Am Rande
der Sichtbarkeit.

"Six degrees of freedom",
siebtes Gespräch.

Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger
Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger

Flughafen Frankfurt. Airport Conference Center. Raum K12. Thema: Terra.
Das Bildmotiv des Diptychons, das diesen Raum thematisch definiert, ist nicht genau auszumachen. Möglichkeit a) Makroaufnahme der menschlichen Haut, mit kleinen Splittern und Seifenschaum übersät; Möglichkeit b) Luftaufnahme von Wasserskifahrern in der Wüste (Langzeitbelichtung); Möglichkeit c) ein Rudel Spermien irgendwo auf dem Weg zur Eizelle.
Größe: 29 qm. Bestuhlung: Stuhlkreis für maximal 8 Personen. Ausstattung: Tageslicht, Flipchart, Leinwand, Telefon. Kein Catering.

LAGOS: Vor ein paar Wochen besuchte ich das Guggenheim-Museum in New York, um auf Toilette zu gehen, Ich pflege das stets zu tun, wenn ich in der Nähe bin. Nebenbei gesagt, ich gehe überhaupt überall auf’s Klo. Ob ich muss oder nicht. Denn der wahre Charakter eines Gebäudes zeigt sich auf den Toiletten. Also, ich war im MoMA, und beim Spülen erlebte ich eine kleine Überraschung, denn das Wasser, das aus dem Spülkasten kam, war rot. Ebenso das Wasser, das aus dem Wasserhahn floss, als ich mir die Hände waschen wollte. Ich erkundigte mich beim Personal, was es mit diesem Schabernack auf sich hat, und man sagte mir, dass Sie dahinter stecken.

PLÖGER: (grinst) Was Sie Schabernack nennen, war mein durchaus ernst gemeinter Beitrag zu einer Ausstellung. Ich ließ das gesamte Trinkwasser des Hauses rot einfärben.

LAGOS: Wenn ich Schabernack sage, dann beschreibt das tatsächlich auch nur meinen ersten Eindruck. Später habe ich die Arbeit als bedrohlich wahrgenommen. Ich wurde das Gefühl nicht los, als habe mich jemand vergiften wollen.

PLÖGER: Ja, damit hatte ich gerechnet. Aber mein Ausgangspunkt war ein anderer. Architektur wird ja weniger als Bild denn durch den täglichen Gebrauch wahrgenommen, und ich wollte eine Arbeit machen, die sich dieser Rezeptionsweise anschließt. Sichtbar wurde die Arbeit ja nur in den Kloschüsseln und Waschbecken. Und dahinter verbirgt sich ein viel gewaltigeres Bild, nämlich das von all den Wasserleitungen, die unter dem Putz des Hauses liegen und in denen sich das rot eingefärbte Wasser befindet.

LAGOS: Warum wählten Sie ausgerechnet rot? Dadurch mutet die Arbeit wie ein großer architektonischer Aderlass an.

PLÖGER: Ja, genau. Außerdem mochte ich die Irritation, die das Wasser auslösen würde. Man musste sich erst einmal vergewissern, ob die Färbung nicht von einem selbst verursacht wurde, durch eine unbemerkte Wunde oder Ähnliches. Es hätte auch Rost sein können, der sich manchmal von alten Leitungen löst. Oder sonstige Verunreinigungen.

LAGOS: Lassen Sie mich auf eine andere Arbeit von Ihnen zu sprechen kommen, die ebenfalls am Rande der Sichtbarkeit operiert. Man könnte sie als eine Leerstelle im öffentlichen Raum bezeichnen. Ich meine Ihren Beitrag zu Skulptur Projekte Münster im vergangenen Jahr. Ihre Arbeit hieß Warmer Raum und blieb weitestgehend unsichtbar.

PLÖGER: Mein Vorhaben war, auf einer Fläche von etwa 20 qm eine Bodenheizung im Außenraum der Stadt zu installieren. Nach einigen Ortsbegehungen wählte ich einen Platz nahe der Städtischen Bühnen. Der Bodenbelag wurde entfernt, die Bodenheizung auf einer Fläche von 5 x 4 Metern eingelassen und anschließend wurde der ganze Platz neu asphaltiert.

LAGOS: Wieso der Titel Warmer Raum, wenn es sich doch nur um eine Fläche handelte?

PLÖGER: Es ging mir um die Möglichkeit eines Raumes. Die Wärme schafft eine Voraussetzung für die Zusammenkunft von Menschen. Von daher schafft sie auch einen sozialen Raum. Außerdem steigt die Wärme auf und schafft durchaus einen dreidimensionalen Raum, der mit seinem Umraum diffundiert. Nur sichtbar war das Ganze nicht…

LAGOS: (unterbricht ihn) Es sei denn, es regnete. Dann trocknete die warme Stelle schneller als der Rest des Platzes und trat als helles Rechteck hervor. Als ich im vergangenen Herbst Münster besuchte, waren die Temperaturen gefallen, es hatte geregnet und die beheizte Fläche dampfte. Es war ein sehr poetischen Bild.

PLÖGER: Ja, je nach Witterungsverhältnissen wurde die Arbeit manchmal sichtbar. Ansonsten konnte man sie nur erfühlen. Allerdings wurde sie ja von Zeit zu Zeit auch durch das Verhalten der Menschen sichtbar. Einmal kam ich abends an den Platz, die Hitze des Tages war einer kühlen Abendluft gewichen und die 20 Quadratmeter waren dicht und exakt abgezirkelt von liegenden Menschen bedeckt, die die Wärme genossen. Nachdem sich das rumgesprochen hatte, suchten Obdachlose den Platz auf, um dort zu übernachten. Im Herbst bauten sich einige von ihnen dann mit Dachlatten, Decken und Folien eine einfache Behausung. Und tatsächlich war es darin angenehm warm.

LAGOS: Ihre Arbeit geriet in dem Zuge zum Politikum. Anwohner und Geschäftsinhaber liefen gegen die neue Nutzung sturm. Sie hielten das für einen Missbrauch Ihrer Arbeit, während verschiedene soziale Verbände sich für einen dauerhaften Verbleib der Wohnungslosen einsetzten. Am Ende drehte die Stadt Münster dem Projekt den Strom ab.

PLÖGER: Anfang der 90er Jahre entstand vor dem Kölner Dom die sogenannte Klagemauer. Ihr Initiator war stadtbekannt als Walter von der Klagemauer. Er spannte direkt vor dem Portal des Domes Schnüre zwischen vorhandene Pfähle und forderte die Passanten dazu auf, Friedensbotschaften auf Papptäfelchen zu schreiben, die er dann an den Schnüren befestigte. Er selbst wohnte damals in einem kleinen Verschlag aus Decken und Dachlatten, den er direkt an die Fassade des Domes angebaut hatte. Ich war zu der Zeit Zivildienstleistender in einer Kölner Obdachloseneinrichtung und hatte mit Walter manchmal zu tun. Die Nutzung, die meine Arbeit durch die Obdachlosen in Münster erfuhr, erinnerte mich daran. Denn auch sie rückten direkt in den Fokus, da der Ort ja von vielen Besuchern aufgesucht wurde. Die Leute liefen in den Verschlag der Obdachlosen ohne Berührungsängste hinein, da sie ja davon ausgingen, es sei ein Kunstprojekt. Und die Obdachlosen freuten sich über den Besuch und gaben Auskunft.

LAGOS: Bei allem Verständnis für die Interessen der Wohnungslosen muss man doch sagen, dass der Ort damit sehr einseitig besetzt wurde. Ihr ursprüngliches Konzept sah viele mögliche Nutzungen der Fläche vor. Auch die Zusammenarbeit mit einem Gärtner, der auf der Fläche vorübergehend ein Gewächshaus bauen wollte, war konkret geplant, scheiterte dann aber.

PLÖGER: Für mich war die Nutzung, die die Arbeit erfuhr, die beste aller Möglichkeiten. Es ist sehr schade, dass die Stadt das nicht dauerhaft zulassen wollte.

LAGOS: Mir stellt sich hier eine grundsätzliche Frage hinsichtlich künstlerischer Praktiken. Beide Arbeiten, sowohl die beheizte Fläche als auch das gefärbte Wasser, sind recht formalen Ursprungs.  Ihre Überlegungen dazu bleiben weitestgehend auf der Ebene von Raumfragen und dem Suchen nach gültigen Bildern stehen. Trotzdem evozieren beide Eingriffe wichtige gesellschaftliche Fragen. Hier das Fehlen menschlicher Behausungen, dort den Mangel an sauberem Trinkwasser. Was mich stört, das ist die fehlende Entschlossenheit, sich zu diesen Fragen zu bekennen. Es bleibt lediglich bei einer möglichen Lesart unter vielen. (Zögert) Viele Künstler wollen heute möglichst viele Diskurse mit ihrer Arbeit bedienen. Eindeutigkeit wäre dabei ein Hindernis. Also flüchtet man sich in eine Fülle von möglichen Bezügen und Deutungsansätzen. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?

PLÖGER: (überlegt lange, schlägt das rechte Bein über das linke, dann das linke über das rechte)  Ich weiß es nicht.

LAGOS: (etwas hämisch) Die passende Antwort.

PLÖGER: (seine Nachdenklichkeit weicht einer Angriffslust) Was wollen Sie denn?

LAGOS: (kühl) Ein Bekenntnis zur Eindeutigkeit.

PLÖGER: Nein. (Er schüttelt vehement den Kopf) Sie wollen alles flach machen. Sie wollen die Luft rauslassen. Sie wollen der Kunst das entziehen, was sie erst zur Kunst werden lässt.

LAGOS: (wieder hämisch) Ja, ich bin der böse Mann mit der Nadel. Peng! Und schon ist die Luft raus. Peng! Peng! Alles heiße Luft. Zisch! Puff! Peng! Peng! (Lagos fuchtelt wie ein Schießwütiger mit seinen Armen.)

PLÖGER: (wendet sich ab und murmelt in sich hinein) Blödmann!  Er macht doch die Diskurse. Ich sollte hier gar nicht sein. (Plöger überlegt. Ist der Diskurs Teil der Arbeit? Ihr immanent? Oder äußerlich? Kann die Arbeit ganz auf ihn verzichten? Und kann der Diskurs ganz auf das künstlerische Werk verzichten? Was passiert, wenn Kunst keine Bedeutung mehr hat? Oder verstellt die Bedeutung den Zugang zur Wahrheit? Er weiß es nicht, vermeidet es aber, mit Lagos darüber zu sprechen, um sich keine Blöße zu geben.)

 

Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger
Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger

Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger
Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger

Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger
Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger

Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger
Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger

Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger
Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger

Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger
Wolfgang Plöger: accused, 2011 © Wolfgang Plöger

Zur Bilderserie von Wolfgang Plöger: ACCUSED, 2011, 100 Poster, DinA1
Zum Schutz der Persönlichkeit werden mutmassliche Täter auf Pressebildern unkenntlich gemacht. In diese Posterserie werden die verpixelten Gesichtspartien verschiedener angeklagter Personen zum alleinigen Bildgegenstand und treten in Dialog mit dem Stadtraum von Berlin.