- Bent Air –
Gebogene Luft

Drittes Gespräch.

Wolfgang Plöger: Untitled Typewriter, 2002
Wolfgang Plöger: Untitled Typewriter, 2002

Videokonferenz. Point-to-point-Verbindung in Full HD Qualität.

WILLOUGHBY SHARP: (Sitzt in seinem Appartment in New York, vor sich eine Kamera, links von sich einen Bildschirm, auf dem er Plöger sehen kann. Sharp hat graue, strähnige Haare, trägt einen antiquierten, schwarzen Hut und einen ebenso altmodischen, auffällig langen, grauen Kinnbart. Strahlt die Aura eines Magiers aus, Charisma, Exzentrik und eine anarchische Lust am Skandal sind ihm ins Gesicht geschrieben.)
Ein Hoch auf die Technik. Es funktioniert. (Pause)
Herr Plöger, Sie haben jüngst eine Arbeit gezeigt, an der ich wider Willen – oder sagen wir – ohne mein Wissen beteiligt wurde. Darüber möchte ich mit Ihnen sprechen. Ich meine die Arbeit bent air.

PLÖGER: (Allein in einem Konferenzraum im Excellent Business Center Berlin Friedrichstraße. Blickt auf einen überdimensionierten Flachbildschirm. Wirkt entspannter als in den vorherigen Gesprächen. Die Ungezwungenheit von Sharp scheint auf ihn abzufärben.)
Ich habe vermutet, dass Sie darauf zu sprechen kommen.

SHARP: Sie beziehen sich in dieser Arbeit auf einen Text von mir, den ich 1970 geschrieben habe, er heißt Notes toward an understanding of earth art.

PLÖGER: Ja, den fand ich in dem Buch Land and Environmental Art, das von Jeffrey Kastner und Brian Wallis herausgegeben worden ist.

SHARP: Oh ja, Sie haben recht, dort ist er erschienen.

PLÖGER: In diesem Text schreiben Sie über die Neuerungen, die mit der Land Art in die Kunst Einzug erhielten. An einer Stelle im Text fangen Sie dann an, viele der Materialien aufzulisten, die durch die Land Art Einzug in die Kunst erhielten. Ich habe sie nachgezählt, es sind 41. Sie sind alphabetisch geordnet, fangen bei air an und gehen dann über ashes, dust, ice, sand bis hin zu water und wax. Danach zählen Sie die neuen bildhauerischen Bearbeitungsmöglichkeiten auf, die diese neuen Materialien mit sich brachten. Es sind 13 an der Zahl, und sie reichen von bent über curled und scattered bis hin zu sprinkled. Meine Arbeit nun besteht darin, dass ich Ihre Begriffe tabellarisch einander zugeordnet habe, so dass mitunter recht abstruse Kombinationen entstehen. Es ging dann los mit bent air, broken alcohol, curled asbestos

SHARP: Nun waren es aber 41 Substantive und nur 13 Verben.

PLÖGER: Wenn ich bei sprinkled, dem letzten Verb, angekommen war, fing ich bei bent wieder an. So kommen alle Verben dreimal vor, bent und broken sogar viermal.

SHARP: Sie haben daraus dann eine Diaserie mit 41 Dias gemacht, auf denen je ein Begriffspaar steht und die nacheinander projiziert werden.

PLÖGER: Anfangs dachte ich über die Möglichkeit nach, jedes Begriffspaar irgendwie bildhauerisch umzusetzen, aber ich scheiterte schon an bent air. Denn alles, was ich in Erwägung zog, blieb reine Illustration. Mir fehlte die Offenheit im Arbeitsprozess. Ich entschied mich, es beim Text zu belassen.

SHARP: War das der einzige Grund für Ihre Entscheidung zugunsten von Text?

PLÖGER: Naja, da war nun dieses erste Begriffspaar bent air. Wahrscheinlich gab auch das der Arbeit eine Richtung. Alles bleibt im Bereich der Vorstellung. Alles bleibt unterschwellig. Ich biege Luft. Ihre Luft. Und die Luft desjenigen, der die Begriffe liest.

SHARP: Wird die Arbeit dadurch nicht totalitär? Ich meine, Sie zeigen nicht, Sie beatmen. Sie infiltrieren.

PLÖGER: Ich kann nichts Totalitäres finden. Es ist doch nur Luft.

SHARP: (zögert) Ein reales Objekt ist eine klare Sache. Klare Kante. Es ragt in den Raum, es konfrontiert. Es ist gewissermaßen ehrlich. Es ist da. (Pause) Verstehen Sie? Ich kann mich ihm entziehen. Zur Not kann ich es zerstören. Dagegen sind Ihre Begriffspaare die Produkte eines Giftmischers. Sie dringen in mich ein und setzen sich in meinem Kopf fest. Eine Art Implantat.

PLÖGER: Dann wäre jeder Dichter ein Giftmischer. Überhaupt jeder Mensch, der Sprache nutzt. Und obendrein totalitär. Eine gewagte Behauptung.

SHARP: Nein, Sie missverstehen mich. Entscheidend ist, wo man herkommt. Und wir verhandeln hier die Sprache auf dem Gebiet der Skulptur. Wir kommen vom Gegenstand, vom realen Objekt, und ersetzen es durch einen Begriff. An diesem Punkt gilt es, genau hinzuschauen. Was verändert sich? Was geht verloren? Was tritt hinzu? (Pause)

PLÖGER: Hab’ ich nie drüber nachgedacht.

SHARP: Schade.

PÖGER: (überlegt) Ich würde sagen, die Skulptur wird zur Fiktion.

SHARP: Knapp daneben.

PLÖGER: Dann sagen Sie’s.

SHARP: Sie individualisieren die Skulptur. Sie entziehen den Gegenstand, an dem wir unsere Wahrnehmung schärfen und abgleichen. Eine gemeinsame Erfahrung wird nicht mehr zugelassen. Sie nehmen den Ort der Zusammenkunft. Den Marktplatz. Das Lagerfeuer. Was bleibt: Vereinzelung. Das persönliche Profil. Das Prinzip der Individuation. Die Ich-Skulptur. Der Terror der Individualität.
Die Dinge lösen sich in der Sprache auf, werden zersetzt. Sprache als Salzsäure. Am Ende kehren Sie die Sprache gegen sich selbst.

(Schweigen)

Aber ich möchte noch auf einen anderen Aspekt zu sprechen kommen. Und zwar auf einen Vortrag von Benjamin Buchloh aus dem Jahre 1979, gehalten am Art Institute of Chicago. Auch Buchloh nimmt hier eine Auflistung vor, allerdings eine Auflistung althergebrachter bildhauerischer Produktionsweisen und Materialien. Da stehen modellieren, behauen, schnitzen, gießen, schneiden, schweißen den Materialien Bronze, Marmor, Holz gegenüber. Geradezu ärmlich gegen den Kosmos der Land Art. (kichert in sich hinein)

PLÖGER: Allerdings, ja.

SHARP: Der Text von Buchloh scheint mir ein Schlüssel zu Ihrer Arbeit zu sein. Denn im weiteren Verlauf nimmt er eine Taxierung der Skulptur des 20. Jahrhunderts vor und stellt heraus, dass die radikale Skulptur dieser Zeit die Fragmentierung des skulpturalen Produktionsprozesses immer weiter zugespitzt hat. Zum einen werden die Materialien separat einer Untersuchung unterzogen, zum anderen gibt es eine Konzentration auf die Verfahren der Herstellung. Sie jonglieren – wenn ich so sagen darf – mit beidem.

PLÖGER: Ich lese die Begriffe eher wie ein Gedicht.

SHARP: (abwehrend) Nein, nein, das ist zu profan. Das kommt dem Kern nicht auf die Spur. Interessant ist die Kombination. Sie spielen im Kopf alle Möglichkeiten durch und erschöpfen damit das Feld.

PLÖGER: Komisch. Mir kam es immer so vor, als würde ich die Land Art, die eine abgeschlossene Menge an Arbeiten hervorgebracht hat, um einige fiktive Arbeiten erweitern.

SHARP: Da sehen Sie, wie man sich täuschen kann. Sie machen den Sack zu. Nicht auf. Die Arbeit bewegt sich genau an der Grenze von Möglichkeit und Unmöglichkeit von Skulptur.

PLÖGER: Mein Interesse richtete sich auf etwas anderes. Da sind auf der einen Seite die Materialien und auf der anderen Seite die Techniken zur Bearbeitung. Dazwischen steht die, sagen wir, materialgerechte Anwendung. Also eine Verarbeitung des Materials, die möglich erscheint. Ein Seil beispielsweise kann man sicherlich hängen oder rollen, aber schwerlich falten und sicherlich nicht versprühen oder brechen. Wenn man nun aber alles mit allem kombiniert, jedes Material mit jeder Bearbeitungstechnik, dann kippt es ins Absurde. Es ist ein Fehler im System. Es kommt zum Kurzschluss, recht wörtlich.

SHARP: Beim mehrmaligen Lesen der Begriffe ist mir ein kleiner Fehler aufgefallen. Sie führen curled in Ihrer Aufzählung vor crumpled und verlassen damit die strenge alphabetische Ordnung. Ist Ihnen das aufgefallen, war es Absicht oder stammt der Fehler am Ende von mir?

PLÖGER: Das weiß ich nicht mehr genau. Mir ist der Fehler erst aufgefallen, als ich Ihren Text nicht mehr zur Hand hatte. Erst wollte ich den Fehler korrigieren, doch dann gefiel er mir. Durch das Vertauschen deutet sich die immense Kombinationsmöglichkeit an, die in der Arbeit verborgen ist. So öffnet sich jenseits der 41 genannten Begriffspaare noch eine Tür hin zu den möglichen Kombinationen, die von mir nicht durchgespielt werden.

SHARP: Man weiß am Ende nicht, wer der größere Narr ist: derjenige, der die Systeme aufbaut, oder derjenige, der ihnen vertraut.

(An dieser Stelle erheben sich die beiden und sprechen die folgenden Worte gemeinsam. Durch die Zeitverzögerung bei der Datenübertragung erreichen sie aber keine vollkommene Synchronität ihrer Stimmen. Die Worte des jeweils anderen klingen eher wie ein weit entferntes Echo.)

SHARP / PLÖGER:

bent air

broken alcohol

curled asbestos

crumpled ashes

heaped bamboo

hung benzene

piled candle

propped chalk

rolled charcoal

scattered down

sprayed dust

spread earth

sprinkled excelsior

bent felt

broken fire

curled flares

crumpled flock

heaped foam

hung graphite

piled grease

propped hay

rolled ice

scattered lead

sprayed mercury

spread mineral oil

sprinkled moss

bent rocks

broken rope

curled rubber

crumpled sand

heaped sawdust

hung seeds

piled slate

propped snow

rolled steel wool

scattered string

sprayed tar

spread twigs

sprinkled twine

bent water

broken wax.