benning, mir, als ehemaligem Filmwissenschaftler, nicht nur bekannt, ich hatte sogar einen meditativen Text über seinen Film „13 lakes“ publiziert. auch wurde ich sogleich ertappt, freundlichst begrüßt und beschwatzt – unter anderem von einer Galeriemitarbeiterin, die ich eigentlich als Freundin eines mir vertrauten Literaten kannte. hingegen mein Vergil stumm allein saß, wo ich doch angenommen hatte, er würde alle kennen. auch befand ich mich sogleich in der Anmut einer Wiedersehensfreude mit einer einstigen Liaison … und flugs in einem Gespräch über die Zerwürfnisse, zu denen dieser Flirt geführt hatte in der engeren Verwandtschaft … schweigen wir hiervon!

die Freundin des Literaten nahm sich Vergils Aufgabe an und erläuterte die Exponate: es gehe darum, was Kunst könne. auf der einen Seite der Künstler, den der Kontext nicht mehr interessiert. er mache was er wolle. in diesem Fall die Werke unbekannter Künstler sehr frei nachzuahmen, neu zu malen. wie dreist! Pastichen, die Originale sind … auch damit hatte ich mich doch beschäftigt. nichts war hier neu und unverbraucht.

unsere Diskussion lief weiter: ja, gut, Postmoderne, das Zitat. alles ist Zitat. kein Zeichen, das nicht schon irgendwo gedeutet worden wäre, jedes Kunstwerk, in das Verständnis geholt, ließe sich auch nur mit der Variation gekannter Buchstaben und Wörter beschreiben. und ohne dieses Verständnis bliebe das Werk doch stumm, selbst das Sinnlichste baut ja noch auf Vorverstandenem, Angelesenem, dem ganzen Wust der Kultur und somit Sprachsedimenten auf. man kann es jederzeit, und sei es noch so ungenügend, zurückholen in die Sprache und die Zeichen, schließlich als Zitat entlarven. der Kontext ist alles. Originalität sei verdammt.
ich setzte mich zu James Benning, dem alten Zausel, Freund der Outlaws. im Zitat oder der Kopie die Einmaligkeit suchen. 13 lakes, alle aus nur einer Perspektive gefilmt, je 10 Minuten, serielle Produktionen, der Rahmen als Gefängnis. ich hatte einen Text zur Zivilisation geschrieben, zum Verlust der Authentizität. aber was macht das schon, mach es wie James Benning, make it yourself.

erfinde einen Code, den niemand entschlüsseln kann, in dem alle nur sehen, was sie schon kennen. wieder über Los gezogen, wieder keine 4000 kassiert, wieder auf einem Bahnhof gelandet. aber, wenn du rechtzeitig die Abzweigung nimmst, die wie alle anderen Abzweigungen aussieht, aber eine andere ist, dann landest du vielleicht in der einsamen Hütte des Unabombers. nur Benning hatte dessen Geheimsprache verstanden. hier nun hing überdimensional der Code des Zivilisationsverächters, des Einmaligen, des originären Bärbeiß, der aus aller seriellen Produktion aussteigen wollte, entschlüsselt von einem Kopisten. ich nahm meinen Vergil an die Hand und leitete ihn über die vielfach betretene Schwelle – hinaus: in die wie unberührte Berliner Nacht.

James Benning: decoding the passed (after black hawk, pettway, mondrian, traylor, ram’rez, darger, howard, yoakum, hawkins, and tolliver) March 8 – April 12, 2014 © james benning, courtesy neugerriemschneider, Berlin / photos: Jens Ziehe, Berlin
James Benning: decoding the passed (after black hawk, pettway, mondrian, traylor, ram’rez, darger, howard, yoakum, hawkins, and tolliver) March 8 – April 12, 2014 © james benning, courtesy neugerriemschneider, Berlin / photos: Jens Ziehe, Berlin
James Benning: decoding the passed (after black hawk, pettway, mondrian, traylor, ram’rez, darger, howard, yoakum, hawkins, and tolliver) March 8 – April 12, 2014 © james benning, courtesy neugerriemschneider, Berlin / photos: Jens Ziehe, Berlin
James Benning: decoding the passed (after black hawk, pettway, mondrian, traylor, ram’rez, darger, howard, yoakum, hawkins, and tolliver) March 8 – April 12, 2014 © james benning, courtesy neugerriemschneider, Berlin / photos: Jens Ziehe, Berlin
James Benning: After Traylor, 2014, showcard paint, pencil, charcoal on chipboard, matted and framed by the artist chipboard: 27 x 18,7 cm, frame: 40,6 x 33 cm © james benning, courtesy of the artist and neugerriemschneider, Berlin photo: Jens Ziehe, Berlin
James Benning: After Traylor, 2014, showcard paint, pencil, charcoal on chipboard, matted and framed by the artist chipboard: 27 x 18,7 cm, frame: 40,6 x 33 cm © james benning, courtesy of the artist and neugerriemschneider, Berlin photo: Jens Ziehe, Berlin