Der skulpturale Sound der B-Seite.

Michael Sailstorfer
im Haus am Waldsee / Berlin

Michael Sailstorfer: 3 falsche Perser, 2004. Ausstellungsansicht Haus am Waldsee 2014 Berlin, Foto: Bernd Borchardt
Michael Sailstorfer: 3 falsche Perser, 2004. Ausstellungsansicht Haus am Waldsee 2014 Berlin, Foto: Bernd Borchardt

Raketenbäume und andere Schnapsideen
Unaufgeregt aussergewöhnlich. Bekömmlich im Unzumutbaren. Mal lapidar, mal pubertär. So gefallen und unterhalten sie. Fast immer schmecken die Arbeiten von Michael Sailstorfer bemerkenswert unverbraucht nach dem Glück des Zufälligen, provozieren die überraschende Plötzlichkeit eines schelmischen Einfalls. Vor allem seine frühen tragen das Unerwachsene wie die abendliche Spinnerei eines Draufgängers vor sich her.
Raketenbäume (2011), die von einer Explosion entwurzelt aus der Erde gen Himmel schießen. Einsame Wartehäuschen, die sonst im Betrieb bayerischer Überlandbuslinien stehen, werden zu provisorisch bewohnbaren Stützpunkten aufgerüstet. Als Unterschlupf können sie so zum Wohnen mit Verkehrsanbindung (2001) dienen, vermutlich gerade dann, wenn man den letzten Bus kläglich verpasst hat. Oder ein unbekanntes Flurstück Wald, von Künstlerhand eigens mit schwarzer Farbe zum unverkennbaren Schwarzwald (2010) nachgedunkelt und als Live-Bild auf einen Bildschirm in den White-Cube übertragen. Oder eine Straßenlaterne, die von einem zur Abschussrampe umfunktionierten alten Mercedes abgefeuert wird, um nach kurzem Leben als fliegende Sternschnuppe (2002) mit hartem Aufprall auf dem Boden der Tatsachen zu verenden. Alles in allem Ideen, Interventionen und Übertragungen von der Reichweite einer fehlgezündeten Sternschnuppe, der nonchalanten Tristesse einer Haltestelle oder dem Charme einer ausgetrunkenen Bierflasche.
So deppert, salopp oder absurd, so fadenscheinig, leichtsinnig oder unerheblich die Arbeiten von Michael Sailstorfer manchem heimatverbundenen Betrachter beim Blick aus dem Vorgarten erscheinen sollten, zeichnen sie sich doch durch eine konzeptuelle Stichhaltigkeit aus, die es versteht, selbst alberne Jugendstreiche in unterhaltsame Kunst zu konfigurieren. Eine Kunst, die das Leben ansaugt. Eine Kunst aber auch, deren improvisierte und spontane Spielart dem enthusiastisch angeheiterten und zugleich melancholisch verödeten Geist eines Adoleszenten entsprungen zu sein scheint. Manchmal scheinbar nicht viel mehr als eine bekloppte kurzlebige Laune, deren Umsetzung es aber versteht, mit elementarer Lässigkeit zu imponieren. Ab und zu reibt man sich verwundert die Augen, wie es ihm gelingt, in seiner Kunst den unaufdringlichen Anschein des Beiläufigen so zwanglos zu wahren, selbst noch, wenn es knallt, quietscht oder stinkt. Sailstorfer garantiert in jedem Moment den spielerischen Spass eines improvisierten Lebens. Nicht auszudenken, wie manch einer, dem Jägerzäune und Gartenzwerge echte moralische Wertmaßstäbe verkörpern, reagieren würde, wären all diese Schnapsideen nicht durch den Rahmen der Kunst abgesichert und somit der Wahnsinn verbrieft. Was soll’s also? Institutionalisierte Provokation. Kunst muss heute niemand mehr ernst nehmen.

Ein Heimatkünstler als Shootingstar
In kürzester Zeit ist Michael Sailstorfer – und könnte eine Faust besser auf ein Auge passen – durchgestartet. Seine Objekte, Aktionen und Installationen sind derart nachgefragt, dass sie längst selbst zu Raketenbäumen und Sternschnuppen am Kunsthimmel geworden sind. Rückblickend lässt das die angesprochenen Arbeiten wie verheißungsvolle Paraphrasen auf den Starkult eines sensationshungrigen Kunstbetriebs aufleuchten. Sailstorfer, gerade einmal Mitte Dreißig, wurde mit Ausstellungen in Museen geehrt, ist prominent im Kunst-Bunker der Sammlung Boros vertreten und seine Galerie Johann König zeigte kürzlich eine seiner Videoarbeiten in ihrer neuen Residenz St. Agnes in Kreuzberg mit geradezu sakralem Gestus.
Sailstorfer ist angekommen in der großen Welt des überreizten Kunstzirkus, was weiter keiner Rede wert wäre, nähme seine Arbeit nicht ihren Ausgang im beschaulichen Niederbayern. Seine süddeutsche Abstammung scheint ihm mehr als nur räumliche und biographische Herkunft zu sein, macht er sie doch darüber hinaus auf differenzierteste Weise zum Gegenstand seiner Kunst. Wenn Sailstorfer auf der ländlichen Blaupause seiner Herkunft seine Kunst-Koordinaten einträgt, so macht er das ohne Attitüde und ohne Anbiederung. Im Gegenteil: er bewahrt sich sogar eine beinahe bodenständige Verbundenheit mit dem ländlichen Raum. Heimat dient ihm weniger als Motiv, denn als Material und Zielscheibe. Nie behauptet seine Kunst dabei mehr zu sein, als sie ist. Und doch gelingt es seinen Eingriffen, das Bestehende zu befremden oder umzuformen. In der Schwebe zwischen Kunst und Leben agiert er als Heimatkünstler von urbanem Format. Einer, der in der Wahl seiner Mittel alles Provinzielle schon immer souverän hinter sich ließ.

Schwarzwaldwitze für Kunstkenner
Dass seine Kunst den engen Zwängen des Provinziellen trotzdem von Anfang an entkam und den beschaulichen Bildern des Heimatlichen nie entsprach, liegt schlicht an der Wahl seiner Mittel. In seiner Arbeit mischen sich Medien-, Wissens-, Konzept- und Bilder-Bestände der jüngeren Kunstgeschichte zu einer Handschrift, die die Züge einer humorvollen Avantgarde-Mimikry trägt. Häufig genug stehen konkret bestimmbare Arbeiten anderer Künstler Modell für die eigene Improvisation. Seine Cover-Versionen, Pastichen und Aneignungen spielen auf Bruce Naumann, Andy Warhol, Gordon Matta-Clark, Beuys, Duchamp, Land-Art und Konzeptkunst an. Sie nehmen ihre Vorbilder spielerisch auf, eignen sie sich an und formen sie ironisch um.
Ohne Scheu entspricht er darin einem Bedürfnis der Zeitgenossen nach einer smarten Kunst, die sich in ihrem Unterhaltungswert dem Wissen der Avantgarde zu bedienen und sich zugleich den ästhetischen Standards und den konzeptuellen Taktiken der aktuellen Post-Avantgarden verpflichtet weiss. Sein Sound bleibt dabei jederzeit mühelos, virtuos und vielseitig. So ungezwungen, unterhaltsam und pointiert, dass sich manchmal der Gedanke einschleicht, man begegne einer unaufhaltsamen Popkorn-Maschine eloquenter Unterhaltungs-Kunst oder einem Metaphern-Helikopter bei der Herstellung von Schwarzwaldwitzen für Kunstkenner.
Mitunter kann sich das anfühlen, als sei man einem Gesprächspartner ausgesetzt, der humorlos einen Witz an den nächsten reiht. Spätestens beim dritten Witz spürt man, das das eigene Lachen nicht mehr ganz so ehrlich hervor gluckst, beim fünften mischt sich gefällige Langeweile hinein, beim siebten wird das Würgegefühl unerträglich. Witzigkeit kennt Grenzen.
Zum Glück sind Sailstorfers Witze wohldosiert, seine Pointen genuin und seine Kunst erschöpft sich nur selten im Humoristischen. Er scheint zu wissen, was er tut. Doch selbst spektakuläre oder zauberhaft poetisch implodierende Pointen lassen am Ende wenig zurück, wenn die aufgebaute Spannung sich in Nichts auflöst. Diese Struktur des Witzes hatte schon Kant erkannt. Dieser Gefahr setzt sich Sailstorfer manchmal aus, wenn er seine Kunst allzu sehr auf eine klare Pointe zuspitzt. Witz lebt von der Vielseitigkeit seines Nachhalls. Meistens baut Sailstorfer seine Gebilde mit traumwandlerischer Gelassenheit mehrdeutig und hintersinnig genug, so dass die besten Pointen erst spät und kurz, bevor sie verglühen, entschlossen noch eine unerwartete Wendung nehmen.

On The Road
Die Provinz ist gut, wenn man ihr entkommen kann. In jedem Sinne, ob leiblich oder gedanklich, ob metaphorisch oder wörtlich. Nicht aus jedem Aufbruch, nicht aus jeder Reise wird dabei gleich eine wundersame Irrfahrt werden. Gleichwohl, das Leben mit all seiner Offenheit und Widersprüchlichkeit allein als Weg zu verstehen, reicht den Mythen der Pop- und Jugendkultur noch lange nicht. Es braucht einen unverwechselbaren Sound, die Weite des Unangepassten und eine sich nie aufbrauchende Sehnsucht nach dem wilden Leben. Es braucht die Straße. Es braucht einen Horizont, der nie enden will und für manche auch die Glut der untergehenden Sonne. Die Generation der Beatniks um Kerouac, Cassady, Ginsberg und Burroughs haben dieses Lebensgefühl des Unterwegs-Seins in ein Stilbild des Rebellischen gegossen, das seither von Generation zu Generation weitervererbt wird. Liebe, Sex, Freiheit, Musik, Drogen. Manche der Gründerväter des Rebellischen nannten das authentisches Leben. Doch was davon kann heute noch als wahrhaft authentische Erfahrung mit exemplarischem oder existentiellem Anspruch gelebt werden, da diese vielfach besungene Welt von ihren recycelten Klischees vernebelt, ihre einst erregenden Impulse im Mainstream der Pop-Kultur gründlich verwässert sind. Übrig geblieben sind lediglich die Klebebildchen einer verschlissenen Illusion und blinde Versuche, den bedingungslosen Aufbruch in ein gesellschaftliches Außenseitertum als bloßes Lebensgefühl bei der Autofahrt zum nächsten Konzert zu reinszenieren. Wie ernst aber sind die Geschichten von Sehnsucht und Scheitern zu nehmen, die dem marktstrategischem Kalkül einer gnadenlosen Gefühlsindustrie unterliegen?
Auch Sailstorfer scheint im Bann dieser gesellschaftlich-kulturellen Widersprüchlichkeiten zu agieren, ein Lebensgefühl beglaubigen zu wollen und es zugleich ironisieren zu müssen. Vielleicht findet erst diese Generation dafür auch in der Kunst eine adäquate Sprache.
Die Enge der Heimat hat Sailstorfer jedenfalls schon in Heimatlied (2001) mit der Offenheit der Straße konfrontiert, als er abgewrackte Wohnmobile in ein passables Blech-Haus umbaute, das zwar nur noch mit fremder Hilfe zu bewegen war, zugleich aber noch alle Züge improvisierten Lebens trug. Im Haus am Waldsee wiederum kann man nun die wenig später aus einem fragmentierten Gelenkbus des öffentlichen Nahverkehrs entstandene Skulptur Dean und Marylou (2003) bestaunen, dessen Titel unmittelbar auf Kerouacs Kult-Buch On The Road anspielt. Mit dessen Hauptfigur Dean Moriaty und seiner Frau Marylou ruft Sailstorfer den ganzen Kosmos, der mit diesem Mythos verbunden ist, in Erinnerung. Alles aber, was dieser Roman verkörpert, ist hier geparkt. Abgestellt und ausrangiert als eine kompakte Skulptur ohne Türen, ohne Fenster und ohne Reifen. Vernietet und vernagelt. Ein unzugänglicher und klotziger Doppelkörper wie ein ratloses Monument der Immobilität und Ambivalenz. Wie zwei von einander abhängige fensterlose Nomaden auf Dope.

Michael Sailstorfer: Dean und Marylou, 2003 & Mit dem Kopf durch die Wand, 2002, Ausstellungsansicht Haus am Waldsee 2014 Berlin, Foto: Bernd Borchardt
Michael Sailstorfer: Dean und Marylou, 2003 & Mit dem Kopf durch die Wand, 2002, Ausstellungsansicht Haus am Waldsee 2014 Berlin, Foto: Bernd Borchardt

 

Bonustracks
Sailstorfer ist das Kind einer Generation, die mit dem popkulturell aufbereiteten Mythos des wilden Lebens aufgewachsen ist, ohne noch an gesellschaftliche Wirksamkeit von Kunst und Ideen zu glauben. Gleichwohl sind sowohl die ausgesprochenen als auch die unausgesprochenen Versprechen einer kommerzialisierten Jugendkultur noch verführerisch. Da eine aufrichtige und unmittelbare Hingabe an diese Ideale verstellt bleibt, ist die strategische Antwort auf die Patt-Situation für gewöhnlich eine Mischung aus konzeptioneller Coolness und ironisierender Distanznahme. Auch bei Sailstorfer lässt sich dieser Hang zum zahnlosen Zauber des Konzeptuellen ablesen.
Tatsächlich erzeugen Sailstorfers Skulpturen aus dieser Melange einen spezifischen Sound, der überzeugt. Mit seinem Mix aus lässiger Coolness, unangestrengtem Humor und konzeptueller Klarheit trifft er den Klang der Gegenwart. Dazu gehört auch ein schwer zu bestimmendes, an Jugendkultur orientiertes Lebensgefühl, bei dessen Instrumentierung Musik eine entscheidende Rolle spielt. Diese Affinität zur Musik findet bei ihm eine Form, wenn er ein an einen Verstärker angeschlossenes Mikro in Beton gießt (Reaktor, 2005) oder das grün-weiße Blech eines Polizeiautos in ein Schlagzeug (2003) verwandelt. Auch hier ist die ironische Verwandlung Teil des bildhauerischen Prozesses. Eine grundlegende Einstellung, die sich auch in seinem spielerisch-kritischen Umgang mit Mythen zeigt, ob es die des niederbayrischen Alltags sind oder die vorfabrizierten Mythen der amerikanischen Populär-Kultur. Gerne greift er dabei auf Heroen wie James Dean, Marilyn Monroe oder Andy Warhol zurück, deren Narrative er auf verblüffende Weise bloß legt, indem er sie von einer völlig unerwarteten Seite aus in den Blick nimmt.
Nicht umsonst also nennt sich die Ausstellung im Haus am Waldsee B-Seite, wie die in der Regel mit weniger mitreißenden Bonustracks aufgefüllte Rückseite einer Schallplatte.

Michael Sailstorfer: Freedom Fries am Arbeitsplatz, 2013. Ausstellung Haus am Waldsee 2014, Foto: Michael Sailstorfer
Michael Sailstorfer: Freedom Fries am Arbeitsplatz, 2013. Ausstellung Haus am Waldsee 2014, Foto: Michael Sailstorfer

 

Schatzsuche. Kunst, Gold und der Reiz des Gerüchts
Ob auf einer öden Verkehrsinsel in Pulheim oder im südenglischen Sandstrand. Wenn Sailstorfer Goldbarren vergräbt, folgen die Menschen seinem Lockruf in Scharen, um das Terrain nach dem Edelmetall zu durchbuddeln (Pulheim gräbt, 2009; Folkestone digs, 2014). Sie transformieren den Ort, führen das Schauspiel ihrer Gier auf und freuen sich womöglich, an einem Kunst-Event beteiligt zu sein. Worum aber geht es bei dieser inszenierten Schatzsuche? Um Land-Art, um soziale Plastik oder partizipative Strukturen in der Kunst? All das wird zitiert, ja – und doch ist es in bestimmter Hinsicht auch wieder nicht viel mehr als ein gelingender Gag. Der Künstler initiiert aus dem Off ein Spektakel, dessen Mehrwert im Theatralischen entsteht, in der Erzählung, im Drama und in der Komödie. Mit der Aufführung der Laienperformer werden die Strukturen unserer Event-Kultur und die Effizienz- und Produktivitätsmythen unserer Gesellschaft bloßgelegt. Ein ironischer Kommentar zu den kalkulierbaren Nebenwirkungen medialer Glücksversprechen.
Sailstorfer ist ein Experte für die grundlegenden Mythen, von deren Narration die Kunst, aber auch die Gesellschaft durchzogen ist. Seine Arbeiten setzten hier wie so oft an der Schnittstelle von Realität und Fiktion, Kunst und Leben an, an der Wunsch und Wirklichkeit nicht immer zu unterscheiden sind.
In seinen Unterwasserarbeiten wiederum hat er das Werk gleich gänzlich über Bord geworfen. Er hat den materiellen Bestandteil er Skulpturen, die zum Teil Klassiker der modernen Skulptur-Geschichte wie Brancusi zitieren, im Meer versenkt. Eine vermutlich äußerst nachhaltige Strategie des Verbergens. Diejenige von Balzacs Malerheld Frenhofer, der sein unbekanntes Meisterwerk einmauerte, stellt er damit locker in den Schatten. Aber warum eigentlich? Geht es doch hier nicht wirklich um die Herausforderung des Scheiterns, die in der Moderne den Gestaltungsprozess des Werkes unabdingbar begleitet. Auch nicht um den damit einhergehenden und von existentiellen Zweifeln begleiteten Kampf der Gestaltwerdung, die manchmal in der verzweifelten Vernichtung des Werkes mündet. Sailstorfers ganzes Interesse gilt dem ironischen Spiel mit diesen tradierten Mythen der modernen Kunst und den mit ihnen verbundenen Erzählungen.
Schließlich bietet dieses Vorgehen auch einen kriminalistischen Kern. Kann der perfekte Mord am Kunstwerk gelingen? Rückstandslos beseitigt sind die Werke nicht. Unauffindbar bleiben sie nur an der Oberfläche. Sailstorfer hat Unterwasseraufnahmen seiner versenkten Kunstwerke anfertigen lassen und die Fotografien im Titel mit den GPS-Daten versehen. Tatortfotos, die eine detektivische Spurensuche imaginieren lassen. So nah und doch so fern.
Der Reiz des Gerüchts lockte die Goldgräber aus ihren Vorgärten. So rufen die bekannten Koordinaten des Untergangs und die grünbläulich schummrige Beglaubigung des Bildmediums förmlich nach den Abenteuern einer Unterwasserexpedition, um die vom Künstler im Ozean versenkten Kunstwerke vom Meeresgrund zu bergen.

Michael Sailstorfer: Trockenfisch, 2009 u.a.  B-Seite. Ausstellungsansicht Haus am Waldsee 2014. Foto: Bernd Borchardt.
Michael Sailstorfer: Trockenfisch, 2009 u.a. B-Seite. Ausstellungsansicht Haus am Waldsee 2014. Foto: Bernd Borchardt.

 

Der Heimwerker als Prototyp des zeitgenössischen Künstlers
Sailstorfer baut gerne um. Er kann die Dinge nicht so lassen, wie sie sind, weil er gerne Dinge ausprobiert. So nimmt er, was da ist, und werkelt daraus Anderes. Dabei gibt er Alltagsobjekten eine überraschende Gestalt. Gegenstände verlieren ihre hergebrachte Funktion oder sie erscheinen in ungewohntem Zusammenhang. Bestehendes wird umgedeutet, Vorhandenes neu organisiert, Verfügbares provisorisch neu zusammen gezimmert. Er liebt einfach das Moment der Transformation. Nichts Neues also.
So können Straßenlaternen zu Funken sprühenden Liebespaaren mutieren (Elektrosex, 2005) und Traktorenreifen zu dunklen Wolkengebilden (Wolken, 2010). Aus abgelegten grünen Polizeiuniformen knüpft er einen Flickenteppich (MSA-Polizeiteppich, 2013), das Bretterwerk eines Abbruchhauses reduziert er fachmännisch auf ein hölzernes Sofa (Heterichstr. 119, 2001), und aus Fahrradständern und Abbruchdielen zimmert er eine bespielbare Kegelbahn (Mit dem Kopf durch die Wand, 2002). Letztere ist jetzt – leider etwas unglücklich in den dafür zu bescheidenen Räumlichkeiten präsentiert – auch im Haus am Waldsee zu sehen.
Zu seiner Ästhetik gehört oft eine gewisse Billigkeit des Materials, nahezu immer aber die Billigung des Improvisierten. Der Heimwerker ist zum Prototyp des zeitgenössischen Bildhauers geworden. Sailstorfer steht da keineswegs allein. Warum ist das so? Kunst bestand immer schon aus Derivaten der Wirklichkeit. Die Arbeit mit den Elementen des Alltäglichen behauptet nun für das Zeitgenössische eine Relevanz des Haptischen, die wenigstens auf einer körperlichen und materiellen Ebene eine Partizipation an Realität sichert, ohne dabei einer substantialistischen Weltanschauung folgen zu müssen. Der Heimwerker reagiert flexibel auf die Unmöglichkeit, noch eine sichere Basis der Weltsicht zu gewinnen. Er vermag selbst auf hoher See noch aus Schiffbruchtrümmern ein neues Boot zu bauen. Und doch bleibt die post-avantgardistische Heimwerker-Kunst eine eigenartige Form zweck- und risikofreier Weltbastelei. Alles Basteln in der Kunst sieht aus wie die pure Lust am Handwerk und ist Konzept, in dem der Standort für die grundlegende Ausgangserfahrung der Gegenwart – die Erfahrung des unbehausten Lebens ohne feste Bezugspunkte – spielerisch bestimmt werden kann. Und ist das Leben nicht noch immer eine Baustelle?

Michael Sailstorfer: Auguste, 2004, B-Seite. Ausstellungsansicht Haus am Waldsee 2014. Foto: Michael Sailstorfer.
Michael Sailstorfer: Auguste, 2004, B-Seite. Ausstellungsansicht Haus am Waldsee 2014. Foto: Michael Sailstorfer.

 

Das Leben als Bremspur
Nichts bleibt also, wie es ist. Im Leben nicht und in der Kunst schon gar nicht. Denn in der Kunst, daran ging noch nie ein Weg vorbei, werden die Dinge der Welt verwandelt. So ist die Kunst ein Teil dieser Welt, und die Realität ein Bausatz des Künstlers. Kunst veredelt, verhöhnt und verschlankt, und manchmal löst sie sich auch selbst auf. Wenigstens fast.
Einmal hat Sailstorfer in einer Fotoserie dokumentiert, wie er eine hölzerne Hütte beheizt, indem er sie Balken für Balken, Scheit für Scheit in ihrem anfangs noch innenliegenden Ofen verfeuert, bis am Ende allein noch der gusseiserne Ofen in der Landschaft stand (3 Ster mit Ausblick, 2001).
Immer wieder findet er solche eindrucksvollen Bilder und Gleichnisse, die in der Einfachheit und Direktheit ihrer Sprache verblüffen. Anstatt aus wenig viel zu machen, macht er einfach mal aus viel wenig, ja fast sogar nichts. Nichts Nennenswertes, das trotzdem rockt. Er betreibt unter Umständen hohen Aufwand, um das Verschwinden, die Wandlung oder den Stillstand zu zeigen. Ausgestattet mit einem grundlegenden Sinn für die Absurdität des Lebens untersucht er so das Verhältnis von Aufwand und Ertrag, konfrontiert uns mit den Ideologien des Zwecks und der angeblich geheiligten Mittel. Immer folgt er einem Interesse am Flüchtigen, Immateriellen, Prozessualen, am Zeitlichen und Vergänglichen. Dazu gehört auch, den Begriff des Bildhauerischen gezielt auszuweiten … oder sagen wir besser: das Feld der bestehenden Ausweitungen umfassend zu bespielen. Er setzt performative Elemente und soziale Prozesse ein, nutzt nicht allein visuelle und haptische Sensationen, – auch Geräusche und Gerüche werden zum Bestandteil seiner bildhauerischen Arbeit. So wie der Duft von Warhols Parfüm, mit welchem ein auf eine billige Holzlatte aufgebrachter Duftspender in regelmäßigen Abständen den Raum bestäubt (Andy Warhol trägt Parfüm, 2007). Oder er fügt aus faulenden und erbärmlich zum Himmel stinkenden Honigmelonen einen für das Auge tatsächlich bezaubernden Vollmond (2009-2014) zusammen.
Auch der Gestank abgeriebenen Gummis, die Motoren und Schleifgeräusche seiner wahrscheinlich bekanntesten Arbeit Zeit ist keine Autobahn (2008) erweitern den Einfluss und Wahrnehmungsbereich des Bildhauerischen.
Die Arbeit der Motoren dient dabei nichts anderem als der allmählichen Auflösung, dem Abrieb, der unablässigen Aufzehrung, der Erosion des bildhauerischen Materials. Es sind Maschinen der Verschwendung, Automaten des Verschwindens. Bei Sailstorfer drehen die Maschinen regelmäßig hohl. Denn er kehrt ihre zweckrationale Produktivität um und stülpt ihre irrationalen Potentiale nach aussen. Die sinnlose Energieverschwendung der an der Wand rotierenden Reifen formulieren ein Sinnbild der vergeblichen Kraftanstrengung, führen lärmend das alltägliche Theater des beschleunigten Stillstands vor Augen. Und doch ist auch hier sein eigentlicher Clou die Auflösung der Skulptur in Unterhaltung.

Ist das Leben also eine Baustelle?
Oder ist es eine Bremspur? -
Eine Dauerpanne?
Oder doch ein mittelmäßiger Song auf der B-Seite, deren A-Seite wir nicht kennen?

Haus am Waldsee
Michael Sailstorfer. B-Seite
5. 9. bis 9. 11. 2014

Haus am Waldsee
Argentinische Allee 30, 14163 Berlin
Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr