nach der Kunst
ist nackte Nacht

(Ein Rückblick auf die Ngorongoro-
Ausstellung / Artist Weekend Berlin)

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nach der Kunst ist nackte Nacht

ja, ich gestehe, ich bin ein Kunst-Enthusiast, vor allem wenn ich Teil der Kunst werden darf. mich interessiert keine Kunst, die sich vorführt und damit mich als Konsumenten. ich will Anteil haben, ich will nicht nur sie, sondern mich, das Menschentier, verstehen oder vor dem Unverständnis stehen wie Kant vor “gewaltig überhängenden Felsen” oder “dem bestirnten Himmel über mir”. dann habe ich Anteil an ihr, zumindest bilde ich mir das ein: was stark auf mich wirkt, bin ich ja letztlich selbst durch das Kunstwerk hindurch. es spiegelt mich und ich es. ich habe keinen Anteil an einem Kunstwerk, wenn es mich belehrt, zeigt, dass es andere Kunst gut verstanden hat oder sich in Referenzen erschöpft (auch diese Kunst hat ihre Berechtigung, aber für Produzenten und Künstler). kurz: mir ist egal, welchem Erregungsfaktor in der Erkenntnisrotation der Begriffe die neuste Diskursmode nacheilt – ich will voll hineingehen können in die Kunst (selbstredend denkend). und das war das erste, was mir gefiel, als ich am Gallery Weekend in die NGORONGORO-Ausstellung ging, das Gelände wurde ja auf qjubes sehr schön beschrieben: überall hing Kunst, oben, unten, mit Leitern zu erklimmen, zu erbücken in niedrigen Durchgängen. das sagte mir zu, noch bevor die Kunst mich ansprach, wilde Hängung, alles vertreten, lass dich treiben! einige Künstler rümpften darob die Nasen – aber wen stören mittelmäßige Kunstwerke (wenn sie denn mittelmäßig waren), solange man sie gut ignorieren kann, weil es so viel (ob Perlen oder Säue) zu entdecken gibt oder weil sie überhaupt schön eingebettet sind: die Propfung als Ausscheidungen begünstigendes Mittel.
wir kletterten, fabulierten, tranken, tanzten und lange noch nachhängend (!) vor allem dies: ein riesengroßer, sich über Stockwerke in einem engen Raum erstreckender Federmann, projiziert auf die Betonwand, von Björn Melhus: er selbst wohl in Überlebensgröße als Huhn-Video, fast unbeweglich, aber lebend, atmend. unheimlich, anziehend, erhaben – ohne dass man wüsste, wieso. und vielleicht will man gar nicht wissen wieso: in diesem seltsamen Federmann leuchtete eine Epiphanie auf, über vermutlich ziemlich krude Umwege unseres Unterbewussten.

solcherart stimuliert standen wir um die Feuer im Hof und schon vorher hatten wir spekuliert, ob das beheizte Schwimmbad im Hof Kunstwerk sei, einfach zum Relaxen oder Provokation und wie lange es dauern würde, bis sich die Gäste darin verlustieren würden oder, wonach mir zumute war, selber eine Kunstaktion ins Leben riefen (in etwa: die nur Sekunden andauernde Rückeroberung des Kunstdiskurses durch die banausische Menge via nackter Körperlichkeit?). aber bisher schwammen nur einige Betrunkene brav in Badeanzug oder -hose darin herum, fast lautlos. irgendeiner müsste ja zur Tat schreiten … solle solle solle immer ich ein Künstler sein, rotierte es in mir? jetzt die Frage nach dem Sinn von Kunst stellen, indem ich meinen nackten Körper in einen entstehenden Tumult würfe? ich ging mit diffusen Ideen in das Gebäude hinter dem Schwimmbad, dort war eine Umkleide und Dusche. alles stand bereits unter Wasser. ich zog mich aus, angefeuert von einer langbeinigen Dame in aufreizender Wäsche. es war verdammt kalt, aber das Wasser der Dusche so schön heiß… ein feuchter Nebel ergriff von der gesamten Umkleide Besitz, ich wollte plötzlich nicht mehr Kunst sein, nur das nackte Leben verkörpern, spürte das strömende Wasser über mich hin … war ich nicht hier, um heilige Nacktheit zu genießen, die Wärme der Schöpfung … nun kamen die ersten Schwimmer und Schwimmerinnen zurück… und da stand ich, Enthusiast in Schwaden, glatzköpfiger Hippie, entblößtes Blumenkind mit selig verschwommenen Blick unter dem heißen Strahl und plötzlich verstanden alle den tieferen Sinn nach der Kunst, zogen sich aus, unsere Federkleider wurden hinweggespült, alle kamen heran gedrängt und pressten sich aneinander, eine Dralle an mich, dann eine andere … und wir wurden alle Brüder und Schwestern im Rückraum des Rückgebäudes des Schwimmbads im Hof der Savanne von Ngorongoro zu Berlin Weissensee …

nur kurze Zeit später spazierte ich, wieder in Anzug und mit Regenschirm, zurück zu den meinigen vor dem Feuer in der Nacht und unterrichtete sie über den Ausflug – sie hatten die Abwesenheit kaum bemerkt, schauten auf mich und glaubten es nicht. sie glauben der Kunst, die hängt – Ho! würde der buddhistische Zenmeister hier rufen. ich rief Ha!

 

Ohne nahegelegte Kurzschlüsse, hier, ganz unabhängig vom Text von Hendrik Jackson, ein Video zur Ausstellung Ngorongoro von Nina E. Schönefeld auf Vimeo