Kunst
entschärft
sich selbst.

Ein polemischer Essay
und ein philosophisches Stenogramm
von Günther Anders zur Kunst.

Kunst entschärft sich selbst

Zur Einstimmung ein ebenso anregendes wie vergessenes ‘philosophisches Stenogramm’ des Philosophen Günther Anders:

KEIN THEATER
Wenn der Opernsänger auf der Bühne „Feuer!“ ruft, dann ruft er das singend, und statt sich panisch aus dem Theater zu stürzen, applaudiert das Publikum dem Schmelz seines Tenors. Das alte „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“, trifft uns alle, auch diejenigen Autoren, die sich zur ‘Littérature engagée’ bekennen. Auch uns glaubt man nicht. Selbst dem großen Brecht hat man nicht geglaubt. Seine Versuche, der Gefahr des Lukullischen durch Erfindung von negativem Schmelz zu entgehen, sind ihm mißlungen; und zwar deshalb, weil ihm dieser „negative Schmelz“ zu gut gelungen ist; so gut nämlich, daß auch er nun applaudiert und durch den Applaus entmachtet worden ist. Das ist ihm von früh auf, von der ‘Dreigroschenoper’ an, so gegangen: denn es war ja die Bourgeoisie selber, die die Anprangerung der Bourgeoisie beklatscht hat. – Versuche niemals, ein Anti-Atom-Stück zu schreiben. Diese Stücke sind nicht nur deshalb unsinnig, weil es niemandem gelingen könnte, Szenen auf die Bretter zu stellen, die der Größe des Gegenstandes wirklich angemessen wären; sondern auch deshalb, weil das Stück vielleicht doch mehr oder minder gelingen könnte. Wenn das der Fall wäre, dann würde es aber als Kunstwerk applaudiert und durch diesen Applaus entschärft werden. Wie literarisch gut wir unsere Wahrheiten auch formulieren mögen – und das haben wir unter allen Umständen zu versuchen, sonst werden wir nicht gehört – auf das Theater haben wir zu verzichten; nein, sogar auf mehr: nämlich darauf, unsere Wahrheiten als Literatur oder als Kunst zu präsentieren. – Die Bühne als Straße? Nein, die Straße als Bühne.

(Günther Anders: Philosophische Stenogramme. München (Beck) 1965, letztes Stenogramm)

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Kunst entschärft sich selbst
Kritische Kunst, politische Kunst oder engagierte Kunst entschärfen ihr kritisches Wirkungspotential allein durch das Label ‚Kunst’, das sie kenntlich macht, wie den Heiligen das Stigma. Das gilt zumindest in der westlichen Welt und ist keine Neuigkeit (Breton, Brecht, Debord, Marcuse, Adorno u.a.); und weil es nicht neu ist, ist es weitgehend vergessen oder scheint obsolet. Gegenwärtige Kunst und Kritik haben ohnehin ein kurzes Haltbarkeitsdatum: In unserer Turbogegenwart wirkt übermorgen alles veraltet, was von vorgestern ist, und Vergangenheit und Gegenwart versinken unbemerkt im Info-Overload. Wir leben post-contemporär. Welche Kunst will heute Ewigkeit? … Nachhaltigkeit ist das Stichwort der Zeit. Aber wovon?

Wir wiederholen also: Das Label oder Etikett ‚Kunst’ allein (ob zu recht oder unrecht verliehen) reicht aus, um gesellschafts- oder kapitalismuskritische Kunst zu entschärfen oder zu neutralisieren. Kritische Kunst, Kunst und Kritik steigern die Resilienz des kritisierten Systems, das sie absorbiert. Nicht selten wirken gesellschafts- oder kapitalismuskritische Kunstausstellungen zugleich als Legitimation und Trigger für kritikresistentes und konsumfreudiges Verhalten. Große Kuratoren bringen tendenziell antikapitalistisch ausgerichtete Biennalen wie in Venedig 2015 unbekümmert in Einklang mit der durch sie angeheizten Umsatzsteigerung von Luxusartikeln und dem Sponsoring durch Konzerne. Kann Kritik durch Kunst überhaupt noch glaubwürdig bleiben, wenn sie vorspielt, es gäbe kein oder allenfalls ein unbeabsichtigtes Techtelmechtel mit dem Kritisierten unter dem Tisch?

Es läuft, auch hinsichtlich der Mittel, selbst bei größter Feindschaft de facto auf Joint-Ventures hinaus: Werbung eignet sich Kunst-Strategeme an, Kunst nutzt Werbe-Strategien. Ein Kreislauf der Re-Rekuperationen – das hatten die Situationisten vielleicht noch nicht gesehen – der den anabolen Stoffwechsel und das Innovationspotential der Zwillinge Neokapitalismus und Neoliberalismus aufrecht erhält und anregt. Die Glaubwürdigkeit nicht einzelner Künstler, sondern von Kunst schlechthin – nicht nur ihres Betriebs – ist fragwürdig geworden.

Im total integrierten und liebevoll gehegten Bereich Kunst darf und soll Narrenfreiheit herrschen, zumindest weitgehend. Ist der Künstler kein Genie, muss er mindestens dessen Charakteristika zeigen und dabei authentisch wirken. Das wird vom Künstler erwartet; er lernt es bereits an der Akademie. – Originale, Clowns, exzentrische Spinner und biedere Kunstnerds, obzessive Sonderlinge und High-Tech-Ingenieure, smarte Entertainer und Slapstick-Komödianten, bunte Hunde und schräge Vögel … man hat sie lieb gewonnen und flaniert angeregt und amüsiert durch ihre Gehege. Man ist tolerant und weltoffen und nimmt nicht besonders ernst, was dort passiert. Es ist ja auch Entertainment, oft lustig, manchmal traurig, manchmal erregend, mindestens interessant. Spektakel, Show und Slapstick, seltener mal ein kleiner Schock oder ein stimulierender Schmerz. Auch schöne und stille, nachdenklich stimmende Sachen gibt es ab und zu. Nur Fundamentalisten oder bornierte Kleinbürger regen sich noch auf. Zeitungen profitieren – und die kritischen Künstler, die sich einen Namen machen und verkaufen wollen (oder auch nicht), ebenfalls … selbst wenn sie als Kapitalismuskritiker schizoid zu werden drohen. Wie Atheisten, die nach Absolution verlangen.
Die Akteure des Betriebs gehen ganz unterschiedlich mit den Widersprüchen um: Der integere und idealistische Künstler wird an den Verhältnissen schizophren oder resigniert. Die großen Kuratoren und Direktoren lassen sich als Pragmatiker, Dirigenten oder Werbegenies feiern, als unabhängige und vorurteilslose Vermittler, die Gegensätze in Einklang bringen und Vielfalt fördern. Und die großen Konzerne und erfolgreichen Unternehmer, die kapitalismuskritische Kunst als Skalp in ihre Sammlungen aufnehmen, demonstrieren weltmännisch den Gestus liberaler Überlegenheit und renommieren mit Kritikresistenz; – und nicht zu vergessen: Spekulations- und Distinktionsgewinne sind einkalkuliert. Um mit Michel de Certeau zu sprechen: Auch in Fällen wie diesen lassen sich die ‘kreativen’ Konsumenten von den Produzenten nicht vorschreiben, wie sie die Güter zu gebrauchen haben – und nutzen sie gegen den Strich der Intentionen. Wird ihnen die Möglichkeit dazu nicht allein deswegen eingeräumt, weil es sich um Kunst handelt? Fehlte das Etikett ‘Kunst’ –  wüßten sie vermutlich wenig mit ihr anzufangen.

Branding. – Tabubrüche, Sensationen und Spektakel werden als Marketingstrategien eingeplant. Es wäre ja auch naiv, wenn man es nicht täte. Ein konstitutives Dilemma, ein circulus vitiosus: die Mittel und Aussagen müssen gerade bei den unbekannten Künstlern immer extremer werden, um die immer höher steigenden Wahrnehmungsschwellen zu überwinden und unter Tausenden Aufmerksamkeit zu erregen. Zwingt der Kunstbetrieb die wirklichen ‚freien Radikalen’, die zu diesen Mitteln nicht greifen, sich nicht vermarkten lassen und frei bleiben (wollen), zur Emigration? Nach innen, außen, in den Untergrund, Harz IV?
(Ein Paradebeispiel für nachhaltige Subversion im Untergrund jenseits der Kunst: Den Medizinern, die den Ausdruck ‘freie Radikale’ für krebserregende und Alterung bewirkende Molekülfragmente geprägt haben, ist es gelungen, vorderhand ‚wertneutral’ eine konservative Ideologie in zwei Worte zu packen und als feste Assoziation im angstbesetzten Unbewußten zu etablieren: ‘Selbstverständlich müssen ‚freie Radikale’, diese bösartigen Krebserreger, gebunden und unschädlich gemacht werden’).

Kunst entschärft sich. Wann und wo wirkte und wirkt kritische oder engagierte Kunst explosiv oder ‘nachhaltig’ zugunsten einer Veränderung zum Besseren? In revolutionären Zeiten, in reaktionären Diktaturen? Wie groß war die Wirkung der Komödien eines Beaumarchais kurz vor der Französischen Revolution, die Adel und Klerus lächerlich machten? Erreichten Kunst und Kritik nicht immer schon meistens nur die, die ohnehin für sie empfänglich waren? Sie bestärken sie in ihren Ansichten, geben aber auch neue Anregungen, bringen auf neue Ideen. Auf Unempfängliche wirken sie allergen und lösen gefährliche Gegen- und Überreaktionen aus. Billige kunstlose Kritik ist zwar ebenso kontraproduktiv wie schlechte kritische Kunst. Aber deshalb die Freiheit kritischer Kunst restriktiv einzuschränken – wäre ein fataler Kurzschluß. Ein Trost bleibt: In Ländern und zu Zeiten, in denen es kaum Messer gibt, schneiden selbst stumpfe Messer scharf.

Kunst schafft heute – wie gerade die 9. Berlin-Biennale zeigt – touristische Entertainment-Areas zum Chillen, bringt Gentrifizierung nicht nur ins Rollen, sondern auch zum goldenen Abschluss, erhöht die bürgerliche Lebensqualität durch Design, Deko und Denkanstöße, und läßt sich wunderbar – besser noch, wenn sie etwas kritisch ist – kommerzialisieren. Ein kritischer Gestus oder eine Revoluzzer-Pose gehören zu den obligatorischen Duftingredienzen der zeitgenössischen Post-Avantgarde.

Darüber hinaus läßt sich Kunst, auch kritische Kunst, hervorragend als Propaganda – selbst gegen Intention, Willen und Wissen der Künstler – für die eigene Politik einspannen. Das hat Tradition. In neuerer Zeit die vom FBI finanzierten Ausstellungs-Tourneen des Abstrakten Expressionismus im Kalten Krieg, oder, zur Aufrechterhaltung des Status Quo, Warhols überpopularisierte Pop Art – der konvertierbarsten aller vage kapitalismuskritischen Künste. Oder wie kürzlich (eher unbedeutend) die große Ai Weiwei-Ausstellung im Gropiusbau, die plakativ und publikumswirksam Deutschlands kritische Haltung gegenüber den Menschrechtsverletzungen in China feierte, während gleichzeitig unbemerkt die Handelsbeziehungen intensiviert wurden.

Die repressiven Regime sind nicht so weit wie wir: sie sind zu intolerant und nehmen Kunst und Kritik noch allzu ernst. – – – Und machen Kunst und Kritik gerade dadurch scharf. Sie machen sie dadurch gefährlich, dass sie sie wirklich ernst nehmen und sie zu unterdrücken suchen. Die verfolgten und inhaftierten Künstler werden so zu Helden und Märtyrern; sie werden wieder glaubwürdig, da man sie zwingt, mit Fleisch und Blut für ihre Kunst einzustehen. Das ist der Kardinalfehler repressiver Herrschaften.

Oder sollten sie manchmal einfach schlauer sein als wir? Es wäre eine raffinierte Strategie, sich aus einer prekären Situation zu befreien, indem man einen kritischen Künstler, der ohnehin schon zu viel Furore gemacht hat und international allzu bekannt ist, durch eine (vergleichsweise glimpfliche) Inhaftierung nicht nur warnt und bestraft, sondern bewußt noch stärker popularisiert, wenn seine Kunst und Kritik a) im Grunde eher harmlos und sowieso bekannt sind, b) sich ohnehin im Westen von selbst entschärfen, c) durch plakative Schlagworte in Allerweltsausstellungen simplifiziert werden d) die Erregungswellen dort schnell verebben, und e) vor allem die alleinige Aufmerksamkeit auf einen einzigen Verfolgten ablenkt von viel schärferer Kritik und Kunst und von viel gefährlicheren Kritikern und Künstlern.
Es gibt in China ein altbekanntes Strategem (Nr. 21), um sich aus einer prekären Situation zu befreien:

Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle.

‘Zusammenhängende Übersetzung’ nach Harro Senger: „Die Zikade sucht unbemerkt das Weite, indem sie sich ihrer goldglänzenden Hülle entledigt, auf die sie die Aufmerksamkeit des Verfolgers lenkt.“

Die ganze Welt starrt gebannt auf den inhaftierten und Repressalien unterworfenen Künstlermärtyrer und seine glänzenden Kunstartefakte aus Jade und Marmor, – und nimmt darüber hinaus wenig Notiz von anderen Mißständen, desaströsen Vorgängen und radikalerer Kritik.
Aber auch unserer Regierung dient die goldglänzende Hülle der Kunst: Der Künstler wird pompös geehrt, seine Kritik in simplen Schlagworten erklärt und ausgestellt, und umso besser kann man, dem Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit entrückt, mit der chinesischen Regierung kooperieren. Zur gleichen Zeit wurde in Berlin ohne großes TamTam, freundschaftlich und eher im Stillen, aber begleitet von den Perkussionisten „Double Beats“ eine andere, von BMW und der Lufthansa u.a. geförderte, facettenreiche Ausstellung mit chinesischer Kunst, „Die 8 der Wege“, eröffnet: von ihren Schirmherrn Klaus Wowereit und dem chinesischen Botschafter Shi Mingde. Wowereit hielt eine Eröffnungsrede. Politik auch hier, aber eine durchaus sehenswerte Ausstellung, die einen kleinen Überblick zur jüngeren chinesischen Kunst bietet. Stillschweigendes Understatement.

He Xiangyu, The Death of Marat, 2011, silicon, hair, textile, 175 x 50 x 35 cm, ProWinko Collection NL; Courtesy ALEXANDER OCHS GALLERIES BERLIN I BEIJING
Ausstellung “Die 8 der Wege” (2014) / He Xiangyu, The Death of Marat, 2011, silicon, hair, textile, 175 x 50 x 35 cm, ProWinko Collection NL; Courtesy ALEXANDER OCHS GALLERIES BERLIN I BEIJING – Die täuschend echt aussehende Silikonpuppe trägt einen chinesischen Funktionärsanzug, aber deutet mit dem Titel auf die Ermordung eines Revolutionärs. Kritik oder Lob des Kritikers? Wohltuende oder erschreckende Offenheit der Kunst. Die Welt ist nicht so einfach gestrickt, wie wir sie gern hätten. No Evidence.

Um wirklich existentiell wirksam werden zu können, muß sich kritische Kunst ihres Labels ‘Kunst’ mit allen daran hängenden, ihren Intentionen fremden Konventionen und Kuratoren, Klischees und Käufern entledigen. Die Surrealisten schon hatten – wer erinnert sich – diesen Versuch mit ungeheurer Vehemenz unternommen. Inzwischen sind sie – wovon viele Künstler nur träumen – längst geworden, wogegen sie sich immer, als ginge es ums Leben (und genau darum ging es), gewehrt hatten: Kunstgeschichte. Integriert und zahnlos, – ein Kadaver.
Wer sich nicht mit Schlagwörtern abspeisen läßt und mit scheinbarer Evidenz zufrieden gibt, wer nicht bloß gefällig oder genüsslich applaudiert, für den vielleicht leben sie und andere Künstler noch.