Hiersein

Verlust des Hierseins.

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Verlust des Hierseins

Über neue Phänomene oder Epochenwandel wird meist entweder im Modus der Verheißung oder der Verlustklage gesprochen. Sicherlich, erst, wenn etwas verlorengeht, wird es oft richtig wahrgenommen – und: am Neuen ist das Verheißungsvolle das Interessanteste. Oder es macht Angst. Neue Phänomene werden oft einseitig wahrgenommen.

Der jeweilige Vor- oder Nachteil werden ausgeblendet oder als selbstredend eingeräumt, um es zugleich unter den Bergen an Klagen oder dem Glanz der Versprechen zu begraben.

Wenn ich also von dem Verlust des Hierseins (oder auch von “Aufmerksamkeit auf das unmittelbar umgebende Dasein”) spreche, so immer unter dem Vorbehalt, dass zugleich ein Überallsein gewonnen wird, dass einem Alleinsein und Mit-Sich-Sein eine Vernetzung, dem profunden Wissen die Informiertheit und dem Verlust der Biographie eine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit gegenüberstehen. Das sind die großen Pole, zwischen denen sich momentan ein fundamentaler Paradigmenwechsel abspielt. Dieser Wechsel besteht nicht so sehr in einer großartigen Neuheit oder in einer gänzlich anders gearteten Beschaffenheit der menschlichen Wahrnehmung, sondern vielmehr nur in einer anderen Prioritätensetzung, in einer anderen Gesamtheit der Wahrnehmung. Alles, was ich beschreibe, hat es schon vorher gegeben; allein die Verschiebung der Gewichtung zu der einen oder anderen Seite bewirkt irgendwann, dass Verhältnisse kippen, konkret gesprochen: dass uns inzwischen das Ferne näher ist, das Überallsein vertrauter als das Hiersein, die Informiertheit mehr interessiert als die Auseinandersetzung – und jede Biographie nur noch sentimental aufscheint.

Schon immer gab es Fernes nahe (durch Zeitungen, Bücher, Geschenke, Gerüchte), wurde dem Alleinsein die Ablenkung der Gesellschaft vorgezogen, sowie dem Buch der Film oder die Musik. Doch jetzt erleben wir eine weitere Zuspitzung. Das Ferne ist das Nächste geworden, der Gesellschaft wird das Alleinsein mit den anderen, virtuellen Vereinzelten vorgezogen und man ist mit dem Handy und den Gedanken überall, nur nicht bei seinem Gegenüber oder bei sich. Wenn sich bereits durch die Kutsche, den Zug und das Flugzeug die Körper und die Nachrichten immer schneller bewegten und Fernes näher rücken ließen, so gilt dies nun für die gesamte Kommunikation. Hier werden inzwischen gar keine Räume mehr überwunden. Dabei wird das Naheliegende zunehmend verdrängt. Wer je einen Bus nach Mittag mit Schülern gesehen hat, weiß sehr genau, was ich meine. Niemand redet miteinander, alle sind mit einem Spiel oder dem fernen Kommunikationspartner beschäftigt. Das hat auch große Vorteile. Die Schüler z.B. entspannen sich sichtlich, sie sind beschäftigt, sie setzen klare Prioritäten und unterliegen weniger einem unmittelbaren Gruppendruck. Wer permanent im Netz ist und in virtuellen Welten, kann sich seine Freunde auch besser aussuchen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Lesen. Sehr en vogue ist zur Zeit die Klage über den Verlust des Lesens, des Buches genauer genommen. Dabei wird vernachlässigt, dass es auch schon immer schlechte Literatur gab, die den Menschen keineswegs weiter gebracht hat. Ein Krimijunkie, der nach 3 Tagen aus seiner Höhle schleicht mit glasigem Blick und ohne Beachtung seiner Umgebung, unterscheidet sich nicht wesentlich von einem Serienjunkie, der gerade 6 Staffeln durchgezockt hat. Das Wesentliche bei der Klage um das verlorene Buch ist zunächst einmal die falsch verstandene Klage um das gute Buch. Nur dieses erzieht zu diesen Aufmerksamkeitsqualitäten, die dem Buch an sich zugeschrieben werden.

Es ist sicher kein Zufall, dass ebenso wie die Klage über den Verlust des Buches, die Achtsamkeit en vogue ist. Sie ist das Gegenstück zu dieser Klage. In dem Maße, in dem wir immer mehr Zerstreuungen unterliegen, wird die Achtsamkeit auf das Allerbanalste zu etwas vermeintlich Kostbarem. Dabei ist auch Achtsamkeit kein Gut an sich. So wie nur das richtige Buch zu Gewinn führt, so auch nur die qualitative Aufmerksamkeit auf Substantielles.

Freilich hat jedes Medium Eigenheiten. Und Qualität im Film erzeugt eine andere Besonderheit als Qualität im Buch. Warum der Verlust des guten Buchs also trotzdem im Zusammenhang mit dem Verlust des Hierseins gesehen werden muss, hängt damit zusammen. Denn zunächst einmal zieht das Buch ja Aufmerksamkeit von der unmittelbaren Umgebung ab. Wie Liessmann zuletzt in der FAZ schrieb: wer liest, dem vergeht zunächst einmal Hören und Sehen. Was aber gewonnen wird, und nur in guten Büchern, ist ein radikales Zurückgeworfenwerden auf sich selbst, seine Möglichkeiten, seine eigenen Strukturen, nicht nur der Sprache, sondern auch der Gesellschaft, des Bewusstseins, der Existenz; während es die Kunst mancher Kunstströmung war, uns wieder zu den Formen und Materialitäten zurück zu führen, unsere Aufmerksamkeit gerade für die Umgebung und die Dinge zu erhöhen.

Die Entfernung aus der unmittelbaren Umgebung (beim Buch) bzw. die Verfremdung der Erscheinungen (in der Kunst) können also ein verstärktes Zurückkommen, eine erhöhte Aufmerksamkeit für das Hiersein zur Folge haben. So kann aber auch ein im Internet gelesener Text (wo freilich die Ablenkungsgefahren größer sind), kann auch ein Spaziergang, bei dem man nichts erlebt, bei dem man einfach nur einen Gedanken spinnt, wieder zurückführen zu dem, was man unmittelbar erlebt und lebt.

Doch gerade das einfache Sich-Treiben-Lassen, das Nicht-Erreichbar-Sein wird in der modernen Kommunikationsgesellschaft zunehmend erschwert. Ein schnelles Studium und kapitalistische Effizienz verstärken diesen Druck, “unachtsam” zu sein, keinen Gedanken in Ruhe zu Ende zu denken. Ihn mal ruhen zu lassen. Ihn bei sich sein zu lassen. Wo aber sind wir dann? Am besten überall? Es liegt auf der Hand, dass die permanente Vernetzung und Mobilität nicht nur anregend und bereichernd sein kann, sondern auch ein Kreuz- und Zerstreuungsfeuer.

Unsere Sinne und Aufmerksamkeiten werden permanent zu dem Entferntesten gezogen; unsere Biographie, unser Leben puzzelt sich aus Versatzstücken zusammen, die zunehmend ausgetauscht werden können; die Information eilt herbei, bevor wir noch ihre Verortung im Bezug und in der Herkunft richtig verstanden haben. Das hat eine große und begrüßenswerte Unabhängigkeit zur Folge. Es befreit zum Beispiel gerade auf dem Land von der Enge der Umgebung, bringt Wissen und Aufklärung (unabhängig davon, ob das angenommen wird oder sich nicht vielmehr verschworene Gemeinschaften im Netz bilden aus Nerds und Radikalen). Aber all diese Vorteile sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir Biographie zunehmend nur noch als sentimentalen Effekt wahrnehmen, der uns im Grunde kaum betrifft. Das kann man bedauern, aber das wäre selbst so ein sentimentaler Anflug.

Der gravierendste Nachteil dieser allgemeinen Verflüchtigung in das Virtuelle – wir hatten uns allerdings die Vergeistigung des Wassermannzeitalters anders vorgestellt! – ist nicht nur die zunehmende Körperlosigkeit, die ja schon seit den 60ern von Philosophen beklagt wurde, als der Körper zurückgefordert und zentraler Telos einiger philosophischer Ansätze wurde, sondern auch eine fundamental grassierende Relativierung aller Erscheinungen und Lebensweisen, auf die der islamische Terrorismus nur eine mögliche (und die ignoranteste) Antwort ist.

Liebe erwächst nur aus Gebundenheit. In dem Maße aber, an der der Mensch fundamental ungebunden an seine nächste Umgebung ist und – das ist noch folgenreicher – nicht einmal an seine eigenen Gedanken und Gefühle, die jederzeit bombardiert, ausgetauscht, gepostet und manipuliert werden (und auch hier gilt: das wurden sie schon immer, allein, ein neues Stadium ist erreicht, wenn es keine Rückzugsräume mehr gibt bzw. sie irrelevant geworden sind) – in dem Maße muss er sich seine eigenen Verbindlichkeiten schaffen. Wenn aber der Entzug aus dem Hiersein nicht mithilfe eines guten Buches, sondern mithilfe konzerngesteuerter Dienste geschieht, wenn die Verbindlichkeiten und Bezüge, die sich der doch meist noch fast unmündige junge Mensch schaffen muss, in Kontexten eines voll auf Effizienz und Verwertung abzielenden Marktes allein geschieht, dann erscheint selbstredend plötzlich das altmodische Buch verklärend als Hort einer Selbstverwirklichung, der einsame Gang über die Landschaft als rebellischer Akt und das einfache gedankliche Folgen eines Einfalls als unerhörte Abschweifung, der ein Label verpasst werden muss, um den Menschen wieder in das Überallsein und in die Andockbarkeit für alle zurückzuführen. Mit diesem Verlust des Hierseins geht eben nicht nur der Verlust der Biographie und Veränderung des Raumgefühls einher (das ja schon durch die Erfindung der rasanten Fortbewegungsmittel durchlöchert wurde), sondern auch der Sinn für gewachsene Kontinuitäten, die Pflege der Umgebung.

Und man kann es sehr lange drehen und wenden will man will. Genau solche Kontinuitäten, egal wie sie aussehen, ob anarchisch oder traditionell, ob hippieesk oder im Netzwerk, suchen wir und versuchen wir zu erschaffen. Aber wie dies raum-zeitlos und fast entkörperlicht geschehen kann, muss sich noch zeigen, denn vorerst sind wir weiter an unseren Körper gefesselt. Und solange dies so ist, erscheint alle neue Freiheit vom Hiersein noch als Blendwerk.

Der Literaturkritiker Michael Braun beschrieb einmal die Funktion des zukünftigen zeitgenössischen Gedichts, es müsse mit harten vielen Schnitten die Wirklichkeit neu zusammensetzen und samplen. Ich halte dies für einen Unsinn. Mein Bin-Laden-Gedicht, das ihn zu dieser Aussage inspirierte, war eine einzige Parodie auf diese Vernetzbarkeit und die Schnitttechniken der neuen Welt.

Wohlgemerkt verstehe ich Parodie als Genre, das sein Thema sehr wohl ernst nimmt (und natürlich kann ich schnellen Schnitten und Vernetzungstechniken viel abgewinnen unter Umständen).
Bin Laden in seiner ikonenhaften Inszenierung der Autarkie gegenüber Technik und Großmacht, als Weiser in den Bergen, erschien mir zugleich vorbildhaft und trügerisch: ein falscher Prophet, vor dem ich die Poesie in Schutz nehmen wollte. Denn nur Poesie, kein religiöser Wahn, kann der Schnelligkeit und oft beliebigen Bilderflut unserer Zivilisation entgegenwirken. Die Antwort auf das Bildergebot, das unsere westliche Zivilisation in fast allen Bereichen zeichnet, wäre nicht der talibaneske Ikonoklasmus, sondern die philosophische und ästhetische Konzentration.

Ähnliches aber gilt auch für die Kunst. Sollte gerade sie sich nicht dem Heischen des Marktes nach Attraktion, nach immer neuen Bildern und Sensationen, vor allem aber der Angst vor der Leere, dem weißen Blatt der der schwarzen Stille widersetzen? Uns stattdessen einerseits Zwischenräume, die ein Denken in Gang setzen, und andererseits eine Achtsamkeit ermöglichen, die uns das, was eigentlich nahe ist und was wir nicht abstreifen können – ein Leben in der unmittelbaren Umgebung – überhaupt erst wieder näher bringen?