Gallery Weekend
Berlin 2015

Unsere Empfehlungen
7 Galerien - 11 Künstler
1. bis 3. Mai 2015

neugerriemschneider | Renata Lucas, Museu do Homem Diagonal / Museum of the Diagonal Man, 2014 (detail) Rio de Janeiro, BR
neugerriemschneider | Renata Lucas, Museu do Homem Diagonal / Museum of the Diagonal Man, 2014 (detail) Rio de Janeiro, BR

Am Ersten-Mai-Wochenende ist es wieder soweit. Das Gallery Weekend lädt in Berlin zum grossen Rundgang durch die Berliner Galerien ein. Wir haben uns das Programm schon einmal angesehen und einige Ausstellungen herausgehoben, auf die wir besonders gespannt sind. In der Galerie Buchmann kann man mit William Tucker die Arbeit eines hierzulande wenig beachteten Altmeisters der abstrakten Bildhauerei kennen lernen. Dabei hat der britisch- amerikanische Bildhauer sich zuletzt den körperlichen Aspekten der Bildhauerei zugewendet. Seine wuchtigen Bronzen wirken wie von der Natur geformte riesige Fundstücke. Wie Felsen, Schwemmhölzer und Baustümpfe, deren phantastische Wucherungen und Auswuchtungen menschenähnliche Gestalten animieren. Etwas altbacken, könnte man meinen. Mit ihrer namenlosen physischen Präsenz lassen sie aber souverän alle Denkschablonen hinter sich, um sich aufs Neue den grundlegenden Fragen bildhauerischer Praxis und noch immer den elementaren Bedingungen menschlicher Erfahrung von Körper und Natur zu stellen.
Eine dazu völlig konträre Auffassung von Kunst und Skulptur wird man dagegen bei Buchholz finden. Spätestens seit ihrer Solo-Show im vergangen Jahr im New Yorker MoMa ist Isa Genzkens mehr als nur einflussreiche Szene-Größe. Ihr komplexes und vielfältiges Werk ist eine wichtige Position in der Ära zeitgenössischer Post-Pop-Kunst. Genzkens kreuzt Kalkül und Unberechenbarkeit, Punk und Minimalismus, Konzeptkunst und Satire. Mit ihrer schwindelerregenden Kakophonie von Medien und Materialien weitet sie dabei die Bildhauerei leicht und spielerisch in eine humorvolle Narration der Dinge aus.
Der Name Gregor Hildebrandt steht inzwischen beinahe synonym für zu Kunst recycelte alte Audio und Videotapes. Medien und Geister unterhielten von jeher eine ähnlich intim- unterirdische Verbindung wie Traum und Wirklichkeit. Auf Wasser schlafend rauscht das Meer ist der klingende Titel von Hildebrandts Installation, die sich auf Jean Cocteaus surrealistisches Meisterwerk Orphée bezieht. Spannend! Und zu sehen: bei Wendrup.
In Kreuzberg empfiehlt sich schon allein wegen der umwerfenden Kirchenarchitektur ein Besuch in St. Agnes, wo bei Johann König die farbengetränkte, entgrenzte Malerei von Katharina Grosse dem verspiegelten Kunst-Kosmos von Jeppe Hein begegnen wird. Nach verzögerten zweijährigen Umbauten werden in der ehemaligen St. Agnes am Freitagabend mit der Ausstellungseröffnung zugleich der offizielle Umzug der Galerie in die Kirche und die dem gemäße hochamtliche Neutaufe zur König Galerie gefeiert.

Isa Genzken: Untitled, 2015, Courtesy artist and gallery
Isa Genzken: Untitled, 2015, Courtesy artist and gallery

Gregor Hildebrandt: “Im Raum (auf Wasser…)”, 2004. Courtesy the artist and Wentrup, Berlin
Gregor Hildebrandt: “Im Raum (auf Wasser…)”, 2004. Courtesy the artist and Wentrup, Berlin

Katharina Grosse: o.T., 2015, Courtesy of the artist and Johann König, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn. Photo: Olaf Bergmann
Katharina Grosse: o.T., 2015, Courtesy of the artist and Johann König, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn. Photo: Olaf Bergmann

Wer sich am Samstag für den zweiten Tag des Galerienwochenendes erst einmal stärken und in Mitte beginnen will, kann bei KOW Berlin – das sich im markanten, mit halbdurchscheinenden Polycarbonatplatten verkleideten Galerie- und Bürohaus „0013 Brunnenstrasse 9“ von Brandlhuber+ direkt über der U8 am Rosenthaler Platz befindet – ab 10:30 Uhr am ‘Open Brunch’ teilnehmen und sich die Arbeiten von Mario Pfeifer und Renzo Martens ansehen. Letzterer zeigt nicht nur eine eigene konzeptuelle Videoarbeit als sechstes Kapitel einer Reihe „One Year of Filmmakers“, sondern präsentiert 7 Skulpturen des von ihm im Kongo geleiteten Institute for Human Activities (IHA): 7 Selbstporträts kongolesischer Bauern und Plantagenarbeiter. Die Skulpturen wurden im Kongo aus Tonerde gefertigt und eingescannt, dann in Amsterdam von einem 3-D-Drucker reproduziert und schließlich von Chocolatiers aus belgischer Schokolade gefertigt. Zeitgleich wird in den KW von Martens für 5 Wochen ein Projektraum eröffnet. Was es damit auf sich hat, kann man nach dem Frühstück erkunden. Von Mario Pfeifer gibt es bei KOW eine 3-teilige Videoinstallation zu sehen: „Approximation in the digital age to a humanity condemned to disappear“ (2015) – eventuell tauchen in den Videos Feuerlandindianer auf, die ‘Yaghan’, aussterbende Wassernomaden, die seit Jahrtausenden die Südspitze Amerikas bewohnen. Es wird jedoch kein Dokumentarfilm gezeigt, sondern der ‘andere Blick’ eines ‘teilnehmenden Beobachters’ ihres Lebens und ihrer Kultur versprochen. Jedenfalls drehen sich bei Techno riesige Tintenfische im Stroboskoplicht, und der patagonische Sonnenaufgang, den die für die Meeresspinnenindustrie arbeitenden ‘Yaghan’ erleben, sei – so heißt es in der Ankündigung – so atemberaubend wie in der Panoramabar im Berhain. Wer will, kann direkt im Anschluß vergleichen. Ein „antirepräsentationales Projekt“, in dem „immaterielle Audiovisualität, Fischfabrik, Nachtclub, Alltag und Natur“ zwanglos zivilisatorisch in ‘approximativen’ Episoden zugeschnitten sind.

Wir bleiben auf dem südamerikanischen Kontinent, wenn wir – mit einigen Zwischenstationen in Mitte – eine halbe Stunde später bei neugerriemschneider angekommen sind: Dort erwartet uns eine neue urbane Intervention der brasilianischen Künstlerin Renata Lucas, die schon 2010 vor den KW – deutlich in Anknüpfung an Gordon Matta-Clark – ein großes kreisrundes Segment Berlins aus dem Boden gesägt und – samt Bordsteinen, Straßenlaterne, Asphaltsegment und granitenen Gehwegplatten – einfach wie einen riesigen Plattenteller um einige Grade gedreht hatte. Bei einer anderen Intervention versenkte sie einen Plattenteller im Betonboden und zudem halb unter eine Wand. Auf der Suche nach verborgenen städtischen Kontexten, verschlüsselten Sprachen „hinter den Gebäuden“ und den „historischen und politischen Übereinkünften“, macht sie im urbanen Raum unsichtbare Strukturen sichtbar, unbewußte Codes bewußt, Unbewegliches beweglich, Überhörtes hörbar – und Festgefügtes wird verrückt. Nun hat sie im Innenhof vor der Galerie in der Linienstrasse 155 eine Installation geschaffen, in der sie auf das Innere der Galerie und auf deren Umgebung mit einer ausgedehnten Installation Bezug nimmt, in der sie Fragmente historischer Berliner Brunnen, die sie in der Nähe fand, verwendet und neu kombiniert.
Last but not least zeigt Sprüth Magers den französischen Jungstar der Konzeptkunst Cyprien Gaillard in Kombination mit den wundersamen, halbdunklen Welten des cinematophilen Kunst-Comic-Zeichners Marcel von Eeden, dessen anspielungsreiche und verschlungene Bilderzählungen eigentlich immer einen Ausflug, wenn nicht sogar eine Reise wert sind. Dieses Mal vielleicht sogar eine spirituelle Reise in paranormale Gefilde des von Esoterik und Okkultismus besessenen Den Haag der 30er und 40er Jahre.

Mario Pfeifer: Approximation in the digital age to a humanity condemned to disappear, 2014, Courtesy of Mario Pfeifer and KOW, Berlin
Mario Pfeifer: Approximation in the digital age to a humanity condemned to disappear, 2014, Courtesy of Mario Pfeifer and KOW, Berlin

Renzo Martens: The spirit of Palm Oil / Djonga Bismar, 2014 Courtesy of Renzo Martens / Institute of Human Activities and KOW, Berlin
Renzo Martens: The spirit of Palm Oil / Djonga Bismar, 2014 Courtesy of Renzo Martens / Institute of Human Activities and KOW, Berlin

Cyprien Gaillard: Where Nature Runs Riot, 2015, film still © Cyprien Gaillard, Courtesy Sprüth Magers
Cyprien Gaillard: Where Nature Runs Riot, 2015, film still © Cyprien Gaillard, Courtesy Sprüth Magers

BUCHMANN GALERIE
CHARLOTTENSTRASSE 13
10969 BERLIN
TEL: +49 (0)30 2589 9929
WWW.BUCHMANNGALERIE.COM

GALERIE BUCHHOLZ
FASANENSTRASSE 30
10719 BERLIN
TEL: +49 (0)30 8862 4056
WWW.GALERIEBUCHHOLZ.DE

WENTRUP
TEMPELHOFER UFER 22
10963 BERLIN
TEL: +49 (0)30 4849 3600
WWW.WENTRUPGALLERY.COM

JOHANN KÖNIG
SCHAULAGER
DESSAUERSTRASSE 6-7
10963 BERLIN
TEL: +49 (0)30 2610 3080
WWW.JOHANNKOENIG.DE
ST. AGNES
ALEXANDRINENSTR. 118-121
10969 BERLIN

KOW
BRUNNENSTRASSE 9
10119 BERLIN
TEL: +49 (0)30 3116 6770
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NEUGERRIEMSCHNEIDER
LINIENSTRASSE 155
10115 BERLIN
TEL: +49 (0)30 2887 7277
WWW.NEUGERRIEMSCHNEIDER.COM

SPRÜTH MAGERS
ORANIENBURGER STRASSE 18
10178 BERLIN
TEL: +49 (0)30 2888 4030
WWW.SPRUETHMAGERS.COM

www.gallery-weekend-berlin.de

Als ultimativen Einstieg
schon am Donnerstagabend
ins Gallery Weekend
empfehlen wir ganz besonders
zwei Gruppenausstellungen
in unmittelbarer Nachbarschaft
mit zusammen mehr als
150
Künstlerinnen und Künstlern:
NGORONGORO
Artist Weekend Berlin
und
SALOON
Mehr dazu in unserem Artikel

NGORONGORO Einbruchkrater am Rande Berlins